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»Ich genieße jede Minute«

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Von: Wolfgang Oelrich

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»Zurückziehen ist das Schlimmste, was man machen kann«, weiß die Klein-Lindenerin Laura Wickert. Das betrifft auch den Zweikampf gegen Maditha Bahr von der TSG Lütter. Foto: Friedrich © Friedrich

Von Aufgeben keine Spur: Nach vier Knie-Operationen kämpft sich Laura Wickert auf den Platz und in die Mannschaft des Fußball-Hessenligisten TSV Klein-Linden zurück.

Klein-Linden. Laura Wickert ist eine Kämpferin. Nach ihrer dritten Knie-Operationen hatte sie eigentlich ihre Fußballkarriere beendet. Und es folgte sogar noch eine Vierte. Doch nach dreijähriger Pause läuft sie wieder für den TSV Klein-Linden auf. Ihr Saisondebüt feierte sie am 24. September in der Partie gegen Dortelweil. »Ich wurde in der 31. Minute eingewechselt«, erinnert sich die 28-Jährige ganz genau an diesen »Gänsehautmoment«, wie sie ihn selbst nannte. Eine Woche später stand sie gegen Lütter erstmals in der Startelf. »Lauras Rückkehr fühlt sich für uns an wie ein hochkarätiger Neuzugang«, freut sich auch Trainerin Janin Hocker.

Fußball spielt Wickert seit ihrem achten Lebensjahr, damals in ihrem Heimatort Schwalmstadt bis zur C-Jugend zusammen mit den Jungs. Bei Hessen Kassel kickte sie in der Verbands- und der Hessenliga, bevor es sie im Zuge der Ausbildung nach Dillenburg verschlug. 2015 zog sie nach Gießen und heuerte beim TSV Klein-Linden an.

Das verflixte linke Knie

Ihr Leidensweg - es war immer das linke Knie - begann 2011. Der Meniskus war gerissen. Drei Monate nach der Operation stand die Linksfüßlerin wieder auf dem Platz. Die zweite Operation erfolgte 2015, die Dritte im Januar 2020. Der Grund waren keineswegs schwere Fouls, sondern in erster Linie eine Überlastung wegen einer Fehlstellung im Gelenk. Das erste Training nach der dritten Operation im Sommer brachte die Erkenntnis: Das war’s mit dem Fußballspielen. »Ich war froh, einigermaßen schmerzfrei im Alltag zu sein«, erzählt die Bauingenieurin.

Für Wickert war das keine einfache Entscheidung. »Ich hatte enge Bande zur Mannschaft. Oft haben wir außer dem Sport auch privat etwas zusammen gemacht«, berichtet sie. »Um dem nicht zu sehr hinterherzutrauern, brauchte ich Distanz. Daher guckte ich mir die Spiele des TSV auch nicht mehr an.« Dann die Hiobsbotschaft: Bei der dritten Knie-OP hatten die Ärzte eine neue Methode angewandt, die jedoch nicht funktionierte. Eine vierte Operation war nötig. Diese fand Anfang 2022 in Heidelberg statt.

Ende vergangenen Jahres ging Laura Wickert dann doch als Zuschauerin zu den Klein-Lindener Spielen. Vom Auftreten ihrer alten Mannschaft, gespickt mit ein paar neuen Kickerinnen, war sie fasziniert. Bei der letzten Begegnung der Saison, als der Aufstieg in die Hessenliga unter Dach und Fach gebracht wurde, hatte es sie wieder gepackt. Da gleichzeitig auch die vierte OP gut verlaufen war, sagte sie der Trainerin, sie habe »wieder richtig Lust auf Fußball«. Anders als in der Vergangenheit wollte sich die zierliche, 1,65 Meter große Stürmerin allerdings nicht selbst unter Druck setzen oder setzen lassen. Sie stieg unverbindlich ins Training ein, um zu schauen, wie es läuft. Klappen oder nicht klappen - beides war möglich. Die Trainerin gab ihr die Zeit. Und es klappte!

»Ich genieße jede Minute, die ich auf dem Platz stehe«, sagt Laura Wickert. »Ich bin nicht gesetzt, sondern muss mir den Platz in der Mannschaft erkämpfen.« Aber sie sei toll aufgenommen worden. Alle pushen sich gegenseitig.

Von der Position her ist Wickert im Laufe der Zeit immer weiter nach vorn gewandert. Von der Abwehr übers Mittefeld in den Sturm. Aktuell agiert sie variabel auf der Außenbahn, als zentrale Angreiferin oder auf der Acht - je nachdem, welches System die Trainerin spielen lässt. Ihre Lieblingsposition ist mittlerweile die der Mittelstürmerin.

Da ist die Gefahr, schwer gefoult zu werden, natürlich besonders groß. Auf die Frage, ob die Angst davor nach dem langen Leidensweg ein ständiger Begleiter ist, und sie im Zweifelsfall lieber zurückzieht, antwortet Laura Wickert: »Zurückzuziehen ist das Schlimmste, was man tun kann. Dadurch steigt die Verletzungsgefahr. Außerdem kann ich mit Angst auch nicht Fußball spielen.«

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