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Journalist und Trainer

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Gießen. Tim Straßheim lebt den Sport. Lebt ihn nicht nur privat, sondern auch in seinem Beruf. Denn der Handball-Trainer der HSG Hungen/Lich, der früher selbst als Spieler in Kleenheim aktiv war, arbeitet als Sportredakteur für die Wetzlarer Neue Zeitung. Und dort gilt seine ganze Leidenschaft den lokalen Vereinen. Nicht nur im Handball, sondern auch im Fußball oder Basketball.

Jetzt ist dem Mann, der aus einer waschechten Handballfamilie stammt, mit seinem Hungen/Licher Verein ein kleines Kunststück gelungen. Sowohl mit der A-Jugend als auch mit der ersten Frauen-Mannschaft feierte der Trainer Straßheim Meistertitel. Dabei wiegelt der 36-Jährige bescheiden ab: »Mit diesen starken Frauen wäre auch jeder andere Trainer aufgestiegen.« Wie es zu diesen Erfolgen kam und wie es mit Tim Straßheim und der HSG Hungen/Lich künftig in der Landesliga weitergeht, haben wir nachgefragt. Und wie das unter Kollegen üblich ist, haben wir uns im Interview ausnahmsweise geduzt.

Was würde der Sportredakteur Straßheim am Trainer Tim loben?

Seine Leidenschaft und seine Hingabe für seine Mannschaften.

Und was würde er kritisieren?

Dass er manchmal zu wenig Zeit für zwei Mannschaften hatte.

Was würdest Du besser und intensiver machen, wenn Du mehr Zeit hättest?

Ich würde mich noch akribischer vorbereiten, wie es die beiden tollen Mannschaften, die ich hatte, eigentlich verdient gehabt hätten. Dann hätte ich noch besser auf die Bedürfnisse der Mannschaften eingehen können.

Wie aufwändig war es in der vergangenen Saison, zwei Teams zu betreuen?

Der Dienstag und der Donnerstag waren mit je drei Stunden belegt, das macht also schon mal sechs Stunden. Dann nochmal die A-Jugend separat, dann sind wir schon bei 7,5 Stunden. Mit meinem großartigen Co-Trainer Brian Whisnant, der einen überragenden Anteil an diesem Erfolg hat, telefonieren, mit Trainings- und Spielvorbereitung kommst Du auf mindestens acht, eher neun Stunden in der Woche. Und dann kommen natürlich noch die Wochenenden mit den Spielen dazu.

Also kann man im Prinzip von einem Halbtages-Job sprechen?

Ja, kann man so sagen.

Und das lässt sich mit der Familie bzw. mit Deiner Lebensgefährtin vereinbaren?

Ich habe natürlich den Vorteil, dass meine Freundin in der ersten Damen-Mannschaft spielt. Da vertrete ich dann die Meinung, dass das Training ja auch eine gemeinsame Freizeitgestaltung ist. Eine Meinung, der meine Freundin Annalena wiederum auch mal widerspricht (lacht).

Und was kritisiert die Freundin und Spielerin am Trainer Straßheim?

Das ist eine gute Frage (muss wieder lachen). Eigentlich vermeide ich es, direkt nach dem Training mit ihr darüber zu sprechen. Damit wir das Private und Sportliche voneinander trennen. Ja, puh, was würde sie kritisieren? Sie sagt manchmal, dass ich in Training und Spiel beim Einfachen bleiben soll, weil ich dann und wann zu komplizierte Dinge will. Zum Beispiel bei der Trainingsgestaltung.

Und wenn Du nach einem vielleicht schlechteren Spiel Kritik an ihr übst, geht das oder lasst ihr das lieber aus?

Ich hoffe, dass ich da ein Gespür entwickelt habe, wann sie unzufrieden ist, was man aber schon auf der Fahrt nach Hause merken kann. Ich lasse sie dann einen Tag in Ruhe. Es ist immer gut, erstmal eine Nacht darüber zu schlafen. Dann können wir reden.

Was ist im Training für Jugendliche wichtig? Kann man als Trainer andere, vielleicht auch neue Schwerpunkte setzen?

Ich kann als Trainer das Rad nicht neu erfinden. Bei meiner A-Jugend zum Beispiel waren die Basics sowieso schon super gelegt von meinen Trainervorgängern. Ich habe dann nur versucht, sie im taktischen Bereich näher an den Frauenbereich heranzubringen. Was schön wäre, wenn die jungen Spielerinnen in jeder Halle bereits jetzt mit Harz spielen könnten und dürften, denn nur dann können aus großen Talenten auch bessere Handballerinnen werden.

Was ist eigentlich leichter zu trainieren? Angriff oder Abwehr?

Unterschiedlich. Der Angriff ist vielleicht einen Tick komplexer, weil die Spielerinnen situativ mehr Entscheidungen treffen müssen. In der Abwehr können sie sich besser auf ihre Gegnerinnen einstellen und kennen die Vorgaben in unserem Deckungssystem. Und generell ist die Abwehr natürlich auch viel, viel wichtiger. Wenn du hinten gut und sicher stehst, holst du dir auch das Selbstvertrauen für den Angriff.

Du hast ja selbst Handball gespielt...

Ich habe in Kleenheim auf Rechtsaußen gespielt, bis ich Mitte 20 war. Dann habe ich mir das Kreuzband gerissen, bin wieder gekommen und dann ist mir nach ein paar Monaten auf der selben Seite das Innenband gerissen. Da habe ich mir gesagt, mein Körper will das wohl nicht mehr.

Und dann hast Du direkt als Trainer angefangen?

Ich hatte schon einige Zeit als Trainer gearbeitet und habe es danach intensiviert. Der Job hat mich schon immer interessiert.

Bis Du gleich in den Frauenbereich gekommen?

Nein, gar nicht. Ich habe eigentlich schon alles trainiert, von Mädchen bis Jungs. Damals hatte ich die Kleenheimer weibliche D-Jugend gesehen und gesagt, aus der Mannschaft könnte man doch viel mehr machen. Und wer den Mund aufmacht, muss auch Taten folgen lassen. Also habe ich die Mannschaft in der C-Jugend übernommen. Wir sind dann auch tatsächlich Bezirksoberliga-Meister geworden. Das war so der Anfang, dass ich mir gesagt habe, der weibliche Bereich passt besser zu mir. Damals habe ich parallel auch noch die Kleenheimer zweite Männer-Mannschaft als »Co« trainiert. Ich denke, ich gehöre zu den Trainern, die beide Geschlechter trainieren können.

Was ist für Dich der Unterschied als Trainer zwischen Handballerinnen und Handballern?

Frauen sind - sagen wir mal - dankbarer für das Engagement der Betreuer. Sie sind taktisch disziplinierter, was nicht einmal ein Vorteil sein muss. Frauen halten sich strikt an einen Matchplan. Bei den Männern gibt es - sagen wir mal - mehr Freigeister im Spiel. Die dann aber auch manchmal intuitiv die richtigen Entscheidungen treffen.

Wie würdest Du in der gebotenen Kürze Deine Hungen/Licher Jugendmannschaft charakterisieren?

Ich habe das Team in der B-Jugend übernommen, als sie gerade C-Jugend-Hessenmeisterinnen geworden sind. Das sind die Phasen, in denen sich bei Jugendlichen der Körperbau verändert. Spielerinnen werden größer. Meine sind leider nicht viel größer geworden (lacht). Aber sie haben schon immer sehr schnell und super attraktiv gespielt. Im ersten Jahr in der B-Jugend-Oberliga sind wir Fünfter geworden. Dann kam Corona. Das hat viel verändert. Die Spielerinnen hatten sich nicht entfremdet, aber sie waren nicht mehr so eng wie zuvor miteinander. Das hat dann etwas gedauert, bis sie wieder eine Einheit geworden sind. Das war gar nicht leicht. Zudem wusste man nicht mehr, wo man leistungsmäßig steht.

Und dann?

Wir waren dann ja fast schon raus aus dem Finalfour zur Hessenmeisterschaft und sind erst nach zwei Entscheidungsspielen dazu gestoßen. Um dieses Entscheidungsspiele zu haben, mussten wir zuvor unbedingt gegen den Tabellenersten unserer Gruppe gewinnen. In dieser Partie hatte die Mannschaft Druck ohne Ende. Da haben alle ihre vermutlich beste Saisonleistung gebracht. In diesem Moment dachte ich: Mit diesem Team ist alles möglich. Dann kam im Final Four ein Halbfinale, das ich bestimmt nie wieder erleben werden. Zweimalige Verlängerung, Siebenmeter-Werfen, Finale! Das war Wahnsinn! Das Endspiel - das muss man fairerweise sagen - war danach eigentlich kein gutes Spiel mehr. Alle waren sehr nervös. Aber wir haben verdient gewonnen. Ich hatte schon im Dezember dem Vorstand gemeinsam entschieden, dass ich in der kommenden Saison nur noch eine Mannschaft trainiere. Somit war das der perfekt Abschluss.

Wenn Du die A-Jugend mit fünf Stichworten charakterisieren kannst, welche wären das?

Herzblut, Leidenschaft, talentiert, chaotisch und unberechenbar.

Nun zum Erwachsenen-Team. Wenn Du da auch den Weg zum Titel beschreiben kannst...

Die HSG ist ja zum fünften Mal Hessenmeister der A-Jugend geworden. Immer wieder sind dann die besten Spielerinnen zu höherklassigen Mannschaften gewechselt. Schon kurz vor meiner Amtszeit konnten viele Leistungsträgerinnen zurückgeholt werden. Da muss ich den Verein loben. Damit war das Fundament für ein gutes Team gelegt. Was natürlich auch den Druck für den Trainer erhöht hat. Denn alle haben gesagt, mit der Mannschaft muss man aufsteigen. Das erste Spiel verlief dann prompt holprig. Aber danach ist das Team regelrecht durch die Saison gefegt. Ich habe neulich gesagt, mit diesen Spielerinnen wäre jeder Trainer aufgestiegen. Aber die Art und Weise, wie das geglückt ist, macht mich schon ein bisschen stolz.

Bei der Jugend beendest Du nun Dein Engagement. Warum hast Du Dich für das Frauen-Team entschieden?

Wie gesagt: Im Winter waren der Vorstand und ich uns darüber einig. Und davor habe ich auch mit meiner Freundin gesprochen. Vielleicht hat sie mich auch ein wenig dazu gedrängt, mich für die Erwachsenen zu entscheiden (lacht). Aber tatsächlich denke ich auch, dass im Jugendbereich nach drei, vier Jahren ein Trainerwechsel den Spielerinnen gut tut, weil sie neue Impulse brauchen.

Was ist für euch jetzt in der Landesliga möglich?

Es gibt schon Trainer, die bereits sagen, dass wir wieder aufsteigen. Ich glaube zumindest, dass wir alle Möglichkeiten haben, in der Landesliga eine gute Rolle zu spielen. Alleine der Klassenerhalt sollte nicht unser Ziel sein.

Und die fünf Stichworte, die Dir zu eurem Damen-Team einfallen?

Laufwunder, abwehrstark, Organisationstalente, Fragensteller (Du musst ungeheuer viele Fragen beantworten) und als fünfter Begriff Forever 21 (so heißt die WhatsApp-Gruppe der Mannschaft).

Gerade im Frauenbereich muss man ja im heimischen Raum einen Niedergang feststellen, was die Anzahl der Teams, aber auch der Talente betrifft. Woran liegt das?

Da gibt es natürlich nicht die eine richtige Antwort. Ich denke, ein Grund ist, dass in der Trainerarbeit einiges im Argen liegt. Die Vereine geben Geld im Erwachsenenbereich für die Übungsleiter aus, aber in der E- oder D-Jugend, wo die Grundlagen gelegt werden, sind es oft die Eltern, die ran müssen, weil sonst niemand möchte. Mein Heimatverein Kleenheim baut nun wieder etwas auf im Nachwuchsbereich. Das ist sicherlich der richtige Schritt. Die TSG Leihgestern könnte eine Rolle als Vorreiter einnehmen, da passiert zumindest bei den Frauen viel. Aber aktuell passen Aufwand und Ertrag dort nicht zusammen. Ich hoffe, dass sich das ändert. Die Talente in Mittelhessen brauchen ein Aushängeschild.

Tim Straßheim (36) lebt in Gießen, stammt aber aus Oberkleen. Bereits im Alter von 15 Jahren trainierte er bei der SG Kleenheim, seinem Heimatverein, die Minis. Im Laufe der Zeit kamen von der weiblichen Jugend C bis A und von der männlichen Jugend D bis A sowie der 2. Männermannschaft weitere Teams hinzu. Die Landesliga-Frauen der SGK bewahrte er im Frühjahr 2018 als Interimstrainer in den letzten zwei Spielen vor dem Abstieg und führte das Team eine Saison später ins gesicherte Mittelfeld der Liga.

Im Sommer 2019 übernahm er die weibliche Jugend B der HSG Hungen/Lich und gewann mit den Talenten drei Jahre später die Hessenmeisterschaft bei der A-Jugend. Seit 2020 coacht er zusätzlich noch die 1. Frauenmannschaft des Vereins, gleich in seiner ersten Saison (ein Runde Corona-Pause) stieg er mit der Truppe in die Landesliga auf. Von 2019 bis 2021 war der Sportredakteur zudem beim Handball-Bezirk Gieße als Methodik-Beauftragter beschäftigt und kümmerte sich dort um die Auswahlmannschaften und die Trainerausbildung. In seiner Freizeit besucht Tim Straßheim gerne Sporthallen und Fußballplätze und verbringt Zeit mit seiner Familie.

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Meister in der Bezirksoberliga der Frauen: Die HSG Hungen/Lich mit (hintere Reihe, von links): Torwart-Trainer Peter Beuschel, Madeleine Nathes, Doro Blasig, Steffi Dickel, Carmelina Mulch, Leonie Blümig, Lina Richter, Rika Schneider, Laura Spieker, Nele Liebich, Gretha Nau, Livia Gleim und Marien Truckenmüller; (mittlere Reihe, von links) Lena Staub, Rabea Wehrum, Lena Kötter, Kassandra Rink, Kune Jetishi (davor kniiend), Larissa Schön, Aimée Mitzkat, Lucia Schneider, Mia Kreß und Annalena Knoblauch; (liegend, von links): Trainer Brian Whisnant und Trainer Tim Straßheim. Es fehlen: Chiara Schneider und Anna-Lena Menne. Foto: Leon Becker © Leon Becker

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