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Gemeinsame Sache machen

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Von: Rüdiger Dittrich

Wei geht es weiter mit der Neumühle? In Pohlheim geht es um die Zukunft des FC Gießen und des FC TuBa.

Pohlheim . Am 1. November 1927 wurde der SC Teutonia Watzenborn-Steinberg gegründet. 95 Jahre ist es auf den Tag genau her, dass die Grün-Weißen eine im Sportkreis Gießen mit nur wenigen anderen Vereinen vergleichbare fußballerische Erfolgsgeschichte starteten. Peter Gänßler, Ur-Teutone und in den 70er Jahren als Hessenligafußballer beim VfB 1900 Gießen im Einsatz, hat gerade wieder in einer Anzeige in den »Pohlheimer Nachrichten« und via Pressemitteilung an das etwas krumme, aber doch imposante Jubiläum und die »15 Meisterschaften und Pokalsiege« der Teutonen erinnert.

Die Neumühle des SC gehört fraglos zu den bedeutenderen Fußballadressen Mittelhessens, inclusive eines von Jörg Fischer beförderten Aufstiegs in die Regionalliga in der jüngsten Geschichte. Das Ende vom Lied ist bekannt: Aus dem SC Teutonia Watzenborn-Steinberg wurde 2018 mit Eingliederung der damals im Sinkflug befindlichen Fußball-Abteilung des VfB 1900 Gießen der FC Gießen, der, auch wenn der Name es nicht erahnen lässt, qua Gründungsort und Sitz ein Pohlheimer Verein ist.

Das wiederum ist ein durchaus wichtiger Aspekt der mittlerweile ausufernden Debatte. Einer Debatte, die SPD und Grüne lostraten, indem sie den Antrag stellten, in der Stadtverordnetenversammlung zu thematisieren, dass »die Sportanlage ,An der Neumühle‹ in Absprache mit anderen nutzungsberechtigten Vereinen nach deren Herstellung bzw. Sanierung in die Betreuung des Sportvereins FC Turabdin Babylon Pohlheim übergeben werden« soll.

Der Fußballer im Sportkreis reibt sich da überrascht die Augen, denn er ahnt, dass das so einfach nicht gehen kann. Der Erbpachtvertrag der Teutonen bzw. nun des FC Gießen läuft noch bis 2054. Und so mag die Neumühle vor allem im Bereich des Sportheims und der Funktionsgebäude äußerst sanierungsbedürftig sein, mit jährlich wiederkehrendem Schimmel, trotzdem aber ist sie per se Heimstatt des FC Gießen. Der aufgrund der 2018 vollzogenen Vereinskonstruktion zwar auf den ersten Blick nur noch eine grüne Löwenzunge im rot-weißen Gewand des Wappens als Teutonen-Reminiszenz präsentiert, aber eben doch in Watzenborn, ergo der Neumühle, zuhause ist. Das dokumentieren nicht nur die Alten Herren und Ur-Teutonen, die auf dem wieder hergestellten und nunmehr passablen Rasenplatz trainieren, sondern auch die in höheren Klassen angesiedelten Fußball-Junioren, die damals vom VfB 1900 mit eingebracht wurden. Sprich: Jugendtraining- und -spielbetrieb sowie die 2. Mannschaft sind an der Neumühle aktiv. Das sind rund 300 Kinder und Jugendliche plus eine Gruppenliga-Mannschaft.

So war und ist eine Übergabe oder Bereitstellung, wie von SPD und Grünen formuliert, eben nicht einfach so zu machen, sondern bedeutet auch, dass mit dieser Passage Öl ins Feuer eines lange schwelenden Konflikts gegossen wurde. Die CDU griff das ihrer Rolle gemäß prompt auf, ein gefundenes Fressen war das. Sie spricht von einem »Schnellschuss ohne Sachkenntnis« und einem »Entweder-oder«-Leitmotiv, wo ein »Sowohl als auch« angebracht sei. Das Ende vom Lied: Es wurde politisch motiviert über die Köpfe der Vereine hinweg eine Debatte losgetreten, die viel Porzellan zerschlagen hat, die Ressentiments gegen TuBa Pohlheim einerseits ebenso befördert, wie sie andererseits die berechtigten Nutzungsinteressen des FC Gießen ignoriert. Und darüber hinaus den »weichen Faktor«, dass eben ein solcher Verein eine Herzensangelegenheit ist, emotional und traditionsverbunden, völlig außer Acht lässt.

Somit fühlen sich, nachdem in den vergangenen Wochen über sie, aber nur wenig mit ihnen gesprochen wurde, auch die Verantwortlichen von TuBa Pohlheim zu einer Stellungnahme veranlasst: »Wir sind an einer konstruktiven und sachlichen Lösung interessiert und sind bereit, mit allen Beteiligten (Stadt Pohlheim, Vereine, Parteien etc.) in einen sachlichen und konstruktiven Dialog zu treten.« Damit schließt der Vorsitzende des FC Turabdin/Babylon Pohlheim, Aziz Kartal, seine Stellungnahme, in der mit großer Sorge darauf hingewiesen wird, dass »diese Pressemitteilung (der CDU, d. Red.) uns gegenüber sehr viel Hass aus der Bevölkerung hervorgebracht hat und gewisse Ressentiments geweckt hat, auch wurden hierbei Vereinsanhänger der jeweiligen Vereine gegeneinander aufgewiegelt. Wir waren und sind einem großen Druck ausgesetzt.«

Da geht es um mehr als nur Fußball, da gibt’s in der Stadt Pohlheim ein Problem, das sowohl in der Art der Antragstellung der SPD/Grüne als auch der Reaktion der CDU eher verstärkt als bereinigt wurde. Dabei liegt rein sportlich und im Sinne der Vereine die Sache auf der Hand: Der FC TuBa hat als bereits lange existierender Verein der Stadt Pohlheim - mit in der Verbandsliga angesiedeltem Fußball - das berechtigte Interesse, nach vielen Jahren der Vertröstungen, eine dauerhafte und adäquate Spielstätte zu erhalten. Holzheim, wo der Verein angesiedelt ist, ist kein klassischer Fußball-Ort. Nach Jahren der eher pragmatischen Duldung beiderseits, ist ein Burgfrieden eingekehrt, doch eine richtige Heimat ist nicht daraus geworden.

Unüberbrückbar?

Der FC Gießen als rot-weißer Verein mit grün-weißem Teutonen-Unterbau hat ein ebenso berechtigtes Interesse und das gute Recht, an seiner Heimstatt und mit dem Pfund seiner Jugendarbeit zu verbleiben. Spricht man am Rande der (Fußball-)Bande mit mehr oder weniger eingebundenen Kennern der Szene, so wird einerseits bestätigt, dass im Verhältnis zwischen den Teutonen und TuBa zwar einiges im Argen liege, hat aber nicht den Eindruck unüberbrückbarer Gräben. Warum auch? Nicht nur Aziz Kartal, die meisten TuBaner der ersten Generation, haben in Watzenborn das Fußballspielen erlernt, sind dort aufgewachsen, fast alle waren mal Teutonen. Da war von einem FC Gießen noch lange nicht die Rede.

Interessant ist zudem, wie wenig die Gesamtsituation der sportlichen Infrastruktur in Pohlheim eine Rolle zu spielen scheint. Mit dem städtischen Kunstrasen in Garbenteich, Rasenplätzen in Hausen, Garbenteich, Dorf-Güll und Grüningen - allesamt keinesfalls voll ausgelastet - sind Ressourcen vorhanden. Wenn man denn wollte. Wer aber was nicht will - und vor allem, warum nicht -, das ist tatsächlich rätselhaft. Angesichts der Herausforderungen und Zumutungen, die auch den Vereinen angesichts der Energiekrise bevorstehen, liegt aber doch nichts näher als eine konstruktive Zusammenarbeit. Mit dem Ziel einer von der Stadt sanierten Anlage (neuer Kunstrasenbelag, evtl. ein zweiter Kleinkunstrasen) und einem adäquaten Funktionsgebäude. Das könnte für den FC Gießen/Watzenborn und TuBa Pohlheim gemeinsam passen, oder? Es stehen Zeiten bevor, da geht es nur mit- und nicht gegeneinander.. Ob das im Bauauschuss gestern Abend auch so gesehen wurde, das ist eine ganz andere Frage.

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