Kommentar: Bittere Entwicklung im Gießener Jugendfußball

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Klaus-Jürgen Schretzlmaier ist nicht zu beneiden. Der Kreisjugendfußballwart trat zu einer Unzeit die Nachfolge seines Vorgängers und engen Wegbegleiters Jürgen Jung an. Kurz vor dem ersten Lockdown erfolgte "Beim Philipp" in Leihgestern - gewohnte Versammlungsstätte der Jugendfußballer seit Jahren - die Inthronisation. Und nur ein, zwei Wochen später war der gute Mann ein Fußball-König ohne Reich.

Wer den Licher, ehedem Jugendtrainer und aktuell noch leidenschaftlich gerne Schiedsrichter, kennt, weiß, wie schmerzhaft das für ihn war.

Kein Spielbetrieb, dann Stotterspielbetrieb, erneute Wettkampfpause, ab und an Durchhalteparolen, keine Hallenrunde, dann mal eine Online-Videokonferenz, die am Ende stets das Prinzip Hoffnung zum Thema hatte. All das war aus der schönsten Nebensache der Welt geworden, die gerade im Kinder- und Juniorenalter noch ganz andere Aspekte zeitigt: Bewegung, soziale Kontakte, Freundschaften, strukturierten Alltag dank Training und Spiel. Hinzu kam der monatelange Kampf darum, dass die Politik endlich einmal hinsieht und sich auch für den Jugendsport unter freiem Himmel starkmachen würde. Auf dass sie nicht stets allen Aussagen der Experten, Virologen, Ärzte und den im vergangenen Mai erprobten Hygienekonzepten der Vereine zum Trotz so tun würde, als sei das Jugendsport-Feld unbedeutend.

Wenn diese Pandemie wirklich vorbei sein sollte, was immer noch nicht klar ist, wird man sich auch noch einmal darüber Gedanken müssen, welche Werte in dieser Gesellschaft wirklich zählen. Und ob es nicht stets nur ein Mittel zum Wahlkampfzweck war, wenn politisch Verantwortliche das Ehrenamt loben, die Bedeutung der Vereine hervorheben oder den (sozialen und gesundheitlichen) Wert des Sports für Kinder und Jugendliche preisen.

Nach den Erfahrungen der letzten Monate, in denen sich Verbände, Vereine und Übungsleiter (wie auch große Teile der Kultur) als an der Tür kratzende Bittsteller vorkamen, wird es schwer, das Vertrauen wieder herzustellen. Die Politik hat sich in dieser Pandemie der Argumente der Sport-Fachleute erst auf massiven Druck angenommen - der Jugendsport ist den meisten Verantwortlichen wohl doch einzig eine Sonntagsrede wert. Lange Vorrede zu den schwerwiegenden Konsequenzen, die auf der ersten Präsenzveranstaltung nun ans Licht kamen. Die Zeit des Stillstandes hat für den Juniorenfußball offenbar massive Konsequenzen. Auch wenn noch ein paar Tage Frist vorhanden sind, ist die am Montag kolportierte Zahl von 138 gemeldeten Mannschaften gegenüber 210 zuvor erschreckend. In nahezu allen Jugenden wird es eine Kärrnerarbeit einen vernünftigen Spielbetrieb hinzubekommen, über die Kreise hinausgehende Ligen sind für die weitere Zukunft sowieso vorgezeichnet. Das bedeutet mehr Aufwand - und mehr Aufwand könnte wieder für mehr Akteure sorgen, die abspringen.

Insbesondere bei den ganz Kleinen, die erst mit dem Fußball begonnen hatten, bevor die unfreiwillige Pause kam, ist weder die Fußball-, Vereins- noch Mannschaftsbindung stark genug gewesen, dass sie wie selbstverständlich jetzt wieder loslegen. Dass es aber auch in der C-Jugend der 13- bis 15-Jährigen Probleme gibt, ist bitter - Probleme, die man von den B- und A-Junioren in deren rapiden Verfallsprozess der letzten 25 Jahre schon kannte. Klaus-Jürgen Schretzlmaier spricht von einer "Vermutung", dass der Einbruch auch damit zu tun habe, dass "einige Vereine gar nichts gemacht haben in dieser Zeit". Da sei der Kontakt gänzlich verloren gegangen. "Belegen kann ich das aber nicht." Größere Vereine wie Heuchelheim, Wieseck oder der MTV wären vermehrt und früher wieder mit Online-Training an die Mannschaften herangetreten. Oder hätten sich, weil sie eben auch aufgrund der Infra- und Vereinsstruktur mehr Möglichkeiten besäßen, nicht von den aufwendigen Hygienemaßnahmen und Trainingsregeln abhalten lassen. Eben auch, weil mehr Manpower vorhanden sei. Auch das ist nur eine Vermutung des Kreisjugendfußballwartes, der auch weiß, dass jetzt "wohl noch mehr Ehrenamtliche fehlen". Das sind jene, die in der Corona-Pause festgestellt haben, dass es sich auch ohne das zuweilen stressige Engagement leben lässt.

Eine Zentralisierung des Jugendfußballs in noch weniger Vereine, wie es die Hand- und vor allem Basketballer schon lange kennen, sowie Ligen, die über den Kreis weiter hinauswachsen, werden die Folge sein. Konzepte wie Funino für die Kleinsten erscheinen angesichts dessen wie ein Rufen in der Wüste. Sie mögen pädagogisch sinnvoll sein und Spaß verbreiten, die Probleme lösen sie nicht im Ansatz.

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