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Langsam gehen die Lichter aus

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Gießen. Florian Koch beeilte sich und rannte in die Katakomben - er hatte Redebedarf mit Schiedsrichter Moritz Reiter. Phil Fayne und Kendale McCullum diskutierten wild. Bjarne Kraushaar, der gerade sein 100. Bundesligaspiel absolviert hatte, vergrub sein Gesicht in ein Handtuch. Und Trainer Pete Strobl sprach seinem Team in der Pressekonferenz besonders zum Thema Verteidigung die Qualität ab.

Gießen 46ers -

s.Oliver Würzburg 97:110

Während sich Ex-Abstiegskandidat s.Oliver Würzburg am Samstagabend von seinen rund 80 mitgereisten Anhängern feiern ließ und die Spieler nach ihrem siebten Sieg in Serie ein Tänzchen aufs Parkett legten, gehen, so Magenta-Kommentator Stefan Koch, »bei den Gießen 46ers so langsam die Lichter aus.«

Nach dem 97:110 (54:56) gegen die Unterfranken müssen die Männer von der Lahn (rein theoretisch) mindestens fünf ihrer letzten sechs Parten in der Basketball-Bundesliga gewinnen, um dem zweiten Abstieg innerhalb eines Jahres noch entgehen zu können. Was angesichts der Aufgaben bei den Titelanwärtern Alba Berlin und ratiopharm Ulm sowie gegen die Playoff-Kandidaten Niners Chemnitz und BG Göttingen so gut wie unmöglich erscheint.

»Wir geben unser Bestes, wir versuchen alles, doch irgendwie reicht es nicht«, war Martins Laksa fassungslos nach einem Abend, an dem sein Team eigentlich eine Aufholjagd im Tabellenkeller starten wollte, der aber in einem Desaster endete. »So kannst du gegen niemanden gewinnen«, wusste auch Kapitän Dennis Nawrocki, dass satte 110 Gegenpunkte vor eigenem, abermals viel zu spärlich erschienenem Publikum, gegen eine Mannschaft, die nicht gerade für ein offensives Feuerwerk bekannt ist und die zuvor auch nur einmal (bei der 103:113-Niederlage in Hamburg) dreistellige punktete, viel zu viele sind.

Und ProB-Center Tim Uhlemann, der nicht nur wegen seiner 13 Punkte und vier eingesammelten Abpraller seine bisher beste Erstliga-Partie absolvierte, ärgerte sich: »Uns haben wieder einmal Kleinigkeiten gefehlt, um erfolgreich zu sein.«

Kleinigkeiten? Dem 46ers-Team fehlt es schlicht an Klasse, an Routine, an Abgezocktheit. »Ich glaube in Deutschland sagt man: Und ewig grüßt das Murmeltier ...« nahm Pete Strobl - eher unbewusst - eine Anleihe in seiner zweiten Heimat Pittsburgh, wo Schauspieler Bill Murray in der US-Filmkomödie einen arroganten, egozentrischen und zynischen Wetteransager spielt, der in einer Zeitschleife festsitzt und ein und denselben Tag immer wieder erlebt, bis er als geläuterter Mann sein Leben fortsetzen kann. Was der 44-Jährige sagen wollte: Stets, wenn es um die Wurst geht (wieder so ein Sprichwort ...), dann verlieren seine Jungs den Faden, den Überblick, die Kontrolle. Zum x-ten mal in dieser so tristen Runde ...

Statt, wie zu Beginn den Schlussabschnitts, in den sie mit einem 83:83 gegangen waren, alles in die Waagschale zu werfen, um den drohenden Abstieg noch etwas hinauszuzögern, reihten sie Unzulänglichkeit an Unzulänglichkeit. Erst verloren sich Flo Koch und Phil Fayne aus den Augen, dann ließ Bjarne Kraushaar den Ball fallen, ehe Kendale McCullum einen Dreier vergab und sich JD Miller zu einem technischen Foul hinreißen ließ, das die Gäste zum 90:83 bestraften.

Als Tim Uhlemann im letzten Viertel auf 85:90 verkürzte, waren die Hausherren fast vier Minuten ohne eigenen Korberfolg geblieben. Als schließlich auch noch Nuni Omot einen Korbleger vergab, Kendale McCullum ein unsportliches Frustfoul produzierte und Phil Fayne zwei Freiwürfe ausließ, war das Match gelaufen.

»Wir steigen ab und Frankfurt auch«, verhöhnten die Fans auf der Stehtribüne ihr Gießener Team, das in der Crunchtime, wie zuletzt gegen München und in Bonn, kaum mehr etwas zu Stande brachte. Und Coach Pete Strobl hisste irgendwie schon die weiße Fahne: »So, wie wir verteidigen, reicht es nun mal nicht zu einem Sieg. Defense bedeutet, physisch dagegenzuhalten, diese Qualität haben wir offenbar nicht.« Dass sein Team nur 14 Fouls produziert habe, sei dafür ein Beleg. »Verteidigung bedeutet Herz und Leidenschaft.« Wen er konkret mit seiner Kritik meinte, wollte der Austro-Amerikaner nicht sagen: »Das kläre ich in der Kabine.«

Rasch in die seine wollte derweil Gästecoach Sasa Filipovski, der vor Weihnachten den ehemaligen Gießener Trainer Denis Wucherer am Main abgelöst hatte. »Ich will meinen Jungs gratulieren, sie haben offensiv ein richtig gutes Spiel gemacht«, hatte es der Slowene eilig. Die Stimmung in der Würzburger Umkleide unterschied sich deutlich von der bei den 46ers ...

Gießen: McCullum (21), Omot (18), Nawrocki (6), Kraushaar, Laksa (9), Begue, Uhlemann (13), Binapfl (n. e.), Miller (13), Koch (8), Fayne (9).

Würzburg: Böhmer (n. e.), Abu (6), King (n. e.), Callison (6), Parodi (10), Albus, Moller (13), Rodriguez (16), Hunt (28), Hoffmann (3), Buford (13), Stanic (15).

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