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»Ich bin fast wieder ganz der Alte«

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Wieder am Start: Marc El-Sayed. © afi

Bad Nauheim . Eigentlich hat er frei, eigentlich ist kein Training. Doch Marc El-Sayed lässt es sich nicht nehmen, ins Eisstadion zu kommen. Reden statt Regeneration. Pause, Zwangspause, musste er lange genug machen. 300 Tage war der Kapitän des Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim wegen einer Herzmuskelentzündung zum Zuschauen verurteilt, seit Ende Oktober aber ist er wieder im Einsatz.

Und wie! Mit den Wetterauern blickt er auf die erfolgreichste Hauptrunde seit dem Wiederaufstieg in Liga zwei im Sommer 2013 zurück. Und der 31-Jährige fiebert den heute in Nordhessen beginnenden Playoffs, in denen im Duell des Vierten gegen den Fünften die Kassel Huskies im Hessenderby auf die Kurstädter warten, entgegen.

Marc, Sie werden es ahnen, zunächt die Standardfrage: Was macht die Gesundheit?

Sehr gut, danke der Nachfrage. Ich habe in den letzten Monaten ja nun auch einiges an Untersuchungen hinter mir. So engmaschig ist in unserem Team wahrscheinlich keiner unter die Lupe genommen worden. Das Herz ist in Ordnung, aber die Knochen tun weh. Eine lange Saison hinterlässt bei Eishockeyspielern Spuren, das ist aber ganz normal.

Haben Sie inzwischen Erkenntnisse, woher die Herzmuskelentzündung stammte?

Am wahrscheinlichsten ist, dass meine Corona-Erkrankung, die ich mir im Januar 2021 zugezogen hatte, ursächlich war.

Hat Ihnen Ihre Corona-Infektion rückblickend vielleicht sogar das Leben gerettet?

Auch wenn es paradox klingen mag: Ich kann das nicht ausschließen! Im Dezember 2020 hatte ich mich echt mies, richtig grippig gefühlt. Bis zum Corona-Test Anfang Januar ging es mir dann wieder ganz gut, ehe mich drei bis vier Tage Kopf- und Gliederschmerzen voll erwischt haben. In meiner zweiten Quarantäne-Woche ging es mir besser. Und dann kam die große Überraschung beim verpflichtenden Return-to-play-Test, bei dem meine Herzmuskelentzündung rasch entdeckt wurde. Gottseidank ...

Sie haben nach 300 Tagen Pause Ende Oktober in Frankfurt Ihr Comeback feiern dürfen. Hatten Sie daran noch geglaubt oder hatten Sie sich mit dem vorzeitigen Ende Ihrer Profikarriere beschäftigt?

In den ersten Tagen habe ich gedacht, dass ich nie wieder aufs Eis zurückkehren würde. Als ich mich jedoch relativ schnell erholte, haben mir die Ärzte Hoffnungen gemacht, dass ich Profi bleiben kann. Ich habe mich mit speziellen Reha-Programmen von Woche zu Woche wieder herangearbeitet.

Welche Unterstützung hatten Sie während dieser schweren Zeit?

Ich bin in Gambach und Ober-Mörlen aufgewachsen, ich komme also aus der Region. Ich habe hier Familie und Freunde, da versteht es sich von selbst, dass einen viele Menschen unterstützen. Aber auch die EC-Verantwortlichen haben sich toll um mich gekümmert. Sie haben mir sogar sportpsychologische Hilfe organisiert. Der Weg zurück war hart, ich habe aber keinen Druck des Clubs verspürt.

Bei welchem Leistungsvermögen stehen Sie heute gegenüber der Zeit vor der Diagnose?

Das ist schwer zu sagen. Unser enger Spielplan verlangt jedem von uns alles ab. Und wenn dann noch jemand wie ich die Vorbereitung nicht mitmachen konnte, wird es umso härter. Ich habe aber schon immer von meiner Fitness gelebt, so dass ich behaupten möchte, fast wieder ganz der Alte zu sein.

Lassen Sie uns über die aktuelle Situation bei Ihrem EC Bad Nauheim sprechen: Was unterscheidet das Team 2021/22 von den vorherigen acht Spielzeiten im Unterhaus?

Die Trainer sind andere. Sie haben neuen Schwung, frischen Wind in unser Team, das von Harry Lange und Hugo Boisvert offensichtlich recht gelungen zusammengestellt wurde, gebracht. Außerdem passen wir charakterlich sehr gut zusammen. Einer steht für den anderen ein, so dass wir selbst in Partien, in denen wir verletzungs- und krankheitsbedingt nur zwölf Jungs zur Verfügung hatten, erfolgreich geblieben sind. Außerdem haben wir auf den Schlüsselpositionen herausragende Leute. Ich denke da gerade an unsere beiden Torhüter Felix Bick und Philipp Maurer, die ich für das stärkste Duo der Liga halte. Außerdem hat uns unsere Siegesserie zu Saisonbeginn sehr lange getragen. Dass wir in den ersten neun Auswärtsspielen ungeschlagen geblieben sind, hat uns sehr selbstbewusst gemacht. Davon haben wir lange gezehrt und es immer wieder geschafft, uns trotz einiger zwischenzeitlicher Durchhänger nicht von unserem Weg abbringen zu lassen.

Wo lagen die Stärken, wo die Schwächen?

Harry Lange und Hugo Boisvert haben es geschafft, uns die für das Bad Nauheimer Eishockey so typischen Tugenden wie Leidenschaft, Kampf und Begeisterung quasi einzupflanzen. In der Abwehr haben wir viel Erfahrung, die Mannschaft ist tief besetzt, auch die dritte und vierte Reihe leisten wichtige Beiträge. Und die Besetzung der Ausländer-Positionen ist uns echt gut gelungen, sie alle machen einen Top-Job. Luft nach oben haben wir sicher beim Thema Torabschluss. Außerdem fangen wir immer mal wieder zu leichte Gegentreffer und tun uns bisweilen schwer, 60 Minuten konstant auf einem guten Niveau zu agieren.

Was können wir von Ihrer Mannschaft in den Playoffs, die die »Roten Teufel« die vergangenen beiden Spielzeiten verpasst haben, erwarten?

Es werden enge und umkämpfte Spiele gegen die Kassel Huskies, die sicher wissen, dass wir gerade auswärts sehr stark sind. Natürlich wäre ich lieber Vierter geworden und hätte im Viertelfinale das Heimrecht-Plus gehabt, doch ich möchte nicht hadern. Denn Platz fünf nach der Hauptrunde haben uns sicher die Wenigsten zugetraut.

Wie hart ist es zu wissen, dass Ihr Team, sollte es am Ende sogar Meister werden, nicht aufsteigen wird, da es sich nicht für die DEL beworben hat und das nach drei Seiten offene Stadion keine Zulassung bekäme?

Das ist kein Problem. Wer hier beim EC Bad Nauheim unterschreibt, der weiß, was auf ihn zukommt. Dennoch wollen wir möglichst erfolgreich sein und die Playoffs nicht so schnell beenden.

Wie wird Ihr Leben nach der sportlichen Karriere aussehen?

Zunächst mal bin ich erst 31 und kann noch ein paar Jahre Eishockey spielen. Was danach kommt, muss ich abwarten. Ich habe die eine oder andere berufliche Möglichkeit im Hinterkopf, mal schauen, was sich ergibt.

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