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Ein Sinnbild für den gebrauchten Abend der Gießen 46ers gegen Ulm: Maximilian Begue.

»It’s a shame«

Gießen. Einige wenige Fans, die zehn Minuten zuvor die Hausherren trotz großem Rückstand noch angefeuert und alte MTV-Lieder intoniert hatten, klatschten nach dem Spiel den Gästen Beifall. Zumindest zwei von ihnen, denjenigen mit Gießener Vergangenheit. »Es ist immer wieder schön, in die Osthalle zurückzukehren«, verriet Per Günther, der an der Lahn geboren wurde und nun nach 13 Jahren im Trikot von ratiopharm Ulm seine Karriere nach dieser Saison beenden wird.

»Es hat Spaß gemacht, ich konnte meiner Mannsvchaft wieder einmal helfen.«

Und Thorsten Leibenath, in der Saison 2007/2008 Cheftrainer der 46ers und seit zehn Jahren Coach und Sportdirektor an der Donau, genoss die Autogrammjäger und Schulterklopfer sichtlich. »Ich hatte heute Abend nie das Gefühl, dass Gießen uns noch hätte gefährlich werden können.« Recht hatte der 46-Jährige, denn seine Männer lagen vor (offiziell) 1848 Zuschauern von Anfang an vorne und nahmen schließlich einen souveränen 87:76 (49:32)-Erfolg mit an den südöstlichen Rand der Schwäbischen Alb.

Auch zur Beurteilung des zustandekommens der dritten Heimniederlage der Männerturner gab es keine zwei Meinungen. »Nicht zum ersten Mal haben wir hier zu Hause den Start völlig verschlafen«, grantelte Florian Koch in Erinnerung an das 11:26 nach zehn Minuten gegen die Merlins Crailsheim oder das 17:24 Mitte Oktober gegen die MLP Academics Heidelberg. »It’s a shame« (»Es ist eine Schande«), fand Kapitän John Bryant bei Magenta-TV erstaunlich offene Worte für das, »was wir dem Publikum im ersten Viertel geboten haben.« Coach Pete Strobl wusste, dass »die ersten zehn Minuten ausschlaggebend waren.« Und sein Gegenüber Jaka Lakovic befand: »Schon nach dem ersten Viertel war die Partie entschieden.«

Ohne Kilian Binapfl, Bjarne Kraushaar (beide Oberschenkel-Verletzung) sowie den erst rund 30 Stunden zuvor aus Texas eingeflogenen Neuzugang TJ Williams, dafür überraschenderweise aber mit Ex-Nationalspieler Johannes Lischka, der seit acht Jahren keine Bundesliga-Partie mehr bestritten hatte und sich auf der Geschäftsstelle ums Merchanidising kümmert, lagen die Hausherren schon nach wenigen Minuten entscheidend zurück. Der abermals völlig neben sich stehende Kyan Anderson hatte sich schon nach 350 Sekunden drei Fouls eingehandelt. Ein Dreier durch Thomas Klepeisz bedeutete kurze Zeit später die Ulmer 18:5-Führung, die der starke Karim Jallow in Minute neun gar auf 30:9 ausbaute.

Jallow sorgte nach elf Minuten beim 36:11 für die höchste Ulmer Führung, die auch beim 40:17 (13.) durch Klepeisz oder beim 42:25 (16.) durch Semaj Christon noch annähernd Bestand hatte. Als Nuni Omot per Dreier eine Aufholjagd einzuläuten schien (28:44, 17.), Kendale McCullum unnötig zu zaubern begann und schließlich auch noch dreimal die falsche Entscheidung traf und den bis dato ohne Treffer gebliebenen Maxi Begue den Ball gab, statt selbst zu vollstrecken, war die Partie zur Halbzeit (32:49) bereits gelaufen.

»Wir haben nach der Pause nochmal alles versucht«, attestierte Pete Strobl seinen Jungs zumindest Moral. Der 44-Jährige wusste aber auch, »dass wir bei einer solch schwachen Trefferquote kaum jemanden in die Knie zwingen können.« Bis ins letzte Viertel, in dem die Gäste fast nur noch ihre zweite Garde auf dem Feld hatten und Gießen so ein wenig Ergebniskorrektur gestatteten, hatten nur vier von 18 Drei-Punkte-Versuchen der 46ers ihren Weg in die Ulmer Reuse gefunden. Am Ende waren es fünf von 22. Der 11:0-Run zum zwischenzeitlichen 65:79 (35.) täuschte wie auch das mit 22:13 gewonnene Schlussviertel über die wahren Kräfteverhältnisse hinweg.

»Bei Ulm hat alles gepasst, bei uns leider nichts«, fasste John Bryant einen gebrauchten Abend zusammen, an dem klar wurde, dass die mit viel Euphorie in die Saison gestarteten Gießen 46ers am Ende wohl doch nur gegen den Abstieg kämpfen werden.

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