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Leidenschaft, Herz und Ellenbogen

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Des Opas ganzer Stolz: Rainer Dotzauer mit seinen Enkeln Poldi, Josefine (beide hinten), Pauline und Vincent. Foto: Alexander Fischer © Alexander Fischer

Wetzlar-Dutenhofen. Es ist ruhig geworden um ihn. Ruhiger als früher. Viel ruhiger! Sein Handy klingelt nicht mehr unaufhörlich. Sein Briefkasten quillt nicht mehr über. Seine Termine sind überschaubar geworden. Noch immer klingt sein Name wie Donnerhall in der Handballszene. Auch wenn er nicht mehr überall und ununterbrochen um Rat gefragt wird, so haben ihn viele langjährige Weggefährten dennoch nicht vergessen.

Als er auf die Terrasse kommt, um über große Erfolge, alte Zeiten und eine durchaus rosige Zukunft zu reden, ist sein Schritt schwer. Zwei Hirnblutungen haben ihre Spuren hinterlassen. Doch Rainer Dotzauer ist ein Kämpfer. Privat.

Und natürlich sportlich, wo er zu seiner Zeit im ungleichen Duell mit den Reichen der Branche immer alles gab, um seinen Club erfolgreich zu positionieren. Mit Herz, Leidenschaft, Bauernschläue und - wenn es sein musste - auch mit Ellenbogen.

In seinem täglichen Bestreben, alles für seinen TSV Dutenhofen oder die Nachfolgeclubs HSG D/M Wetzlar und HSG Wetzlar zu geben, hat er vieles richtig gemacht. Er hat Velimir Petkovic aus dem Hut gezaubert. Er hat Martin Schwalb und Michael Roth davon überzeugen können, nach Dutenhofen zu kommen. Er hat Markus Baur und Nebojsa Golic die Plattform geboten, um ganz Große des Handballs zu werden.

Aber er hat auch Fehler begangen. »Uns von Holger Schneider zu trennen, war falsch. Ich hätte mit ihm mehr Geduld haben müssen. Volker Mudrow als Trainer zu holen, hat überhaupt nicht gepasst. Und die Brüder Andreas und Stefan Lex, Petar Djordjic, Sebastian Weber, Timm Schneider oder Mario Clößner ziehen zu lassen, war auch Mist«, blickt jener Mann zurück, der an diesem Sonntag 75 Jahre alt wird. »Da habe ich mich von manchem unserer Übungsleiter zu sehr beeinflussen lassen«, glaubt jener Mann, an dem sich lange die Geister schieden. Für die einen war er ein Segen, für die anderen ein Fluch. Denn der ehemals starke Mann der HSG konnte polarisieren wie kein zweiter.

Er traf Entscheidungen oft aus dem Bauch heraus, meist ohne Rücksicht auf Verluste. Er engagierte sich als Spieler, Trainer, Manager, Geschäftsführer und Gesellschafter. Er bildete Netzwerke, er verhandelte, er klüngelte. Er überzeugte im Team. Und er eckte als Einzelkämpfer mächtig an. Er hat noch immer viele Freunde, aber auch Menschen, die ihn nicht mögen. Viel Feind, viel Ehr‹. Aber vor allem: Immer zum Wohle seines Vereins. Und zum Ärger der anderen. Stets dem wirtschaftlichen Überlebenskampf seiner großen Liebe, den Grün-Weißen, geschuldet.

Dass Rainer Dotzauer alles in die HSG investierte, obwohl er viele Jahre gesundheitlich angeschlagen war, vergessen viele. Alte Weggefährten aber nicht. Es war der 15. Februar 1997, als er während des Zweitligaspiels seiner Mannschaft beim Sportring Solingen auf der Trainerbank eine Hirnblutung erlitt. »Ich war ein Fall für den Rollstuhl«, blickt der damals 49-Jährige zurück.

Er wurde es aber nicht. Er hatte Glück, dass Physiotherapeut Sascha Dukeljski und Co-Trainer Enyi Okpara, damals Medizin-Student, vor Ort waren. Die sofortige medizinische Hilfe, aber auch die eigene positive Lebenseinstellung führten dazu, dass der einstige Baum von einem Mann kein Pflegefall wurde. Auch nicht nach einer zweiten Hirnblutung am 1. Dezember 2009.

Sein Lebenswerk hat sich in der vermeintlich stärksten Liga der Welt längst etabliert. In wenigen Wochen gehen die Grün-Weißen in ihre 25. Saison im Oberhaus. Mit Rainer Dotzauer als stillem Zuschauer hinter einer der LED-Banden der Buderus-Arena. Aber nicht mehr mit einem Rainer Dotzauer, der Einfluss nimmt.

Die Art und Weise seines Abschieds vor über einem Jahrzehnt hat ihn getroffen. Doch er hat seinen Frieden mit den heute Verantwortlichen gemacht. Und sagt: »Bei Martin Bender ist unser Verein in den allerbesten Händen.« Reden möchte er über seine Demission nicht mehr - jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. »Alles hat seine Zeit.« Rainer Dotzauer will nicht nachkarten.

Und: Angst, nicht loslassen zu können, hatte er jedenfalls noch nie. Schließlich hat ihn seine große Familie aufgefangen. Sie hat ihm Halt gegeben. Und sie hat ihm Anerkennung gezollt für sein Lebenswerk, das der ehemalige Finanzbeamte längst in den Handballhallen dieser Republik etabliert hat. Mit seiner Frau Uschi ist er seit über 50 Jahren verheiratet, die Töchter Kati (49) und Nadine (42) leben mit ihren Familien unweit des Elternhauses. So dass er seine vier Enkel Poldi (15), Josefine (11), Pauline (9) und Vincent (7) fast jeden Tag zu Gesicht bekommt.

Sie alle spielen Handball. Ganz der Opa! Und wenn sie durchs Haus toben, dann ist es mit der Ruhe dann doch vorbei. Auch wenn Rainer Dotzauers Handy nicht mehr ganz so oft klingelt wie früher.

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