1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Kerngesundes Mittelmaß

Erstellt:

gispor_0301_tvh_040123_4c
Daheim kann man sich auch mal aufregen: Doch Routinier Timm Schneider (rechts) und Trainer Johannes Wohlrab konnten den Heimfluch des TV Hüttenberg schließlich doch brechen. Foto: Röczey © Röczey

Hüttenberg. Johannes Wohlrab mag es, bestimmte Begriffe zu wiederholen und so im Gedächtnis seiner Zuhörer zu verankern. Schon häufig forderte der Trainer von Handball-Zweitligist TV Hüttenberg von seinen Spielern, dass sie »mit dem Messer zwischen den Zähnen« auftreten, die »Axt auspacken« und die »Hüttenberger Attribute« an den Tag legen sollen.

Vor der aktuellen Spielzeit war eine neue Vokabel hinzugekommen, die im Umfeld des TV Hüttenberg gerne zitiert wurde: Demut. Aufgrund der Tatsache, dass einer der jüngsten Kader des Unterhauses im Sommer seinen Schlüsselspieler, den zum VfL Gummersbach abgewanderten Dominik Mappes, verloren hat, solle man künftig Geduld mit seinen Schützlingen haben und - eben jene häufig genannte - Demut an den Tag legen. Eine Forderung, die nachhaltig Wirkung gezeigt hat.

Denn trotz einer Krise in Heimspielen, die erst Anfang Dezember gebrochen werden konnte, ist man beim Traditionsclub nie in Hektik verfallen, sondern stattdessen ruhig und besonnen geblieben. Unsere Bilanz schaut genauer auf die Hinrunde des TV Hüttenberg.

Das lief gut:

Bedenkt man, dass der TVH nicht nur über einen der jüngsten und somit unerfahrensten Kader des Unterhauses verfügt, sondern vor der Spielzeit auch noch den Abgang des Vorjahres-«VIP« Dominik Mappes verkraften musste, ist der aktuelle elfte Tabellenplatz als Erfolg zu werten. Hendrik Schreiber, der erst 19-jährige Niklas Theiß, der erfahrene Timm Schneider und Ian Weber teilen sich im Rückraum jene Verantwortung, die Mappes zuvor teilweise allein innehatte.

Gemeinsam mit den Backups Johannes Klein, David Kuntscher, Phillip Opitz sowie den langzeitverletzten Paul Kompenhans und Joel Ribeiro hat die zweite Reihe des TVH trotz des Mappes-Abgangs nur wenig an Spielfreude und Kreativität eingebüßt. Insbesondere in Auswärtsspielen wurde deutlich, wie gut das TVH-Ensemble harmonieren kann, las sich die Bilanz in der Fremde zeitweise wie diejenige eines Aufstiegsaspiranten. Und selbst dann, als die völlig konträr wirkende Heimbilanz mit sechs Niederlagen in sieben Spielen irgendwann groteske Formen annahm, blieb das Vereinsumfeld ruhig. Heimniederlage nach Heimniederlage predigte Wohlrab, dass sein Team den Bock schon irgendwann umstoßen würde.

Für das ihm entgegengebrachte Vertrauen bedankte sich der 36-Jährige nach dem erlösenden 34:32-Heimsieg gegen den VfL Eintracht Hagen Anfang Dezember öffentlich.

Das lief schlecht:

So selbstsicher, abgezockt und zugleich unbekümmert die Hüttenberger auch in der Fremde auftraten, zuhause waren es lange Zeit die gegenteiligen Attribute, die das TVH-Spiel kennzeichneten. Nach Heim-Auftaktniederlagen gegen Nordhorn und Balingen sowie dem zwischenzeitlichen Sieg gegen Schlusslicht Würzburg wirkten die Blau-Weiß-Roten im heimischen Sportzentrum gehemmt, verunsichert und verkopft, agierten umständlich und standen sich demnach häufig selbst im Weg.

Anders ist beispielsweise die 22:24-Niederlage gegen Kellerkind HSG Konstanz sowie die zwischenzeitliche Heimbilanz von 2:12 Punkten nicht zu erklären. Von Wohlrab in diesem Zusammenhang immer wieder kritisiert wurde die oftmals schwache Chancenverwertung, insbesondere bei freien Würfen von Außen und nach Durchstößen zum Kreis. Schwer tat sich der Traditionsverein auch dann häufig, wenn der Gegner dauerhaft im Überzahlspiel sieben gegen sechs agierte.

Der schönste Moment:

Da war zum einen der 31:25-Auswärtssieg beim HSC Coburg am 6. November, bei dem die Hüttenberger nicht nur ihre vielleicht beste Saisonleistung vor 1907 Zuschauern boten, sondern gleichzeitig auch den finanziell deutlich besser aufgestellten Club mit den Ex-Hüttenbergern Florian Billek, Merlin Fuß und Geschäftsführer Jan Gorr mächtig ärgerten. Zum anderen war da der 34:32-Heimsieg gegen den TSV Eintracht Hagen Anfang Dezember, der zwar bei Weitem nicht so schön anzusehen war und eine solche Leichtigkeit versprühte wie der Triumph in Coburg, allerdings mental noch weitaus wichtiger war. Schließlich beendete dieser zweite Erfolg vor heimischem Publikum den zuvor von Wohlrab so getauften »Heimfluch«.

Der bitterste Moment:

Nur selten hat man im Hüttenberger Sportzentrum solch einen unangenehmen Stimmungscocktail erlebt: Wut über die Niederlage, Ärger über Schiedsrichterentscheidungen und vor allem die Sorge vor dem Fortdauen des »Heimfluches« kulminierten nach der 25:26-Niederlage gegen den HC Elbflorenz am 26. November, der sechsten Pleite im siebten Heimspiel, in einem Gefühl der frustrierenden Ratlosigkeit.

Wohlrab betonte auf der anschließenden Pressekonferenz in den Hüttenberger Bürgerstuben zwar gebetsmühlenartig, dass sein Team den »Bock bald umstoßen« werde, wirkte jedoch selbst erstmals ziemlich mitgenommen. Währenddessen konnte sein Gegenüber, Elbflorenz‹ Trainer Rico Göde, sein Glück selbst noch nicht so ganz fassen, fuhren die Dresdener doch nach einer alles anderen als bärenstarken Vorstellung erstmals seit neun Spielen wieder mit zwei Punkten im Gepäck gen Sachsen.

Der Gewinner:

Wer Ian Weber während der Verrichtung seiner Arbeit beobachtet, vergisst manchmal, dass er erst 22 Jahre als ist. Der Mittelmann ist Regisseur, Torjäger und emotionaler Führungsspieler in Personalunion und damit in seiner Schlüsselrolle nicht mehr aus dem Team wegzudenken.

Der Spielmacher kam in bislang allen 18 Spielen zum Einsatz, erzielte dabei mit 105 Toren die meisten Treffer aller TVH-Spieler und ist zudem derjenige, der mit 28 verwandelten Siebenmetern am häufigsten Verantwortung von der Strafwurflinie übernimmt. Dabei ist die Entwicklung des gebürtigen Darmstädters, dessen Vater Thomas Jugendkoordinator bei Ligakonkurrent TV Großwallstadt ist, noch längst nicht abgeschlossen. Weber, der seinen Vertrag im November des vergangenen Jahres bis 2024 verlängert hat, wird dem TVH-Anhang also noch mindestens anderthalb Jahre lang Freude bereiten.

Der Verlierer:

»Der Pechvogel« würde es wohl eher treffen. Joel Ribeiro ist schnell auf den Beinen, beweglich, wurfgewaltig, spielintelligent und dazu noch variabel im Rückraum einsetzbar. Das Problem des sympathischen Portugiesen ist jedoch seine Verletzungsanfälligkeit. Aktuell ist Ribeiro mit Problemen am Fuß außer Gefecht gesetzt, davor war sein angeschlagenes Knie Dauerthema, wodurch er seit seinem Wechsel nach Mittelhessen im Sommer 2021 mehr verletzt als fit war.

Bleibt nur zu wünschen, dass Ribeiro jenes Potenzial, das in ihm schlummert und das in seinen wenigen Auftritten aufblitzte, bald voll entfalten kann. Denn ein Gewinn für den TVH wäre er allemal.

Die Prognose:

Die Blau-Weiß-Roten haben es bereits zur Halbzeit geschafft, sich ein Acht-Punkte-Polster auf die HSG Konstanz und den ersten Abstiegsplatz zu erarbeiten, obgleich das Team vom Bodensee noch eine Partie weniger absolviert und das Gastspiel in Hüttenberg gewonnen hat. Der TVH wird auch in den verbleibenden 18 Ligaspielen nicht ernsthaft in Kontakt zu den Abstiegsrängen kommen. Ein einstelliger Tabellenplatz ist angesichts der aktuellen Tabellensituation absolut realistisch und würde als großer Erfolg empfunden werden.

Das sagt der Trainer:

»Wir wollen 35 Punkte holen, dann wäre der Klassenerhalt auf jeden Fall sicher. Das ist immer das erste Ziel, das wir haben. Aktuell sind wir da mit 17:19 Zählern im Soll, auch wenn ich gerne mit einem positiven Punktekonto in die Rückrunde gegangen wäre. Insofern ist das insgesamt in Ordnung, aber auch nicht so überragend wie noch in der Vorsaison. Im Vergleich zum letzten Jahr hat die Analyse ergeben, dass wir zu selten ins Tempospiel kommen und zu wenige einfache Tore erzielen, daran soll in der Vorbereitung gearbeitet werden. Auch daran, dass wir noch eine zu hohe Zahl an technischen Fehlern haben. Trotz allem müssen wir immer wieder realistisch bleiben und die Kirche im Dorf lassen. Wir haben nicht dieselben wirtschaftlichen Bedingungen wie die anderen Konkurrenten und müssen folglich demütig bleiben, weshalb es insgesamt okay ist, wie wir bislang durchgekommen sind. »

Auch interessant