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Komm mit Ben ins Abenteuerland

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Das Team, das in die Jubiläumssaison geht: Die Spieler und Trainer der HSG Wetzlar. Foto: HSG © HSG

Wetzlar. In der nun knapp sechs Wochen dauernden Vorbereitung benutzte Ben Matschke bezüglich seiner Aufgabe irgendwann mal den Begriff »Abenteuerland«. Ja, so könnte der Außenstehende das Portfolio des Trainers der HSG Wetzlar und seiner Schützlinge kaum treffender umschreiben. Es gilt für die Grün-Weißen von der Lahn in ihrer eigenen langen Historie in der Handball-Bundesliga - mal wieder - einen personellen Umbruch zu stemmen, eben in ein neues, aber auch spannendes Abenteuer zu starten.

Zweitjüngste Mannschaft des Oberhauses, Durchschnittsalter 24,3 Jahre, nur der im Kader allerdings deutlich umfangreicher aufgestellte VfL Gummersbach (23,6) ist von der Papierform her noch jünger. Alleine dieser Fakt zeigt, wie viel sich verändert hat bei der HSG in diesem Sommer und vor der (Respekt!!!) 25. Erstliga-Runde in Folge.

»Das bedeutet noch intensivere Gespräche mit jedem einzelnen Spieler. Letztes Jahr, da war ein neuer Trainer da, dieses Jahr sind es acht Neuzugänge im Kader. Klar, dass da nicht weniger Arbeit ansteht«, weiß Ben Matschke.

Der Mann aus Schwetzingen, der vor knapp 14 Monaten die Nachfolge von Kai Wandschneider auf der sportlichen Kommandobrücke in Wetzlar über- und nachfolgend enorm erfolgreich angenommen hat, weiß auf der einen Seite um die Tücken einer solch großen Umwälzung im Teamgefüge. »Wir haben in der Vorbereitung eine Woche mehr in die Integration der Neuzugänge investiert, sind danach erst in die Taktik und in die Spielsysteme eingestiegen«, sagt Matschke.

Stand jetzt gebe es also Dinge, »die schon gut funktionieren«, aber auch Dinge, »wo wir noch ein wenig blauäugig sind«, fügt der Coach an. Um Letzteres etwas zu konkretisieren: »Es geht zum Beispiel darum, die Uhr ein Stück weit zu kontrollieren und nicht zu schnell abzuschließen.«

Selbst zu Beginn des Trainingslagers im Schwarzwald von einer Corona-Infektion ausgebremst, störten den Cheftrainer, seinen »Co« Filip Mirkulovski und den zum neuen Sportlichen Leiter avancierten »Jasko« Camdzic aber auch die aus der vergangenen Runde herübergeschleppten Knieverletzungen von Torhüter Till Klimpke (Matschke: »Aktuell hält er 30 Minuten durch«) und Stefan Cavor (Matschke: »Caki wird uns frühestens im neuen Jahr wieder auf dem Feld helfen«).

Und dass Lenny Rubin wegen Corona in der Woche vor dem alles andere als zufriedenstellenden Auftritt beim Heide-Cup und Linkshänder Jovica Nikolic wegen einer Erkrankung vor dem daran anschließenden Linden-Cup für wichtige Trainings- sowie Wettkampfsequenzen ausfielen, schmeckte den HSG-Verantwortlichen auch nicht.

Sei’s drum, Jammern hilft bekanntlich nichts. Also kommen wir vom halb leeren zum halb vollen Glas. Die Wetzlarer haben zwar einige Stammkräfte der vergangenen Saison (in Zahlen 48 stattliche Jahre Bundesliga-Erfahrung), allen voran natürlich Siebenmeter-Uhrwerk Maxi Holst und »Energizer« Olle Forsell Schefvert (zu den Rhein-Neckar Löwen), verloren, aber dafür zahlreiche Profis mit Potenzial gewonnen. »Wir haben hier wieder die Chance, eine Mannschaft zu entwickeln. Es gilt in den kommenden Wochen und Monaten, denen das Konzept HSG Wetzlar näher und näher zu bringen, das Miteinander mit den Fans zu fördern und aggressiven, temporeichen, authentischen Handball zu spielen. Dass die Jungs sich nicht aufgeben, haben sie zum Beispiel schon im letzten Test gegen die Löwen bewiesen«, freut sich Ben Matschke über die typischen HSG-Tugenden, die Einstellung sowie die erkennbaren Entwicklungsschritte des umformierten, aber auch gezielt auf allen Positionen doppelt besetzten Kollektivs.

Wobei Björn Seipp in diesem Zusammenhang stets betont, dass dies »kein erzwungener und aus finanziellen Gründen bedingter Umbruch, sondern ein geplanter Verjüngungsprozess war und ist«.

Gepaart mit den vorab bereits getätigten Vertragsverlängerungen mit Leistungsträgern wie Cavor, Rubin und Magnus Fredriksen (Matschke: »Er muss, soll und wird der Anker in unserem Angriff sein«) ist dem Geschäftsführer vor der Jubiläumssaison nicht bange. Zumindest was das Sportliche betrifft. »Sorgen bereitet uns vor allem, welche Auswirkungen Corona, die Energiekrise und die Inflation auf unsere Zuschauerzahlen haben wird. Die Dauerkarteninhaber sind uns sehr treu, aber bei den Einzeltickets ist die Sache noch sehr unbefriedigend, was den Vorverkauf angeht. Natürlich können sich viele bei der momentanen Hitzewelle schlecht vorstellen, sich in eine Halle zu setzen. Und natürlich schauen die Menschen noch genauer, für was sie ihr Geld ausgeben. Dazu kommt die Frage: Was passiert im Herbst? Gibt es vielleicht wieder Abstandsregelungen in der Buderus-Arena? Alles ist sehr ungewiss«, weiß Björn Seipp.

Genauso weiß er aber, »dass wir dieses besondere Feeling und diese außergewöhnliche Atmosphäre in unserer Halle brauchen. Deshalb mein Appell: Geben Sie der HSG Wetzlar eine Chance. Diese Mannschaft hat es sich verdient.«

Der sensationell anmutende siebte Platz der Vorsaison darf dabei kein Maßstab dafür, die Erwartungshaltung also nicht zu hoch sein. Zumal das Startprogramm mit der Partie am Donnerstag beim HC Erlangen und danach gegen die Titelanwärter aus Berlin und Magdeburg »sehr herausfordernd ist«,

Diese Meinung hat der so zitierte Matschke nicht exklusiv. »Wir können nur positiv überraschen in den ersten Partien. Es ist ein Reifeprozess, den wir erleben. Die Bereitschaft der Mannschaft, sich von Tag zu Tag verbessern zu wollen, ist aber unfassbar hoch«, erzählt der Cheftrainer mit dem Brustton der Überzeugung. Das Motto lautet nun für alle, die es mit der HSG Wetzlar halten: Kommt mit Ben ins Abenteuerland!

Wer kennt ihn nicht, den Film-Klassiker mit Dustin Hoffman und »Mrs. Robinson«. Der Titel lautet »Reifeprüfung« - und genau diese Überschrift steht für die kommende Saison der HSG Wetzlar. Vor knapp zwölf Monaten war es der Trainer, der ein neues Amt an- und in große Fußstapfen trat, um speziell in einem famosen ersten halben Jahr alle Zweifler verstummen und die grün-weißen Fans frohlocken zu lassen.

Ben Matschke hat (fast) alles richtig gemacht. Nach Platz sieben kommt Saison Nummer zwei auf den authentischen Coach zu. Es werden 34 Reifeprüfungen. Es galt und gilt in dieser Jubiläumssaison zahlreiche Neuzugänge - teils mit Routine, teils mit viel Talent - zu integrieren.

Und es ist an der Mannschaft, ihre zuletzt offen zutage getretene schlechte Chancenverwertung zu verbessern. Um mehr als den harten Zuschauerkern für sich zu begeistern. Nur gemeinsam ist die Reifeprüfung in Runde 25 zu meistern. Volkmar Schäfer

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gispor_3008_hsg_300822_4c_1 © Red

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