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»Jetzt leben wir von der Hoffnung«

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Von: Thomas Suer

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Niko Semlitsch WM-Experte © Red

Weltmeister werden wir schon mal nicht. Das ist meine Meinung nach dem ersten Spiel. Zweifel hatte ich schon vorher, aber nach dem 1:2 gegen Japan lege ich mich fest. Dabei wird mir die erste Halbzeit zu gut geschrieben und zu schön geredet. Denn auch wenn wir Japan klar dominiert haben, hat mir auch da schon die Körpersprache nicht gefallen. Es sah so aus, als dachten alle, was kann uns schon passieren?

Wir waren genauso unbesorgt wie Argentinien. Überheblich zum falschen Zeitpunkt.

Das andere aber ist wichtiger: Denn wenn ich Weltmeister werden will, muss ich auch Weltklasse-Spieler haben. Das war immer so: 1974 hatten wir Beckenbauer, Müller und Maier, 1990 Matthäus und Völler, 2014 Lahm, Neuer und Klose. Das unterscheidet uns bei dieser WM von Mannschaften wie Frankreich, England oder Spanien. Wer bei uns, von Neuer abgesehen, ist Weltklasse? Musiala ist vielleicht auf dem Weg dahin, aber sonst? Und jetzt kommt ein heikler Punkt, denn ich wollte Hansi Flick möglichst nicht kritisieren, weil ich ihn als Trainer sehr schätze, aber ich würde ihn schon gerne fragen, was er (oder der Trainerstab) sich bei dieser Viererkette gedacht hat? Ich jedenfalls verstehe nicht, wie man auf die Idee kommen kann, mit so einer Abwehrreihe zu spielen. Mit einem Schlotterbeck zu beginnen, der immer ein, zwei dicke Fehler drin hat, mit einem Süle auf Rechtsverteidiger, der diese Position auf diesem Niveau nicht kann? Da gibt es einen erfahrenen Abwehrmann wie Ginter, der das in Freiburg - bei einem Spitzenteam - hervorragend macht. Den stelle ich neben Rüdiger. Kehrer, der die Position viel häufiger spielt als Süle, stelle ich auf rechts. Raum bleibt von mir aus auf links. Dann bin ich viel stabiler. Und das ist doch das, was ich beim WM-Auftakt brauche. Hinten nichts zulassen. Und dann vorne treffen. Bei aller Liebe: das war Japan, das ist keine Übermannschaft. Auch die Körpersprache von Goretzka hat mir gegen den Oman schon nicht gefallen. Das sage ich nicht nach dem Spiel gegen Japan, sondern habe ich schon in der ersten Kolumne angemerkt. Da stimmt was nicht. Das Japan so toll gekontert habe, wird mir übertrieben stark geredet. Wir haben mit wenig Überzeugung 75 Prozent Ballbesitz und lassen uns den Schneid abkaufen. Mir hat da das Feuer gefehlt, wie es England oder Frankreich auf den Platz gebracht haben. Von Spanien ganz zu schweigen. Wir müssen jetzt das Unmögliche möglich machen. Denn Spanien ist nicht nur aufgrund des 7:0 gegen Costa Rica einer der Top-Favoriten. Mit dieser Formation jedenfalls wird Flick nicht mehr auflaufen. Und nun bedarf es auch des Quäntchen Glücks, dass er spürt, wer am Sonntag wirklich bereit ist. Ansonsten ist es wie in der Champions League, viel Larifari bis zur KO-Runde. Mit Argentinien und Deutschland sind zwei vermeintlich Große gestrauchelt, alle anderen haben sich souverän durchgesetzt (Stand Dienstagabend). Bei der WM in Russland hat mir Kroatien sehr gut gefallen, diesmal ist es England, das mich positiv überrascht hat. Das sagt auch einiges: England schießt sechs Tore, Spanien sieben, Frakreich vier, wir schießen ein Tor - und das ist ein Elfmeter. Die Guten schießen sie rein. Wir haben sie nicht reingeschossen. Überraschenderweise und (k)ein Trost: bei Argentinien ist es noch schlimmer. Aber ich hoffe noch auf die deutschen Tugenden, die Trotzreaktion, denn nur ein »Jetzt-erst-recht« kann helfen. Jetzt leben wir von der Hoffnung.

Niko Semlitsch muss man den fußballaffinen Lesern nicht vorstellen. Der 75-jährige Ex-Bundesligaprofi war über Jahrzehnte als Trainer bis in die 2. Liga aktiv und kenn den Fußball aus allen Blickwinkeln aus dem Eff-Eff. Und weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und weder den Fußball noch sich zu ernst, ist der Steinbacher unser WM-Experte./Aufgezeichnet von Rüdiger Dittrich

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