1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

»Keine Sportart, die für Damen geeignet ist!«

Erstellt:

gispor_2301_BUICH_240123_4c
gispor_2301_BUICH_240123_4c © Red

Leun. »Keine Sportart, die für Damen geeignet ist!« Es war ein Satz, der heute ganze Heerscharen von Menschenrechtsaktivisten, Frauenrechtlern und Feministinnen auf die Straßen treiben würde. Die Vereinten Nationen müssten schleunigst einige Arbeitsgruppen zusammenstellen. Und eine Fernsehansprache wäre dem UN-Generalsekretär sicher. Zumal: »Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut.

Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.«

Anno 1955 wirkten die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), angeführt vom Kölner Bauunternehmer Peco Bauwens, noch wie eine mittelalterliche Tafelrunde. An der Frauen nichts zu suchen hatten. Turnen, Schwimmen, Tennis - alles andere war verpönt. Erst 15 Jahre später, genauer gesagt am 31. Oktober 1970, hoben die Frankfurter Granden das Verbot des Frauenfußballs auf. Äußerst widerwillig. Im festen Glauben, der Drang der Frauen, dem runden Leder nachzujagen, würde sich wieder verwachsen. Ohne Interesse, den Sport weiterzuentwickeln. Und vor allem getrieben von Drohungen, dass die Fußballerinnen selbst eine Dachorganisation gründen wollten. Immerhin sieben Jahre vor Einführung des Gleichberechtigungsgesetzes, nach dem eine Ehefrau nur dann berufstätig sein durfte, wenn dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war.

Inzwischen hat sich nicht alles, aber vieles geändert. Die Nationalmannschaft wurde zweimal Welt- und achtmal Europameister. Deutsche Vereinsmannschaften gehören zu den stärksten in Europa. Frauenfußball ist olympisch. Angesehen. In aller Munde. Woran die deutschen Männer mit zuletzt eher unterdurchschnittlichen Auftritten und der Weltverband mit der Vergabe von Titelkämpfen in totalitäre Staaten ihren Anteil hatten.

Dem Hype ums weibliche Geschlecht trägt Walter-Hubert Schmidt Rechnung. In einem 588 Seiten schweren Werk hat der Leuner »Alles über Frauen-Fußball« zusammengetragen. Der 72-Jährige, einst bei der Bundeswehr Pressestabsoffizier des Heeresführungskommandos in Koblenz, später Pressesprecher nach der Tsunami-Katastrophe in Indonesien sowie für die KFOR in Pristina/Kosovo, Autor zahlreicher Veröffentlichungen in militärischen Büchern und Zeitschriften sowie freier Journalist in der Gesellschaft für Sicherheitspolitik und beim Deutschen Bundeswehrverband, listet chronologisch die Geschichte des Fußballs auf. Er hat alle Ergebnisse, Tabellen und Statistiken der Frauen-Bundesliga und des DFB-Pokals der Frauen parat. Er listet alle Länderspiele auf, er widmet sich dem Nachwuchs und den europäischen Vereinswettbewerben, er blickt aber auch über den Tellerrand hinaus, weil er auch die Nationalteams aus der Schweiz, Österreich und von Liechtenstein statistisch erfasst hat.

»Die Zukunft des Fußballs ist weiblich«, sagt Walter-Hubert Schmidt im Brustton der Überzeugung. Seine Dokumentation, die mit der Wucht eines Otto-Kataloges daherkommt, gibt ihm Recht. Wenngleich »Alles über Frauen-Fußball« nur etwas für Liebhaber, für Enthusiasten, für Eingefleischte ist. Das Nachschlagewerk im DIN-A-4-Format kommt nämlich ohne Fotos und weitgehend auch ohne Texte aus. Es besteht aus Chronologien, Aufstellungen, Tabellen und Statistiken.

Und dem dringenden Appell an den DFB, die Professionalisierung des Frauenfußballs in Deutschland weiter voranzutreiben. Mit anderen Anstoßzeiten (»Wer kann schon nachmittags ins Stadion gehen?«), mit mehr Fernsehzeiten (»Bisher zu wenig Live-Übertragungen und Berichte von Spielen«) und mehr Pressearbeit, denn »nicht jeder Verein verfügt über einen Pressesprecher.«

Dass es, so Schmidt, viele Vereine in 50 Jahren noch nicht einmal geschafft haben, den Spielerinnen ausreichend Damentoiletten zur Verfügung zu stellen, dürfte nicht nur bei den Regionalliga-Kickerinnen des FSV Hessen Wetzlar auf offene Ohren stoßen.

»Alles über Frauen-Fußball« von Walter-Hubert Schmidt, 588 Seiten, erschienen bei Kindle Direct Publishing (KDP), erhältlich für 22,52 Euro bei amazon.de, ISBN 978-3-00-073090-0.

Auch interessant