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Allein gegen alle: Kai Häfner (m.) tankt sich gegen die beiden Franzosen Ludovic Fabregas (l.) und Benoît Kounkoud durch.

Testspiel-Sieg

Glänzender Häfner bringt DHB-Auswahl zum Strahlen

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft bezwingt in der Wetzlarer Buderus-Arena die französische Auswahl mit 35:34.

Wetzlar. Am Kassenhäuschen verteilt Ruth Klimpke freundlich wie immer die Eintrittskarten an die internationale Journalisten-Schar. In der Buderus-Arena verteilt Sohnemann Till wenig später keine Geschenke: Der Schlussmann der deutschen Handball-Nationalmannschaft verhindert mit seinen Paraden zumindest einen höheren Rückstand, als es 14:18 zur Pause gegen Frankreich steht. Am Ende feiert die DHB-Auswahl gar einen feinen 35:34-Erfolg gegen den Favoriten.

Deutschland - Frankreich 35:34

Alles Klimpke in Wetzlar also? Natürlich nicht. Aber das letzte Testspiel der DHB-Auswahl vor dem EM-Start am kommenden Freitag bietet schon so einiges an Lokalkolorit. Schließlich steht mit dem Ex-Europameister Andreas Wolff ein weiterer Mann mit Wetzlar-Vergangenheit im deutschen Tor und auch Regisseur Philipp Weber kann ja auf eine mittelhessische Zeit zurückblicken.

Doch die Stars des Abends stehen diesmal auf der anderen Seite. Als der schon etwas betagtere Bus eines Mannheimer Reiseunternehmens gegen 17 Uhr vor dem Hintereingang der Buderus-Arena hält, sieht das noch wie der Zwischenstopp auf einer Rentner-Reise zum Riesenbauernhof aus - inklusive Heizdeckenverkauf. Doch als sich die Bustür öffnet, kommt Olympiasieger auf Olympiasieger heraus. Die französische Nationalmannschaft ist in Mittelhessen eingetroffen. Und die Blauen machen gleich nach dem Abspielen der Nationalhymnen klar, wer hier der Favorit ist.

Zwar mögen die Rückraum-Asse Nikola Karabatic und Spielmacher Kentin Mahe schon etwas in die Jahre gekommen sein. Doch dass das kongeniale Duo gemeinsam mit dem wurfgewaltigen Dika Mem an guten Tagen immer noch Weltklasse darstellt, spüren die jungen Deutschen schnell. Mem eröffnet nach wenigen Sekunden gegen den chancenlosen Klimpke den Torreigen. Und immer wieder kommen die Gäste so leicht zu Toren wie die Bundestraße 49 zu einer neuen Baustelle. Nach einem zumeist Zwei-, teils Drei-Tore-Rückstand gleicht erstmals Weber nach 19 Minuten mit einer am letzten Silvester gewiss verbotenen Rakete zum 9:9 aus. Da jedoch die deutsche Abwehr einfach keinen Zugriff bekommt, auf der anderen Seite offensiv am Kreis wenig bis gar nichts geht, setzt sich Frankreich bis auf 18:14 ab. »Wir«, bilanziert DHB-Boss Axel Kromer in der Halbzeit, »waren in vielen Phasen ebenbürtig. Die Hauptdifferenz liegt im Tempospiel.«

Danach wird es wild. Danach wird vor allem wild gewechselt. Der bei eigenem Stürmerfoul lädierte, aber wohl nicht verletzte Philipp Weber bleibt komplett draußen. Dafür darf Luca Witzke Spielmacherqualitäten demonstrieren. Und das - um es vorab zu verraten - gelingt dem Leipziger überaus gut. Aber auch der Favorit testet im zweiten Abschnitt, was die Bank so hergibt. Und so wild, wie gewechselt wird, geht es minutenlang auch auf dem Feld zu.

Kühn bringt DHB-Team in Front

Dank des bärenstarken Kai Häfner, der im DHB-Dress so gut spielt wie in Melsungen schon lange nicht mehr, kommt die deutsche Mannschaft Tor um Tor auf. Häfner und sein MT-Mitstreiter Julius Kühn verkürzen in der 39. Minute auf 22:23. Und als der Hüne Kühn einen fast schon lustig anzuschauenden Tempogegenstoß nach einem gefühlt unendlich langsamen Sprint mit letzter Kraft abschließt, führt die DHB-Auswahl beim 27:26 (44:30) erstmals.

Das freut die 249 Zuschauer. Das freut Bundestrainer Alfred Gislason sogar sichtlich. Ein Test ist zwar ein Test. Ein Test gegen Frankreich ist aber eben auch ein besonderer Test. Das denkt sich auch Frankreichs Coach Guillaume Gille, als er durch Timo Kastenings 31:28 (48:00) den Sieg enteilen sieht und prompt seine Vorruhestands-Musketiere Mahe und Karabatic zurück ins Getümmel schickt. Prompt kommt der Favorit wieder auf und durch Benoit Kounkoud zum Ausgleich (58:00). Da jedoch Andy Wolff an alter Wirkungsstätte mehrmals Klasse zeigt, Häfner gar zum achten Mal beim 34:33 trifft, darf in letzter Sekunde ausgerechnet der freudestrahlende Witzke den 35:34-Siegtreffer feiern. Fazit: Ein Test ist ein Test. Aber ein gewonnener Test gegen Frankreich immer ein schöner Test. Und deshalb strahlen am Ende nicht nur Mutter und Sohn Klimpke in der Buderus-Arena. Die EM kann kommen. Die EM sollte aber erst dann kommen, wenn einige Mechanismen im deutschen Spiel noch besser greifen.

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