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»Ich würde Götze auf der Zehn spielen lassen«

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Von: Thomas Suer

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WM-Ansichten von Niko Semlitsch © Angelika Schepp

Das Spiel gegen den Oman darf man einerseits nicht überbewerten, andererseits aber hat es schon gezeigt, wo es bei Deutschland hapert. Zunächst einmal, dass wir keinen Benzema oder Kane haben, der das einfachste von der Welt, gleichzeitig auch das schwierigste kann: das Ding ins Tor schießen.

Und deshalb wird auf einmal ein Füllkrug, den wir vor drei Monaten noch nicht auf dem Zettel hatten, weil er selbst in der Bundesliga keine große Rolle spielte, zu einem wichtigen Faktor. Auf der anderen Seite haben wir die Anfälligkeit in der Abwehr sogar gegen den Oman vor Augen geführt bekommen. Ganz ehrlich: Ich wusste vorher kaum, dass sie überhaupt eine Mannschaft haben, aber die haben die Konter gut gespielt und unser größtes Problem aufgezeigt: Wenn Rüdiger nicht spielt, der als einziger Abwehrspieler höchstes Niveau hat, dann wird es eng.

Ob Raum, Günter, Ginter, Kehrer, Süle, Schlotterbeck, Bella-Kotchap oder Klostermann, der noch dazu monatelang verletzt war, im Grunde kann man würfeln, wer da neben Rüdiger spielen soll. Das ist keine Weltspitze.

Und dass man gegen den Oman so anfällig war, soll man bitte nicht auf Anreise oder Klima schieben. Aber natürlich war es nur ein Testspiel, überbewerten (siehe oben) hilft vor dem WM-Start auch nicht. Denn Fußball hat immer eine Eigendynamik. Kommst du mit einem Sahnetag gegen Japan gut ins Turnier, holst noch was gegen Spanien, hast damit deine Formation gefunden, dann kann so eine Mannschaft einen Lauf bekommen. Denn mal ehrlich: Wir jubeln heute über den Titel 2014, aber wenn sich Mustafi nicht verletzt und Löw Lahm nicht wieder auf Außenverteidiger gestellt hätte, wären wir dann Weltmeister geworden? Gegen Algerien hat 2014 zudem Manuel Neuer den perfekten Libero gegeben, sonst wären wir da schon rausgeflogen rausgeflogen. Und dann gewinnst du auf einmal 7:1 gegen Brasilien. Sowas passiert aber nur einmal im Fußball-Leben. Deshalb ist so ein Turnier unberechenbar.

Dieses hier noch mehr als frühere. Die WM in Katar ist mit nichts zu vergleichen. Keine fünf Wochen Trainingslager, sondern gerade einmal acht Tage, dann im November, wo normalerweise die Liga langsam in die Winterpause geht. Das sind Faktoren, die mit nichts zu vergleichen sind.

Deshalb tut man sich mit einer Prognose auch schwer. Zumal der Fußball sich verändert hat. Wenn man, wie ich, schon einige Jährchen und WMs erlebt hat, merkt man das umso mehr.

In den 50er und 60er Jahren konntest du immer sagen: Brasilien ist der Favorit. In den 70er Jahren war Deutschland zu nennen, vielleicht Italien und die Holländer. Später gab es eine Zeit, wo man immer Spanien auf dem Zettel haben musste. So eindeutig ist das heute nicht mehr.

Ich sage mal: Brasilien, Argentinien, Spanien und Frankreich sind favorisiert, wir kommen dann vielleicht als Fünfter mit dazu. Wenn wir gut reinkommen ins Turnier. Und wenn Flick, von dem ich sehr viel halte, die richtige Formation stellt. Ein guter Trainer hat seine Mannschaft, allen Experimenten zum Trotz, im Kopf, der weiß, welcher Spieler die entscheidenden Nuancen besser ist als sein Mitkonkurrent.

Deshalb wird Flick wohl auch auf einen Bayern-Block setzen, wobei für mich da die Frage ist, was ist mit Sané? Liefert er richtig ab, sind wir absolute Spitze, hat er einen schlechten Tag, spielen wir mit einem Mann weniger.

Ich würde übrigens auf alle Fälle Götze auf der Zehn spielen lassen, der macht mit Kolo Muani in Frankfurt den Unterschied. Der kann seine Mitspieler einsetzen, die Bälle in die Tiefe spielen für Sanè oder Gnabry. Und ich vertraue Flick, dass er das richtige Händchen hat. Und dann kann das erste Spiel schon entscheidend sein.

Niko Semlitsch muss man den fußballaffinen Lesern nicht vorstellen. Der 75-jährige Ex-Bundesligaprofi war über Jahrzehnte als Trainer bis in der 2. Liga aktiv und kennt den Fußball aus allen Blickwinkeln aus dem Eff-Eff. Und weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und weder den Fußball noch sich zu ernst, ist der Steinbacher unser WM-Experte./Aufgezeichnet von Rüdiger Dittrich

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