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Knorr lässt die Premiere kalt

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In festen Händen: Auch der Wetzlarer Spielmacher Jonas Schelker kommt gegen die Löwen-Abwehr mit Niclas Kirkelokke (links) und Ymir Örn Gislason (Bildmitte) nicht zum Zuge. Foto: Ben © Ben

Wetzlar. Um 13.56 Uhr betritt der neue Hoffnungsträger die Buderus-Arena. Hrvoje Horvat winkt fast ein wenig schüchtern den vollbesetzten Rängen zu. Kurz vor dem Anpfiff nimmt der Trainer der HSG Wetzlar seinen Spielmacher Jonas Schelker in den Arm und gibt dem Schweizer letzte Anweisungen vor dem Anpfiff. Doch bereits 25 Minuten später steht Horvat am Spielfeldrand, hat die rechte Hand ans Kinn gelegt und weiß, dass ihn im Abstiegskampf der Handball-Bundesliga eine schwere Aufgabe erwartet.

HSG Wetzlar - RN Löwen 23:29

Denn die famos startenden Mittelhessen haben binnen 14 Minuten jede, aber auch jede Chancen auf eine Überraschung gegen die kralligen Rhein-Neckar Löwen verspielt. Aus einem 7:7 ist ein 7:14 geworden. Und aus einem freundlich lächelnden kroatischen Nationaltrainer ein nachdenklicher Mann. Am Ende kassiert der heimische Erstligist eine 23:29 (10:16)-Niederlage.

Dabei beginnen die Domstädter vor erstmals in dieser Saison ausverkaufter Halle, als gäbe es kein Morgen. Mit viel Tempo, mit harter Abwehrarbeit und feinen Spielzügen legen die Gastgeber eine vorweihnachtliche Bescherung fast schon unter den Tannenbaum. Als Lenny Rubin nach neun Minuten mit einem klug verzögerten Wurf zum 6:3 einwirft, haben die Grün-Weißen auch den Publikumsjoker gezogen. Die Trommler trommeln, bis die Sehnenscheiden schmerzen. Die Fans auf den Stehplätzen jubeln, bis die Kehlen kratzen und die Löwen? Die Löwen kuschen. Doch den Leitlöwen, das Alphatier dieser ersten Halbzeit kriegen die Wetzlarer nicht gezähmt. Spielmacher Juri Knorr hält sein Rudel im Alleingang in der Nähe des Punktetrogs. Tor um Tor wirft der Nationalspieler. Und bringt auch deshalb seine Mannschaft beim 8:7 erstmals per Siebenmeter in Führung, weil die HSG ihren Ex-Kreisläufer Jannik Kohlbacher immer wieder nur auf Kosten eines Strafwurfs stoppen kann. Danach? Danach fällt das grün-weiße Kartenhaus in sich zusammen. Nyfjäll, Mellegard, Rubin - allesamt versemmeln sie freie Würfe. Abspielfehler auf Abspielfehler komplettieren das minutenlange Desaster. Das Angriffsensemble wirkt plötzlich so harmonisch wie die vor Spielbeginn ausgestrahlten weihnachtlichen Chorgesänge der Mannschaft. Der neue Trainer lässt nun alle seine Rückraumspieler mal vortanzen. Und so ziemlich alle tanzen aus der taktischen Reihe. »Wir«, bilanziert nach der Partie der stark aufspielende Ex-Wetzlarer Olle Forsell Schefvert, »haben die Sachen gemacht, in denen wir gut sind.« Die Sachen, bei denen Knorr ein ums andere Mal trifft oder klug auf Kohlbacher abspielt. Immerhin: Horvat weiß nun, dass doch einige schweißtreibende Trainingsarbeit auf ihn zukommt. Und als Knorr einen weiteren Siebenmeter zum 10:16-Pausenstand ins Netz legt, ist eine schöne Bescherung in Mittelhessen soweit entfernt wie eine Schneeballschlacht am vermutlich regnerischen Heiligabend. »Wir haben gut begonnen«, sagt später der neue HSG-Coach, »aber dann haben wir im Angriff Probleme bekommen.«

Partycrasher

Nach der Pause gehen die Knorr-Festspiel munter weiter. Wetzlar fällt wenig bis nichts ein, um den gradlinigen, fast schon lehrbuchhaften Aufbau der Mannheimer zu stören. Beim 12:20 (39:00) geben wohl die meisten der Fans nicht mal mehr nen abgelaufenen Schoko-Nikolaus auf einen Sieg ihrer Mannen. Bis zur 41. Minute. Bis Juri Knorr zum nächsten Siebenmeter antritt. Till Klimpke pariert den Wurf, wird dabei aber auch am Kopf gestreift. Der Löwen-Spielmacher sieht Rot. Und die Gäste auch. Heftig wird der HSG-Schlussmann beschimpft und hämisch beklatscht, weil er den Platzverweis so vehement gefordert hat. Doch dem Spiel tut die Herausstellung gut. Natürlich nur aus grün-weißer Sicht.

Denn nun geht es ausgeglichener zu. Als Rubin zum 18:23 trifft (47:00) keimt ein zartes Hoffnungspflänzchen auf, das Vladan Lipovina mit dem 21:25 (52:00) kräftig gießt. Anstatt dieses kleine Pflanze noch zu düngen, leisten sich die Schelker und Co. jedoch weiterhin viel zu viele Patzer im Aufbau. »Da haben wir fast ins Spiel zurückgefunden«, ärgert sich später Horvat, »aber dann kamen wieder diese technischen Fehler.« So wirkt der Wurf ins leere Tor ausgerechnet vom Ex-Wetzlarer Olle Forsell Schefvert wie der Partycrasher beim 21:26 (55:00). Lukas Nilsson setzt den Schlusspunkt unter einen von den Löwen-Fans frenetisch bejubelten 29:23-Erfolg. Und Hrvoje Horvat sitzt später am Podium bei der Pressekonferenz. »Das war natürlich kein schönes Spiel für uns«, sagt der Trainer und thematisiert das, was die vergangenen Monate stets das Problem war: »Wir haben das Spiel im Angriff verloren.« Der Angriff bleibt die grün-weiße Achillesferse. Vermutlich bis zum nächsten Heimspiel am 9. Februar.

HSG Wetzlar: Klimpke (1.-15. und 30.-60.), Suljakovic (15.-30.); Rubin 8, Lipovina 4, Novak 4/2, Nyfjäll 2, Wagner 2, Becher 1/1, Mellegard 1, Schelker 1, Cepic, Okpara

Rhein-Neckar Löwen: Birlehm (1.-50.), Appelgren (50.-60.); Knorr 9/5, Kirkelökke 5, Kohlbacher 5, Groetzki 4, Forsell Schefvert 3, Helander 2, L. Nilsson 1

Schiedsrichter: Adrian Kinzel (Bochum)/Sebastian Grobe (Bochum) - Zuschauer: 4421 - Strafminuten: 4 (Lipvovina, Novak/ 6 (Gislason 2, Knorr) - Disqualifikation: Knorr (41:30.) - Verworfene Siebenmeter: Knorr scheitert an Klimpke (8:40), Knorr trifft Kopf von Klimpke (41:30)

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