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Größte Kneipe Mittelhessens

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gispor_0909_hsg_ov_090922 © Red

Dutenhofen. Stefan Kretzschmar kann sich noch gut an die beiden Besonderheiten der Sporthalle Dutenhofen erinnern. Zum einen habe er als Linksaußen es hautnah erfahren dürfen, was es hieß, in der engen Halle in der Wingertenstraße zumindest eine Halbzeit lang dicht vor der seitlichen Tribüne rauf und runter zu laufen.

Der Verein habe doch bestimmt gezielt all seine Rentner mit Krückstöcken in die erste Reihe gesetzt, vermutet der ehemalige Weltklassespieler, wenn er die Geschehnisse von damals Revue passieren lässt. Der heutige Vorstand Sport bei den Füchsen Berlin sammelte nach der Wende bei Blau-Weiß Spandau, dem VfL Gummersbach und vor allem dem SC Magdeburg zahlreiche Bundesliga-Meriten und beendete 2007 seine sportliche Karriere.

»Und dann gingen nach dem Schlusspfiff die seitlichen Türen neben den Auswechselbänken auf«, ist »Kretsche« auch noch Jahre später eine gewisse Verwunderung gemischt mit Anerkennung anzumerken. Bierkästen und andere Getränke seien hereingefahren worden, genauso wie Thekenelemente. Ruckzuck sei aus der biederen Sporthalle ein proppenvoller Gastraum entstanden. Schnell war damals von der »größten Kneipe Mittelhessens« die Rede. »Dort wurde sogar geraucht«, blickt der gebürtige Leipziger zurück, der es auf 218 Länderspiele und 821 Tore im Trikot mit dem Bundesadler gebracht hat, dem aber neben einer Silbermedaille 2004 in Athen der ganz große Titel im Nationalmannschaftsdress versagt blieb.

Mit seinen Mannschaftskameraden habe auch er gerne noch in der Halle zwei, drei Bierchen zu sich genommen, bevor es in den Mannschaftsbus ging, erzählt der heute 49-Jährige. Und dann seien auch die vorangegangenen körperbetonten Auseinandersetzungen auf dem Spielfeld vergessen gewesen, bei denen sich Kretzschmar (wen wundert es?) vor allem an die Klimpke-Brüder »Wolle« und »Andy« erinnert. Die Idee zu dieser mobilen Getränkeeinheit in der Halle hatte Uli Theis. Der Ur-Dutenhofener und Torhüter der Grün-Weißen, erst bis 1981 und dann von 1989 bis 1992, der auch beim TV Hüttenberg, dem VfL Gummersbach und der SG Wallau/Massenheim spielte, brachte die Idee Anfang der 90er Jahre von einem Pokalspiel im Odenwald beim TV Kirchzell mit.

»Die hatten eine ähnlich kleine und enge Halle. Dort gingen nach dem Abpfiff die Rolltore hoch und auch dort wurden Thekenelemente reingeschoben und Bier und andere Getränke verkauft«, weiß der mittlerweile 65 Jahre alte Unternehmer noch genau. Was im Süden des Landes funktionierte, sollte auch in Mittelhessen passen. Für die Sporthalle Dutenhofen war es eine praktikable Lösung, für den Verein eine lukrative Idee.

Dazu muss man wissen, dass der sportliche Bau im Wetzlarer Stadtteil Dutenhofen in seinen Anfangsjahren nicht nur von außen betongrau aussah, sondern in seinem Inneren auf reine Funktionalität getrimmt war. Neben dem Spielfeld und den Umkleide- und Duschräumen war keine weitere Möglichkeit zur auch nur halbwegs vertretbaren gastronomischen Nutzung vorhanden. Erst im Laufe der Jahre, Erweiterung für Erweiterung, Anbau für Anbau, erhielt das Sportzentrum sein heutiges Gepräge.

Anfangs halfen sich die TSV-Verantwortlichen noch mit einem Bierstand in der Garage eines altgedienten Vereinsmitglieds auf der anderen Seite der Wingertenstraße aus. Auch diese Station zum Fachsimpeln und Zuprosten hatte sich einen gewissen Ruf erworben. Alle seinerzeitigen Anfragen des Autors zu einer Geschichte über das »Garagen-Start-Up« wurden von Rainer Dotzauer mit dem Hinweis auf ein daraus möglicherweise entstehendes Interesse des Finanzamts und anderer Stellen abschlägig beschieden.

So ganz problemlos mit dem Bierverkauf war es aber anfangs auch in der Sporthalle nicht. »Vom Sportamt bekamen wir die Auflage, den Boden mit Tetrapak-Hüllen auszulegen«, weiß Uli Theis noch. Dann habe man den seinerzeitigen Sportamtsleiter in den Verwaltungsrat des mittlerweile als HSG Dutenhofen/Münchholzhausen firmierenden Zweit- und späteren Erstligisten aufgenommen. Und schon war ein Bodenbelag kein Thema mehr. »Der Boden war aber auch sehr robust. Da konntest Du sogar Kippen drauf austreten, ohne dass es ihm geschadet hat«, lobt Theis, nicht nur seinem Stammverein weiter eng verbunden, sondern ebenso in der Führung der Füchse Berlin engagiert, den Belag des damaligen Spielfelds.

Das war natürlich alles Makulatur, als in der Saison 2004/05 der Umzug in die neue moderne Arena in der Wetzlarer Kernstadt anstand, erst Rittal-, jetzt Buderus-Arena. Das große Foyer des schmucken Baus an der Lahn lädt natürlich schon vor, erst recht nach dem Spiel zum Treffen und Austausch mit Freunden sowie zum einen oder anderen Getränk samt einem Snack ein und entspricht modernsten Anforderungen. Doch an den Charme der größten Kneipe Mittelhessens wird es nie heranreichen.

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