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Kein Nachruf, sondern ein Aufruf

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Gießen. Heute sind Fußballstadien reine Unterhaltungs-Tempel. Sie tragen Namen wie Schauinsland-Arena, Signal-Iduna-Park oder RheinEnergie-Stadion. Die Menschen speisen edle Häppchen in Logen und sitzen auf gepolsterten oder vorgewärmten Business-Seats, auf dem Spielfeld liegt in den Niederlanden gezüchteter Rollrasen, und ihre Einheitsarchitektur raubt ihnen fast jeden Bezug zu ihrer Umgebung.

Das Vonovia-Ruhrstadion in Bochum könnte genauso gut in Cottbus stehen. Oder in Sinsheim. Oder in Regensburg.

Früher waren Fußballstadien Fußballstadien. Sie trugen Straßennamen (Stadion an der Leopoldstraße), Mundartnamen (Et Höffge), Vorortnamen (Zerzabelshof) oder Namen berühmter Männer der Stadt (Georg-Melches-Stadion). Und wenn von einem dieser Stadien die Rede war, dann wusste jeder, der sich für Fußball interessierte, wo es stand: das Stadion an der Leopoldstraße in München, et Höffge in Köln-Dellbrück, der Zerzabelshof in Nürnberg, das Georg-Melches-Stadion in Essen.

Der in Düsseldorf ausgewachsene und in Hamburg lebende Fußballautor und Sporthistoriker Werner Skrentny (72) hat sich dieser »verschwundenen Kultstätten des Fußballs«, wie er sie nennt, angenommen. »Es war einmal ein Stadion«, heißt sein detailreich recherchierter und mit fundierten Texten versehener Bildband, der 100 Spielstätten der Vergangenheit, die heute von Unkraut überwuchert, überbaut oder abgerissen sind, aufgespürt hat. Und der ihnen ein Denkmal setzt.

Wer weiß schon, dass dort, wo in Hannover heute auf Höhe der Röpkestraße der Messeschnellweg verläuft, am 1. September 1926 im Stadion Radrennbahn am Pferdeturm Deutschlands erstes Flutlichtspiel unter Bogenlampen stattfand? Dass dort, wo in der Frankfurter Straße in Speyer heute ein Supermarkt und das neue DJK-Stadion stehen, das Stadion am Roßsprung zu finden war, dessen eine Tribüne einen kleinen Knick um ein dahinter gebautes Einfamilienhaus machte? Dass dort, wo im pfälzischen Pirmasens in der Zweibrücker Straße heute eine Chemiefabrik ein Materiallager betreibt, das Stadion auf dem Horeb stand, der höchsten Erhebung der Stadt, wo »die Klub« bis in die Siebziger viermal (vergeblich) ans Tor zur Bundesliga klopfte?

Dass dort, wo zwischen Hamburger Turmweg und Hallerstraße heute ein Gebäudekomplex nach Plänen des britischen Stararchitekten Sir Norman Foster steht, inmitten eines Gründerzeitviertels das Stadion Am Rothenbaum lag, die alte Heimat des HSV, die Heimat von Uwe Seeler? Vor Ort kein Schild, kein Hinweis mehr - als ob es eine der traditionsreichsten Fußballstätten Deutschlands niemals gegeben hätte. »Wäre es ein altes Theater, es stünde längst unter Denkmalschutz«, hatte sich der damalige DFB-Präsident Egidius Braun im Sommer 1993 echauffiert. Ein Jahr später wurde das baufällige Stadion abgerissen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Nicht alle Orte, das gibt der Autor selbst zu, halten dem Untertitel »Verschwundene Kultstätten des Fußballs« wirklich stand. Schließlich ging es nicht un bedingt so wahnsinnig kultig auf dem VfR-Platz in Neuss, im Ernst-Thälmann-Stadion in Potsdam oder auf dem Germania-Platz in Pforzheim zu. Auch ist es um manches Stadion, das der Abrissbirne zum Opfer fiel, nicht schade. Doch sind das letztlich kleinliche Einwände gegenüber einem Buch, das alle Stadionbekloppten lieben werden und ein ideales Starter-Set für all jene ist, die Lust auf unnützes Wissen haben.

Skrentnys Buch wendet sich gegen das Vergessen. Der Autor spürt die kleinen und die großen untergegangenen Stätten des deutschen Fußballs auf, das Stadion »Kradepohl«, den Krötenteich in Bergisch Gladbach, das Oldenburger Stadion in Donnerschwee, »die Hölle des Nordens«.

Es sind Orte der Geschichte, es sind Orte von Geschichten. Skrentny erzählt sie, kenntnisreich und originell. Sein Buch sei kein Nachruf, sondern ein Aufruf, schreibt der Autor. Es ist ein Aufruf zum Schmökern, ein Aufruf zum Verstehen.

»Es war einmal ein Stadion - Verschwundene Kultstätten des Fußballs, Autor Werner Skrentny, Verlag Die Werkstatt, 176 Seiten, ISBN 978-3-7307-0192-8, 24,90 Euro.

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