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»Ich mache das immer mit dem Herzen«

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Der Mann, der immer die Zukunft der HSG Wetzlar im Blick hat: Der neue sportliche Leiter Jasmin Camdzic. Foto: Ben © Ben

Wetzlar. Die Sonne brennt am Nachmittag vom Himmel. Doch in dem Biergarten auf der Wetzlarer Lahninsel findet sich ein schattiges Plätzchen. Einen Kaffee und ein großes Wasser bestellt Jasmin Camdzic, den die Handballwelt nur Jasko nennt. »Heute«, erklärt der stets so höfliche und freundliche Mann aus Bosnien, »hatte ich noch keine Zeit für einen Kaffee.

« Dann schaut sich der frühere Torwart um und sagt: »Ist das schön hier!.

Dabei ist der neue sportliche Leiter der HSG Wetzlar im Stress. Im Dauerstress, seitdem die Vorbereitung des heimischen Erstligisten auf die am 1. September begonnen hat. Trainingslager, Turnierteilnahmen und Vorbereitungsspiel wechseln sich munter ab. Doch an diesem Nachmittag nimmt sich der gebürtige Bosnier die Zeit für ein zweistündiges Gespräch.

Jasko, Sie arbeiten nun seit einigen Wochen in neuer Funktion bei der HSG. Was hat sich konkret geändert, seitdem Sie nicht mehr nur als Chefscout und Assistenztrainer, sondern vor allem als sportlicher Leiter aktiv sind?

Ja, natürlich hat sich da einiges geändert. Ich bin nicht mehr täglich in der Halle am arbeiten, sondern nun desöfteren im Büro in der Buderus-Arena, um andere Aufgaben zu erfüllen. Eine ganz wichtige Veränderung besteht darin, dass ich auch Entscheidungen treffen muss. Bislang habe ich Vorschläge unterbreitet, die auch desöftern angenommen. Jetzt bin ich - natürlich nach einem intensiven Austausch mit Trainer Ben Matschke und Geschäftsführer Björn Seipp - eben auch verantwortlich beispielsweise für Spielerverpflichtungen. Aber natürlich pflegen wir bei der HSG vor allem die Zusammenarbeit. Da gibt es keine Alleingänge. Für mich geht es dabei nicht darum, so etwas wie Macht zu haben, sondern den Überblick über alle Aktivitäten zu haben. Insgesamt ist das ein großes Vertrauen, das mir die HSG geschenkt hat.

Bedeutet diese neue Funktion auch weitaus mehr Arbeit und Stress für Sie?

Bei der HSG gab und gibt es immer Arbeit und Stress (lacht). Ich mache das - egal in welcher Funktion - immer mit dem Herzen für die Grün-Weißen, für diese Stadt hier. Jetzt habe ich mehr Stress am Schreibtisch als in der Halle. Das ist am Anfang noch etwas ungewohnt für mich. Aber ich lerne.

Wie können wir uns einen typischen Arbeitstag bei Ihnen vorstellen? Gibt es den überhaupt?

Puh, schwere Frage. Das ist einfach sehr unterschiedlich. Ich gestalte eher meine gesamte Arbeitswoche als einen einzelnen Tag. Ich bin durchaus jeden Tag in der Geschäftsstelle. Meine Aufgabe beinhaltet ja auch den ganz engen Kontakt zu Mannschaft, Trainern und allen Mitarbeitern zu halten. Es gibt aber auch Tage, die ich im Home-Office verbringe, vor allem dann, wenn ich sehr viele Telefonate oder Videokonferenzen beispielsweise mit den Spielerberatern zu erledigen habe. Auch in diesem Bereich müssen die Beziehungen gepflegt und die HSG Wetzlar gut repräsentiert werden. Nur wenn man diese Kontakte aufrecht erhält, hat man die Chance, später einmal gute Spieler zu bekommen. Wenn ich in der Geschäftsstelle bin, dann gehe ich natürlich weiter gerne in die Halle und schaue mir an, wie das Training läuft. Sechs Augen, also gemeinsam mit Ben Matschke und Co-Trainer Filip Mirkulovski, sehen manchmal mehr vier. Und wir tauschen uns dann natürlich fast täglich intensiv aus.

Gespräche mit Spielerberatern? Ganz naiv gesagt, stellt man sich ja vor, dass nach einer Spielerverpflichtung in dieser Beziehung nicht mehr viel zu regeln ist. Ein großer Irrtum?

Ja allerdings (schmunzelt). Das ist immer eine Kette. Bei diesen Kontakten gibt es kein Ende. Ich will das kurz erklären: Die HSG gilt als sehr gutes Sprungbrett für Talente als Weiterbildungsverein. Diese aber bekommen wir nur, wenn wir Kontakte sehr gut pflegen, auch europaweit. Diese guten Beziehungen sind aber wiederum ganz eng verbunden mit unserem sportlichen Erfolg, den der Trainer ja erreicht. Also kommen diese Talente zu uns, in der Hoffnung, irgendwann den Schritt zu einem Spitzenclub zu machen. Was wir absolut begrüßen. Für diesen Moment, in dem uns ein Spieler verlässt, muss ich als sportlicher Leiter bereit sein und Alternativen parat haben. Dafür sind all diese vielen Gespräche auch mit Spielerberatern eminent wichtig.

Kommt es dann auch noch im Sommer vor, dass ein Verein anruft und fragt, können wir einen eurer Spieler kurzfristig verpflichten?

Ja, das kommt durchaus vor. Alleine zweimal in diesem Sommer. Häufiger ist es allerdings, dass uns Berater anrufen und fragen, ob wir Interesse an einem Spieler haben. Das freut uns, aber wir stehen immer zu unserer Mannschaft. Zwischendurch wird eigentlich nicht nachverpflichtet. Die Talente, die wir geholt haben, sollen wissen, dass sie unser Vertrauen genießen. Davon lebt unsere Arbeit und der Club.

Hat sich bei der HSG nun einiges entspannt durch den Einstieg des neuen Hauptsponsors Buderus? Wie empfinden Sie das?

Ich denke, es ist nicht immer eine Frage des Geldes, sondern eher die Frage, welche Philosophie wir verfolgen in Bezug auf die Zusammenstellung der Manschaft. Aber gewiss, wir haben mehr ein Stück mehr Sicherheit dank des Hauptsponsors Buderus. Wir haben jetzt erlebt, dass mit Stefan Cavor ein absoluter Leistungsträger längere Zeit ausfällt. Und dass wir dann Vladan Lipovina verpflichten konnten, haben wir neben dem neuen Hauptsponsor aber auch der Treue unserer Fans zu verdanken, die immer in unsere Halle kommen. Das ist für uns nicht selbstverständlich und das hilft enorm.

Am 1. September beginnt die Saison, steigt damit auch die Arbeitsintensität?

Was die Arbeit mit der Mannschaft betrifft, ganz gewiss. Wir haben eine sehr junge Mannschaft. Genau wie das ja ebenfalls junge Trainerteam habe ich seit dem Vorbereitungsbeginn am 18. Juni keinen Tag frei gemacht. Ben Matschke hat dabei natürlich die Hauptlast, weil sehr, sehr viel und vor allem sehr variabel mit der Mannschaft arbeitet. Ich versuche zu beobachten, zu helfen und wir tauschen uns sehr viel aus.

Die Ergebnisse beim Heide-Cup mit den drei Niederlagen waren nun nicht sonderlich gut...

Das war nicht erfolgreich, aber wir haben das alles analysiert und dann geschaut, wie wir weiter arbeiten müssen. Man darf natürlich nicht vergessen, dass die Hälfte der Mannschaft neu ist, Cavor fehlt, dass Lenny Rubin krank war und Till Klimpke nach seiner OP eben erst sein Comeback gefeiert hat.

Haben Sie in der Sommerpause nun auch als sportlicher Leiter die Kontakte zu den anderen Erstliga-Clubs intensiviert?

Nun offiziell bin ich erst seit einigen Wochen auf meinem neuen Posten. Aber ja, beispielsweise beim Heide-Cup habe ich durchaus gemerkt, dass der neue Job einem einen anderen Zugang zu den Managern anderer Vereine bringt. Auf einer etwas anderen Ebene neuerdings. Das hilft mir, so hoffe ich, die HSG Wetzlar weiter zu entwickeln.

Werden Sie in der kommenden Saison bei den Spielen weiterhin auf der Bank sitzen?

Nein, ich werde mich von der Bank verabschieden. Nach elf Jahren. Meinen Platz nimmt der neue Co-Trainer Filip Mirkulovski ein.

Zollt man dadurch dem Trainer größeren Respekt, in dem man diesem die Bank überlässt?

Die Frage kann man nicht allgemein beantworten. Jeder Verein hat da eine andere Philosophie. Bei uns finde ich es besser, wenn ich nicht auf der Bank sitze. Wir haben einen neuen Assistenztrainer, der dort sitzt. Und wir haben einen jungen, sehr agilen Trainer, der aber bereits sehr viel Erfahrung hat. Meine Meinung ist, dass ich mich da auf der Bank nicht einmischen muss. Aber ich bin ja nicht weit weg, sondern nur ein paar Stühle dahinter. Da sitze ich dann mit meiner kleinen Meinung, was den Handball betrifft (lacht).

Die HSG hat eine insgesamt fantastische Saison absolviert, erlebte in der Rückrunde allerdings einen kleinen Einbruch. Stellt die tolle Platzierung eher Belastung oder eher Motivation für die kommende Runde dar? Haben Sie sich ein Saisonziel gesteckt?

Nun, es ist immer eine Frage der Betrachtungsweise. Allgemein war die vergangene Saison sehr erfolgreich. Mit der Rückrunde war keiner von uns so richtig zufrieden. Wir hätten locker im Europacup landen können. Aber es ist eben auch nicht einfach, wenn gleich mehrere Spieler wissen, dass ihr Abschied bevorsteht. Bei allem Engagement, das alle fraglos gezeigt haben, fehlen dann am Ende vielleicht doch in entscheidenden Spielen ein paar Prozentpunkte an Leistung. Und verstehen Sie das bitte nicht falsch: Da geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern nur um mögliche Ursachen. Wir dürfen die HSG der vergangenen Saison aber nicht mit der HSG der kommenden Saison vergleichen. Wir haben einen großen Umbruch. Ich würde gerne in sieben Monaten hier sitzen und sagen: Wir stehen wieder auf einem einstelligen Platz mit dieser neuen jungen Mannschaft.

Also geben Sie keine Platzierung vor?

Davon, sich Ziele zu setzen mit Platzierungen, bin ich kein großer Fan. Wie soll man bei dieser harten Konkurrenz überhaupt Tendenzen sehen? Wie soll man wissen, wer sich verletzt oder erkrankt? Meine Meinung ist in der Liga, dass sich die eine Hälfte der Mannschaften sich zunächst von den Abstiegsplätzen absetzen muss bis Dezember. Wenn wir dazu gehören, wäre das klasse. Wir müssen jedes Jahr schauen, dass wir so schnell wie möglich Punkte gegen den Abstieg sammeln. Wenn uns das gelingt, dann können wir in der Rückrunde viel besser an der Entwicklung unserer jungen Spieler arbeiten. Das wiederum wäre dann eine Investition für die Saison 23/24.

Die Konkurrenz scheint sich zudem enorm verstärkt zu haben. Wenn man sich beispielsweise Melsungen betrachtet.

Ich bin nicht damit einverstanden, uns mit Melsungen zu vergleichen. Mit den wirtschaftlichen und sportlichen Möglichkeiten der MT können wir uns nicht messen. Unsere Fans können höchstens davon träumen, am Ende vor ihnen zu stehen.

Wer kämpft um den Titel? Die üblichen Verdächtigen?

Der Favorit ist immer Kiel. Da muss man nicht zweimal überlegen. Sehr positiv sehe ich aber die Entwicklung bei den Füchsen Berlin. Ich finde, dass dort seit zwei Jahren richtig gute Arbeit verrichtet wird. Der Verein ist ruhiger geworden und geht in Richtung Stabilität. Und Stabilität mit diesem Spielerkader führt auf Dauer nach oben. Aber auch was der SC Magdeburg macht, ist natürlich toll. Flensburg hat Turbulenzen. Ich bin nicht überzeugt, dass es für ganz oben reicht.

Und wer kämpft gegen den Abstieg?

Wie ich eben sagte: Zunächst einmal die Hälfte der Liga. Aber ja: Natürlich haben es die Aufsteiger immer schwer. Ob jetzt Minden einen großen Sprung nach oben macht, ist auch die Frage.

Der VfL Gummersbach ist allerdings kein klassischer Aufsteiger, oder?

Ein Aufsteiger ist für mich ein Aufsteiger (lacht). So wie ein Mensch ein Mensch ist.

Befürchten Sie, dass es wieder zu einer Corona-Saison mit Geisterspielen kommen kann oder blendet man das komplett aus?

Natürlich machen wir uns Gedanken darüber. Aber auch über den Krieg in der Ukraine oder generell die schwierige Lage in der Welt. In welche Richtung das geht, kann ich natürlich nicht wissen. Was Corona betrifft, da treffen wir stets alle Vorsichtsmaßnahmen mit Testungen. Bislang sind wir gut durchgekommen. Hoffentlich bleibt das so.

Machen Ihnen schlechte Ergebnisse in einer Vorbereitung Sorgen für eine Saison?

Wir wollen immer gewinnen, auch in der Vorbereitung. Aber nein, Sorgen mache ich mir nicht, wenn wir dreimal beim Heide-Cup verlieren, weil mir bewusst ist, vor welchen Herausforderung wir bei der Integration der vielen neuen Spielern stehen. Wir haben aber immer gute Ansätze gezeigt, waren aber eben nicht eingespielt. Die Leistungen schwankten irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn. Für die nötige Ausgewogenheit benötigt man eben Zeit und die sollten uns unsere Fans auch geben. Wir müssen schnell lernen und das werden wir auch. Denn Ben Matschke betreibt stets eine exzellente Analyse.

Wie ist generell Ihr Eindruck von den Neuzugängen der HSG? Ist da vielleicht sogar ein Spieler besser als Sie erwartet haben?

Um besser zu sein, als ich erwartet habe, muss ein Spieler viel Schweiß vergießen (lacht). Von einem aber bin ich sicher überzeugt: Alle diese jüngeren Spieler haben Talent und Charakter und werden gute Spieler, an dem unsere Fans noch viel Freude haben werden.

Zum Abschluss noch die Frage nach ihrem Bauernhof in Bosnien: Dort arbeiten Sie an einem Projekt, bei dem Kinder, die an psychischen Störungen leiden, therapiert werden können. Wie ist der Stand der Dinge?

Mein voller Fokus liegt natürlich auf der HSG. In diesem Projekt möchte ich später einmal mitarbeiten. Das ist mein soziales Engagement für die Kinder in Bosnien. Derzeit leiste ich da vor allem Unterstützung, während Familie und Freunde vor allem die Arbeit vor Ort verrichten. Ich verbringe aber auch möglichst oft einen Teil meines Urlaubs dort, um beim Aufbau zu helfen. Jetzt im Sommer habe ich mich über den Ankauf von Pferden informiert, weil diese für die Therapie unerlässlich sind. Ich hoffe, dass das ganz Projekt vielleicht in drei bis vier Jahren mit seiner Arbeit starten kann.

Jasmin Camdzic

Spitzname: Jasko

Geburtsort: Tuzla, Bosnien und Herzegowina

Familienstand: Verheiratet, eine Tochter

Spielerstationen: als Spieler: RK Zajecar, RK Jagodina (1. Liga Serbien), RK Slovan (1. Liga Slowenien), TV Hüttenberg, TV Gelnhausen

Trainerstation: TV Gelnhausen

Sportlicher Erfolg: als Spieler: Vize-Pokalsieger in Slowenien, Aufstieg mit TV Gelnhausen in die 2. Bundesliga

Hobby: Fahrrad fahren, Basketball

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