Keine Zuschauer, keine Einnahmen: FC Gießens pausenlose Nöte

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Kurze Verschnaufpause in der Regionalliga Südwest. Kurze Verschnaufpause auch für den FC Gießen. Am Ende eines in vielerlei Hinsicht unvergleichlichen und undenkbaren Jahres, darf man sich fragen, wo die Reise des mittelhessischen Fußball-Aushängeschildes hingeht? Sportlich ist die aktuelle Saison ebenso schwer wie die vergangene, in der dem Verein nur aufgrund des Corona-Abbruchs die Chance erhalten blieb, erneut in der 4.

Liga sein Glück zu versuchen. Ein Glück, das recht unglücklich daherkommt: In einer aufgeblähten Liga, die qua Statuten die höchste Amateurklasse ist, was aber die GbR-Herren offensichtlich nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Ohne Zuschauer, ergo Einnahmen, mit einem bis Mitte Juni angesetzten Programm, das permanent "Englische Wochen" nötig macht. Wir haben es bei diesem Re-Start mit einem Affront zu tun gegen das, was gesellschaftliche Priorität besitzt.

Was aber bedeutet das für den FC Gießen, der seit einigen Wochen von Notvorstand Turgay Schmidt auf Herz, Nieren und Rettungspotenzial geprüft wird? Er selbst hat in einem Interview mit dieser Zeitung davon gesprochen, die Lage sei "kritisch". Das aber ist nicht neu, sondern spätestens seit November 2019, als Jörg Fischer seinen Rücktritt erklärte, Dauerzustand beim FCG, den der Gießener Rechtsanwalt vor allem "als Gesamtverein" retten will. Der Fokus liegt auf den ineinander zu verzahnenden Strukturen der Jugend und 2. Mannschaft - erst dann geht es ihm um die Regionalliga.

Da aber wird es interessant, denn der in einer Pressekonferenz von Schmidt verkündete "Schnitt", um mit neuen Leuten das Projekt anzugehen, hat einen Haken: Woher nehmen? Völlig ohne Not wurde die sowohl finanzielle, aber auch ideelle und personelle Manpower der Sponsoren GmbH ausgehebelt. Dabei kamen von dort in den letzten zehn Monaten die entscheidenden Impulse, dass es überhaupt weitergehen konnte. Hätten Markus Haupt und seine Mitstreiter nicht im Januar 2020 das Heft in die Hand genommen, würde man im Januar 2021 nicht mehr über Regionalliga-Fußball in Gießen sprechen. Zur Wahrheit gehört zwar auch, dass die Möglichkeit, im ersten Lockdown in Kurzarbeit gehen zu können, die Rettung war, aber die Netzwerke der Gesellschafter haben nun gegriffen. Dem Vernehmen nach hätte sich das Potenzial an Geldgebern und Unterstützern in den nächsten Wochen und Monaten deutlich erhöht. "Warum hätte man nicht die Sponsoren GmbH unabhängig von den Vereinsstrukturen als Mitantreiber nebenher weiterlaufen lassen können", fragt einer aus dem Umfeld. Zurecht! Sicher mag es diese und jene fragwürdige Konstruktion gegeben haben, aber genau das hätte man nun Hand in Hand auflösen können - ohne (zumindest einen Teil) der GmbH zu verprellen. Die Novembergehälter jedenfalls waren rasch bezahlt, rascher als im Jahr 2019. Die Frage ist, ob die von den Gesellschaftern eingefädelten Verträge auch unter neuer Ägide in gleichem Umfang erfüllt werden. Schließlich geht es um Mittel, die oftmals nur dank persönlicher Kontakte und wechselseitigen Vertrauens zustande kamen.

Leidtragende der neuen und erneuten Ungewissheit sind Daniyel Cimen und die Mannschaft. Wenn aber einer es nicht verdient hat, dann dieser Trainer und seine Kollegen, die sich in einem bisweilen erschreckend unorganisierten und amateurhaften Umfeld immer wieder motivieren und über die Maßen engagieren. Wer sich 30 Jahre mit den Höhen und Tiefen des VfB 1900, jetzt FC Gießen, befasst, der kommt um die Frage nicht herum, was ein Jugendkonzept bringen soll, wenn nach wie vor zwei höherklassig Jugendarbeit betreibende Vereine in einer Stadt wie Gießen nahezu gleichrangig nebeneinander existieren und sich zwangsläufig das Wasser abgraben? Schon längst gehörten hier die Kräfte gebündelt. Aber das ist das Problem in dieser Stadt, das sich auch an dieser Stelle immer wieder gespiegelt hat: Zu oft wird gegeneinander, nicht miteinander gearbeitet.

Randnotiz: Man darf auch in Watzenborn nachfragen, was dort von der Entwicklung gehalten wird. Inwieweit sich dieser einst glorreiche Traditionsverein noch vertreten fühlt? Geblieben ist einzig eine grüne Zunge im Wappen des rot-weißen Löwen. Ansonsten: In der Versenkung verschwunden. Regionalliga-Fußball war das große Ziel, man ist mittendrin statt nur dabei. Ohne Zuschauer geht es indes mehr schlecht als recht. Und mit Zuschauern? Wird es nicht besser werden. Denn wo in diesen Strukturen das Potenzial herkommen soll, im Fall der Fälle Spiele vor 1000 Zaungästen auszutragen, ist ein Rätsel. Ob die Arbeit der GmbH und der ihnen zugeneigten Ehrenamtlichen ersetzt werden kann? Dass zudem auch für die Jungs aus der Geschäftsstelle kein Geld mehr da ist, ist beschämend. Deren Arbeit ist unverzichtbar. Soweit wie jetzt war man schon einmal - vor ziemlich genau einem Jahr. Beim FC Gießen gibt es offenbar nie Verschnaufpausen.

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