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Großes Kino mit traurigem Drehbuch

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Eine Hand hat der Fuchs immer am Ball: Auch HSG-Außen Emil Mellegard muss sich mit Berlins Torwart Dejan Milosavljev herum ärgern. © Ben

Wetzlar. Ben Matschke rauft sich regelrecht die Haare, reibt sich mit der Hand durchs müde erscheinende Gesicht und blickt mit traurigen Augen ins Nichts. Der Trainer der HSG Wetzlar wartet auf den Beginn der Pressekonferenz nach der 28:30 (12:15)-Niederlage gegen die Berliner Füchse.

Eine Niederlage so ärgerlich wie eine Steuernachzahlung. Eine Niederlage so unnötig wie nur etwas. Eine Niederlage schlichtweg zum Haareraufen. Denn die Grün-Weißen hatten den Champions-League-Aspiranten der Handball-Bundesliga fest am sportlichen Haken. Hatten den Favoriten fast schon aus dem handballerischen Teich gezogen und ließen ihn dann doch davon schwimmen. Frustrierend.

HSG Wetzlar - Füchse Berlin 28:30

So frustrierend, dass der HSG-Trainer nach Beginn der Pressekonferenz fast schon gequält sagt: »Ich muss den Füchsen gratulieren. Der Sieg war aufgrund der zweiten Halbzeit verdient. Wir haben unsere Chancen einfach nicht genutzt.«

Die Chancen, die die Domstädter zuhauf hatten, um einen wichtigen Erfolg im Kampf um den immer noch erreichbaren fünften Tabellenplatz und der Qualifikation für die European League zu feiern. Feiern war aber nicht. Und so stand Matschke auch nach dem Ende der PK frustriert im Raum und dürfte wohl noch die halbe Nacht diesen für die Gastgeber so schrägen Spielfilm ein ums andere Mal vor seinem geistigen Auge abgespult haben.

Dabei feierten seine Mannen in der ersten Halbzeit ein wahres Handballfest. Eine ganz verrückte Party. Eine Party, bei der Wahnsinn und Wahnwitz in der Buderus-Arena dicht beieinander lagen. Was die HSG und die Füchse Berlin 30 Minuten lang auf die Platte zauberten, verzückte teils die Zuschauer, ließ die Trainer aber wiederum ebenso oft aufstöhnen. Kempa-Trick hier, irrwitziges Tempo dort. Offensivfoul auf Offensivfoul da, verdaddelte Gegenstöße dort.

Langweilig zumindest geht anders. Langweilig war dieses Spiel so wenig wie eine Achterbahnfahrt auf einem Casino-Dach in Las Vegas. Die 60 eingeladenen Handball-Jugendlichen der HSG Herbornseelbach zumindest durften ganz viel lernen.

Aber erst nach fünf Minuten. Fünf Minuten in denen sich das Offensivgeschehen so zäh bewegte wie der Straßenverkehr Freitagnachmittags auf dem Berliner Kudamm. Doch dieser Stau löste sich blitzartig auf, als HSG-Rückraum-Ass Stefan Cavor nach sechs Minuten knallhart zum 2:1 einwarf. Jetzt gab es kein Halten mehr. Jetzt begann der Handball-Wahnsinn. Die Füchse wirbelten im Rückraum mit Jacob Holm und Lasse Andersson, trafen vor allem immer wieder durch Rechtsaußen Milos Vujovic, der auch das 2:4 (8:20) erzielt. Doch den energischen HSG-Rückraumrecken Stefan Cavor konnten die Füchse nicht mal kratzen. Der Montenegriner traf, wie er wollte. Als dann sogar sein zuletzt schwächelnder Rückraum-Partner Lenny Rubin zum 11:9 ein Lebenszeichen von sich gab, wurde die Hoffnung auf den nächsten Favoritensturz greifbar.

Doch der Wahnwitz wich dann eben doch phasenweise dem spielerischen Wahnsinn. Überhastet, übereilt und übereifrig vergab die HSG gegen in dieser Phase waidwunde Füchse eine höhere Führung. »Wir«, ärgert sich später Kreisläufer Felix Danner, »haben uns selbst nicht belohnt.« Und so was soll sich schon mal rächen. Aber an so was dachte keiner der 3750 Zuschauer, als Magnus Fredriksen mit einem herrlichen Pass Domen Novak zum Kempa bat (27:30). Und als - na klar - Cavor mit seinen beiden Treffern den 15:12-Pausenstand sicherstellte, galt Skepsis immer noch als fiese Schwarzmalerei in der Arena. »Wir«, schüttelt Füchse-Dompteur Jaron Siewert später noch den Kopf über Halbzeit eins, »können froh sein, dass wir in der ersten Halbzeit - entschuldigen Sie bitte die Wortwahl - nicht den Arsch versohlt bekommen haben.«

Nach weiterer Prügel sah es zunächst jedoch aus, als der grün-weiße ICE weiter raste. Von Cavors 17:13 bis zu Olle Forsell Schefverts 19:16 (37:00) stimmte die Fahrtrichtung. Doch dann folgte Betriebsstörung auf Betriebsstörung, technischer Schaden auf technischer Schaden. Weil Füchse-Torwart Dejan Milosavljev plötzlich Ball um Ball parierte (»Berlin hat das Torwartduell in der zweiten Halbzeit klar gewonnen«, so Matschke), weil die eben noch winterschläfrigen Füchse auf einmal in der Abwehr so bissig wurden, als hätte ihnen die Krankenkasse besten Zahnersatz gezahlt, verkürzte Berlin Tor um Tor. Der immer stärker werdende Jacob Holm war nicht mehr zu stoppen und glich zum 20:20 (42:30) aus. Und der Evergreen auf Außen, Hans Lindberg, streute eine wahre Trefferorgie ein, so dass die Gäste mit 23:21 führten (46:00). Doch die Grün-Weißen wehrten sich. Nicht mehr mit Witz und Klasse. Eher mit Kampf und Moral. Mit siebtem Feldspieler und wechselnden Defensivformation.

Beim 26:26 (52:30) schien Novak aus ganz spitzem Winkel nochmal alle Schwarzmaler Lügen zu strafen. Doch den Füchse-Bau nagelte immer wieder Milosavljev zu. Holms Doppelschlag zum 29:26 (58:00) war dann die Entscheidung, weil Schefverts Anschlusstreffer zu spät kam (59:30) und Tim Matthes in letzter Sekunde mit dem 30:28 alles klar machte.

Und so schüttelt Ben Matschke später den Kopf und sagt mit trauriger Stimme: »Wir haben den Vorsprung einfach zu früh verwaltet.« Und fügt hinzu: »Was mich ärgert, ist, dass wir am Ende zu passiv verteidigt haben.« Dann fährt sich der an diesem Abend traurige Mann ein letztes Mal durch die Haare.

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