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Jonas, Lukas und der Dom

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Die HSG-Talente vor dem Wetzlarer Dom: Lukas Becher (links) und Jonas Schelker. Foto: Röczey © Röczey

Wetzlar. »Pavard«, sagt der junge Mann mit traurigem Blick, »der Benjamin Pavard muss mich retten.« »Und ich«, fügt sein Nebenan hinzu, »brauche noch einen Torwart. Ich habe nur den Oliver Baumann.« Die Leiden der jungen Fußball-Manager. Oder genauer gesagt: Die neuen Leiden der Computer-Zocker hat so eben ein Schweizer Handball-Nationalspieler ausgelöst.

Lenny Rubin, das Rückraum-Ass der HSG Wetzlar hat vor ein paar Minuten angerufen und sich zum Mittagessen am Domplatz angekündigt. Und dadurch seine beiden neuen Mitspieler daran erinnert, wie mies es für sie beim neuen Fußball-Managerspiel ausschaut. »Lenny«, erklärt Lukas Becher mit einem Grinsen, »hatte etwas viel Zeit, als er in Corona-Quarantäne war, und uns alle in der Mannschaft für dieses Spiel begeistert.« Was natürlich schön ist.

Weniger schön allerdings für den neuen zweiten Schweizer im HSG-Team. »Mir«, erklärt Jonas Schelker, »hat er viele Ladenhüter viel zu teuer verkauft.« Und so bleibt Bayern-Verteidiger Pavard, der zu Schelkers Glück gegen Frankfurt traf, nun der größte Hoffnungsträger auf eine glorreiche virtuelle Saison.

Die Hoffnung auf eine glorreiche reale Saison mit den Wetzlarer Bundesliga-Handballern verbindet den 22-jährigen Becher und den 23-jährigen Schelker. Das wird schnell an diesem sonnigen Mittag in der Altstadt klar.

Dass der Kaffee wiederum in der »Abbruchbar« genossen wird, ist ein Zufall. Für das Talent-Duo wäre der Name »Aufbruchbar« gewiss angebrachter.

Für den jungen Schweizer Nationalspieler, der von den Kadetten Schaffhausen kommt, ist es die erste Auslandsstation. Und für Becher, der bei TuSEM Essen aktiv war, ist der Sprung zum Rangsiebten der vergangenen Saison ebenfalls kein kleiner.

Ob sie sich bereits in Mittelhessen eingelebt haben? »Naja«, antwortet Becher, der direkt am Domplatz wohnt, »bislang war ja nicht viel Zeit dafür. In der Vorbereitung gibt Training, Testspiel und wieder Training.« Aber immerhin hat sich der Student des Sportmanagements schon mal theoretisch mit seiner neuen Heimat vertraut gemacht. »Ich war bei der Touristeninformation und habe mir alle Broschüren über Wetzlar geholt. Wenn mich meine Eltern besuchen«, sagt er und muss lachen, »bin ich auf jeden Fall vorbereitet.« Lachen, soviel wird in dem einstündigen Gespräch schneller klar, als die Wespen sich über die auf dem Nebentisch stehende Marmelade hermachen können, das liebt der gebürtige Solinger. Witz, Schlagfertigkeit, gute Neugierde, aber auch Höflichkeit stechen beim neuen Linksaußen ebenso heraus wie auch beim Schweizer Spielmacher. Der wiederum einen Hauch zurückhaltender ist.

Bei Jonas Schelker vergisst man allzu leicht, welch sportlicher Hochkaräter am Tisch sitzt. Dreimal Schweizer Meister, Pokalsieger, Champions-League- und Europa-League-Teilnehmer sowie Stammspieler in der Nationalmannschaft. All das im Alter von 23. All das können nicht viele Handballer in weit gehobenerem Alter auf ihrer Habenseite verbuchen. Und auch Schelker, der sich selbst als »eher klassischen Spielmacher« betrachtet, hat keinesfalls nur Sport im Sinn.

In Schaffhausen hat er eine Lehre als Bankkaufmann absolviert. »Klassischer«, schmunzelt er, »geht es für einen Schweizer gar nicht.« Durch die Schule kam er einst zum Handball, schnell wurde dort sein Talent entdeckt und bei den Kadetten zielgerichtet gefördert, bis sich Vereine aus ganz Europa um das große Regie-Talent bemühten.

»Bei der HSG«, erklärt er, »hatte ich das beste Gefühl. Der Verein hat sich früh um mich bemüht und die Gespräche mit Trainer Ben Matschke haben mich dann schnell von einem Wechsel überzeugt.«

Schnell überzeugt war auch Lukas Becher. Auch dem Linksaußen, der mit seinem 1,90 Meter auch auf der Halbposition decken kann, lagen einige Angebote vor.

Doch auch ihm behagte das HSG-Paket aus menschlicher Nähe und sportlicher Perspektive am besten. Er wiederum stammt aus einer echten Handball-Familie. Der Vater war aktiv (»Auch in einer Liga mit B. Allerdings Bezirksliga«) und die Schwester spielt ebenfalls bei Bechers altem Vorstadtverein.

Von der Solinger Handball-Familie zur grün-weißen Handball-Familie also. Und wenn beim Einzug am Domplatz auch noch der Nationaltorwart die Lampen anbringt, dann weiß man schnell, das der Handball in Mittelhessen eine große Familie darstellt. Installateur Till Klimpke wiederum erhielt als Dankeschön einen kleinen Vortrag über »Kryptowährungen«. »Darüber hatte ich gerade eine Hausarbeit geschrieben. Das hat Till ziemlich interessiert«, erklärt Becher. Doch bei all dem Familiären, bei all dem Eingewöhnen an die neue Heimat steht der Leistungssport im Mittelpunkt. Natürlich im Mittelpunkt. Und die Ziele der jungen Männer? »Es wäre vermessen, sich irgendwelche Ziele mittels Zahlen zu setzen. Ich will mich weiterentwickeln«, so Becher. Und Schelker nickt zustimmend und fügt nur hinzu: »Natürlich hoffen wir alle auf möglichst viel Einsatzzeit und nehmen jede Minute, die wir kriegen können.«

Und privat dürfte es für die beiden Sporttalente demnächst noch schöner in der Altstadt werden. Denn ihre Freundinnen werden demnächst ebenfalls nach Wetzlar kommen.

All das erfährt man in dieser kurzweiligen Stunde auf dem schönen Platz mit seiner derzeitigen kleinen Einschränkung, die Becher köstlich auf den Punkt bringt: «»Ist der Dom eigentlich immer mit diesem Gerüst versehen?«. Dann ruft Lenny Rubin an, um zum Mittagessen zu kommen. Das erinnert Lukas Becher und Jonas Schelker an dieses vermaldeite Fußball-Managerspiel. Das wiederum führt zu einem lauten Gelächter und viel gegenseitigen Spott. Und all das zusammen führt zu dem Gefühl, dass sich Mittelhessen auf zwei erfrischende junge Handballer freuen darf.

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