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Kleiner Horrorfilm mit Bösewicht

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Wetzlar. Ben Matschke nimmt nach neun Minuten seine erste Auszeit. Der Trainer der HSG Wetzlar benötigt im Handball-Bundesliga-Heimspiel gegen den HC Erlangen nach 19 Minuten bereits die zweite Auszeit. Matschke stellt die Abwehr von 6:0 auf 5:1 um. Er wechselt Spieler, er wechselt Systeme, er wechselt den Torwart. Alles vergebens.

HSG Wetzlar - HC Erlangen 26:30

Alles das ändert nichts an einer Halbzeit zum Vergessen. Einer Halbzeit, die die grün-weißen Fans ungefähr so brauchen wie ein Oktoberfest-Stammtisch eine Kanne voll lauwarmen Kamilletee. Mit 9:15 liegt die HSG zur Pause zurück. Fast schon schmeichelhaft. Nach einer Steigerung in der Schlussphase heißt es zum bitteren Ende schließlich 26:30. Vor allem aber im ersten Abschnitt will nichts, aber auch gar nichts gehen an diesem lauen Sommerabend. Wie ein laues Lüftchen kommen die Wetzlarer Angriffe denn auch daher. Klar: Alle mühen sich. Alle kämpfen. Aber allesamt strahlen die Gastgeber soviel Zielstrebigkeit und Gefahr aus wie eine Runde beseelter Althippies beim Bob-Dylan-Lauschen.

Sage und schreibe und gestoppte 8 Minuten und 24 Sekunden benötigen die Domstädter bereits für ihren ersten Treffer durch Olle Forsell Schefvert zum 1:3.

Dummerweise vergessen die Grün-Weißen in der Abwehr ein ums andere Mal HC-Kreisläufer Tim Zechel, der sich Treffer um Treffer um Treffer für die freundliche Vernachlässigung bedankt. Beim 7:3 (13:20) steht er ebenso frei wie beim 9:5 (19:40), beim 12:6 (23:00) und beim 15:8 (28:20). Da kann der bedauernswerte Till Klimpke im Tor so wenig ausrichten wie der für ihn eingewechselte Gennady Komok. Und weil die Wetzlarer an diesem vermaldeiten Abend erst kein Glück im Angriff haben, kommt auch noch Pech bei Lattentreffern hinzu.

Irgendwann beschleicht einem das Gefühl, Trainer Matschke könnte diesmal auch den achten oder neunten Feldspieler gebrauchen und fünf Auszeiten, mindestens. Aber vielleicht hätte auch eine Weltauswahl in grün-weißen Trikots in dieser Seuchenhalbzeit nichts auf die Reihe bekommen. Es gibt so Tage.

Es gibt so Tage, da will nichts bis überhaupt nichts gehen. Und wenn man denkt, es kann nicht schlimmer kommen, dann hat man immer noch falsch gedacht. Denn nach dem Wechsel setzt sich das fast schon skurrile Treiben fort. Der völlig überspielte Magnus Fredriksen reiht Fehlpass an Fehlpass. Johannes Sellin sagt beim 20:10 per Tempogegenstoß gerne Danke (35:30). Dann taut Lenny Rubin auf. Der Schweizer kämpft sich minutenlang aus seinem Formtief und gibt den 2850 Zuschauern in der Buderus-Arena einen kleinen Hoffnungsschimmer beim 17:23 (44:30). Doch stets hat Zechel eine Antwort. Der HC-Kreisläufer lässt die Fans so regelmäßig aufstöhnen wie der Messermörder in einem Splatterfilm das Kinopublikum, wenn wieder ein Sympathieträger dran glauben muss. Und freut sich später: »Das war eines meiner besten Spiele.«

Beim 18:26 (46:00) scheint alles gelaufen. Doch dann folgt erstmals ein grün-weißer Schachzug, auf den Erlangen keine Antwort hat. Der junge Ole Klimpke wird als siebter Feldspieler eingewechselt. Und das große Talent läutet tatsächlich noch letzte spannende Minuten an diesem zuvor so eintönigen Abend ein.

Mit vier Toren in Folge, davon eines vom Dutenhofener selbst erzielt, scheint beim 24:27 ein kleines Wunder möglich. Klimpke reißt seine zuvor so müden Mitstreiter regelrecht mit. Doch wer kommt immer dann um die Ecke geschlichen, wenn man ihn gerade nicht braucht? Na klar, Zechel macht mit seinem zwölften Treffer das 28:24 (56:30). Und Sellins Doppelpack lässt die Halle verstummen. Ein 45-minütiger Handball-Horrorfilm lässt sich nicht mit ein paar schönen Schlussszenen vergessen machen.

HSG Wetzlar: Till Klimpke (1.-20./30.-60.), Komok (20.-30.); Rubin 6, Cavor 5, Forsell Schefvert 4, Weissgerber 3, Holst 2/2, Mellegard 2, Danner 1, Fredriksen 1, O. Klimpke 1, Nyfjäll 1

HC Erlangen: Ferlin; Zechel 12, Sellin 6, Steinert 5/4, Jeppsson 4, Bissel 2, Metzner 1

Schiedsrichter: Marijo Zupanovic (Berlin)/Martin Thöne (Berlin) - Zuschauer: 2853 - Strafminuten: 6 Nyfjäll, Novak, Forsell Schefvert / 8 (Overby 2, Methner, Büdel) - Verworfene Siebenmeter: Holst scheitert an Ferlin (5:00)

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