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»Hut ab vor der Leistung von Köster«

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EM-Analyse von Kai Wandschneider © Red

Nach dem 30:23-Erfolg über Polen steht die deutsche Handball-Nationalmannschaft als Gruppensieger in der Hauptrunde der Europameisterschaft. Allerdings wird das Team von weiteren Corona-Ausfällen geplagt. Vor dem ersten Hauptrundenspiel heute gegen Spanien analysiert Kai Wandschneider den Auftritt der DHB-Auswahl gegen Polen. Der ehemalige Trainer der HSG Wetzlar wirft zudem einen Blick auf die kommenden Gegner.

»Glückwunsch an die deutsche Mannschaft zu diesem tollen Auftritt gegen Polen unter so schwierigen Bedingungen. Dabei gab es nicht einmal die Möglichkeit, ein gemeinsames Training mit den Nachrückern zu absolvieren. Dafür war die Leistung dann sehr konzentriert und fokussiert. Vor allem haben wir eine klare Steigerung in der Abwehr gesehen, die sehr viel defensiver und sehr kompakt in der 6:0-Formation agierte. Das ein oder andere Tor des polnischen Rückraumschützen Sicko hat man billigend in Kauf genommen. Das war genau die Steigerung im Abwehrverhalten, die nötig ist, um jetzt auch gegen stärkere Gegner bestehen zu können.

Zudem habe ich auch eine Glanzvorstellung der Rückraumreihe gesehen. Dabei stachen Christoph Steinert und Julian Köster heraus. Wow, was vor allem Köster, dieser Youngster aus der 2. Liga, da für einen Auftritt hingelegt hat. Hut ab! Aber auch Philipp Weber hat wieder super Regie geführt und vor allem die Überzahlsituationen sehr gut ausgespielt. In diesem Bereich liegt die Mannschaft nach drei Spielen bei 100 Prozent Erfolgsquote. Das ist überragend. Da wird äußerst variabel und taktisch bestechend gut vorgegangen. Gut, wir dürfen natürlich nicht vergessen, dass bei Polen vier Innenblock-Spieler gefehlt haben und somit nicht die stärkste Mannschaft aufgeboten werden konnte. Bislang haben wir auch nur gegen Mannschaften der sogenannten B-Kategorie gespielt, die nicht zur absoluten Weltklasse zählen.

Dennoch: Unsere Mannschaft hat nach den bitteren Corona-Ausfällen einfach eine tolle Moral gezeigt und über 60 Minuten sehr diszipliniert die Linie gehalten. Ein großes Kompliment geht auch an Bundestrainer Alfred Gislason, der Mut beweist und jedem Spieler das Vertrauen schenkt.

Am Rande: In der 2. Halbzeit gegen Polen hat Alfred größtenteils einen Spielzug im Angriff über Weber vortragen lassen. Wir nannten das in Wetzlar den Spielzug »Lemgo Elisson«. Nach dem Isländer vom TBV Lemgo. Meine ehemaligen Spieler werden sich noch gut daran erinnern. Und das hat gereicht, um Polen vor Probleme zu stellen, die der Gegner nicht lösen konnte. Weniger ist manchmal mehr.

Jetzt hat man hat man diese zwei wichtigen Punkte. Und damit schon mal einen kleinen Vorsprung auf Schweden und Norwegen und liegt gleichauf mit Spanien und Russland. Das ist wichtig.

Als nächstes steht heute die Partie gegen einen der absoluten Titelfavoriten an. Denn das sind die Spanier auch diesmal. Da kann man jetzt nur die Daumen drücken, dass keine neuen Infektionen bei der deutschen Mannschaft auftreten.

Insgesamt sieht man bei diesem Turnier, aber eben vor allem bei unserer Mannschaft mit Steinert oder Köster, dass die Bundesliga eine echte Schatztruhe ist. Wir haben in der Breite einfach die stärkste Liga der Welt. Und deshalb ist in der Tiefe des Kaders keine Nation so gut besetzt wie die deutsche. Auch Spanien nicht. Dort funktioniert die Liga einfach nicht.

Noch ein Wort zu den Corona-Fällen: Das war, glaube ich, tatsächlich, das erste Handballspiel, das ich gesehen habe, in dem eine Mannschaft mit nur einem Torwart auskommen muss. Das ist schon grotesk. Unser Routinier Johannes Bitter hat das wirklich gut gemacht, auch wenn das noch nicht überragend war. Es ist ja schon unglaublich, dass der deutsche Torwart-Trainer beim Aufwärmen die Bälle halten muss.

Dabei ist noch nicht einmal ein Spiel der Hauptrunde absolviert. Corona schwebt natürlich über diesem Turnier. Da muss man allen Spielern die Daumen drücken. Auch deshalb sind die Gegner in der Hauptrunde schwer zu beurteilen, weil eben viele Spieler ausfallen. Der stärkste Gegner wird meiner Meinung nach aber Spanien sein. Die anderen Kontrahenten kann man schlagen. Die bisherigen Auftritte der deutschen Mannschaft machen absolut Mut. Außer Reichweite liegt kein Gegner, auch Spanien nicht. Vor allem, weil die deutsche Mannschaft, allen Problemen zum Trotz, richtig guten Handball spielt.

Aufgezeichnet

von Karsten Zipp

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