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Lichtschalter für Kehrwoche

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Hamm-Gießen. Wenn ein paar Jungs im dunklen Keller herumirren, muss einer den Lichtschalter finden. Sonst stolpert die Schar nur blind herum und holt sich blaue Flecken. Vielleicht war es Lenny Rubin, der für die HSG Wetzlar diesen Lichtschalter gefunden hat. Bei ihrem eher missratenen Saisonauftakt mit 0:8-Punkten schienen die grün-weißen Jungs phasenweise ein wenig desorientiert durch den ungewohnten Tabellenkeller der Handball-Bundesliga zu tapsen.

Doch Rubins Ausgleichstreffer in letzter Sekunde beim 25:25 gegen FA Göppingen hat wieder für geschärfte Blicke bei den Domstädtern gesorgt. Und so saß der Schweizer auch bestens gelaunt auf dem Boden der Sporthalle in Hamm, klatschte der kleinen Schar der treuesten HSG-Fans zu und ließ sich gemeinsam mit seinen Mannschaftskameraden von den Anhängern lautstark feiern. Mit guten Gründen feiern. Denn die Wetzlarer haben den am Ende fast schon glücklichen Punktgewinn gegen Göppingen mit einem 29:23-Auswärtssieg bei Aufsteiger ASV Hamm-Westfalen veredelt. Und durch diese zwei Punkte eben auch die Kellertür weit geöffnet. Sollte nun am kommenden Donnerstag noch ein Heimsieg gegen die bislang so punktegeizigen Schwaben aus Stuttgart gelingen, hätte die HSG die ungeliebten Kellerräume endgültig hinter sich gelassen.

Während Rubin letztlich zum Retter gegen die wenig frisch-aufen Göppinger avancierte, spielten, kämpften und rannten sich in Hamm noch ein paar seiner Mitspieler vorneweg zum ersehnten Lichtschalter.

Allen voran wohl Vladan Lipovina. Der Rückraum-Rechte traf bei zwölf Versuchen siebenmal, erkämpfte sich dabei den sichtlichen Respekt der gegnerischen Abwehr und stand später auch mit einem strahlenden Lächeln vor den Fernsehkameras. »Jetzt«, sagte der 29-Jährige, »sind wir sehr glücklich. Aber am Donnerstag geht es schon weiter.« Weiter auf der langen Bundesliga-Punkte-Hatz. Diese allerdings legt nach dem kommenden Spieltag eine Länderspiel-Pause ein. Umso wichtiger, dass es den Mittelhessen nun gelingt, mittels einer 60-minütigen kollektiven Kehrwoche die Schwaben aus der Buderus-Arena zu fegen.

Und am spielerischen Leit-Besen darf HSG-Trainer Ben Matschke dabei gleich auf zwei junge Reinigungskräfte bauen. Während sich Magnus Fredriksen in Hamm nach starkem Beginn dann doch wieder ein paar Stockfehler mit dem Spielmacher-Besen leistete, überzeugte sein Vertreter Jonas Schelker mit einer blitzsauberen Reinigungsaktion, klugen Anspielen und drei astreinen Toren. Fast noch wichtiger: Als der derzeit oftmals mit sich selbst hadernde Fredriksen nach der Pause zurückkam, überzeugte auch der Norweger mit ruhiger Hand und weitsichtigem Spielaufbau. Das dürfte seinen Trainer freuen. Sorgen muss sich dieser höchstens noch um ein paar Grauschleier auf dem grün-weißen Siegerkelch, der dieser Tage eher gläsern als eisern erscheint.

So stellten die Gäste beim kampfstarken Neuling bereits Mitte der ersten Halbzeit das deutlich bessere und gefährlichere Team. Doch immer wenn sie sich hätten vorentscheidend absetzen können - wie nach der 12:9-Führung durch Lipovina (26:20), dem 15:12 durch Fredriksen oder dem 21:16 durch Rubin (45:20 - erschien der fiese Kobold namens Nervenflattern in den Wetzlarer Reihen und verführte zu Fehlpässen oder schlechten Würfen. Hamm blieb so im Spiel. Aber eben nur im Spiel, bis der Doppelschlag von Lipovina zum 26:22 (56:30) alles entschieden hatte.

Neben der fehlenden Kaltschnäuzigkeit hapert es derzeit noch an der Torwartleistung, auch wenn Anadin Suljakovic ein paar schöne Paraden einstreute, und an der Einbindung des Kreisläufers. Dort mühte sich Erik Schmidt diesmal für den erkrankten Adam Nyfjäll. Doch wie lassen sich Mängel am besten beheben? Na klar: Durch Siege. Und mit jedem Sieg dürfte diese junge Mannschaft weiter wachsen, stabiler agieren und an Selbstvertrauen gewinnen. Eine Binsenweisheit. Sicher. Eine Binsenweisheit wie die, dass neue Besen besonders gut kehren. Und dummerweise treffen die Wetzlarer nun auf Stuttgarter, die nach dem Trainerwechsel über eine neue sportliche Hauptreinigungskraft verfügen. Das ist gefährlich. Aber gewiss nicht zu gefährlich für ein grün-weißes Team, dem Hamms Trainer Michael Lerscht nach dem Abpfiff attestierte, dass es einfach die größere »individuelle Klasse« im Vergleich zu seiner Mannschaft habe. Eine Klasse, die nun auch bei der schwäbischen Kehrwoche am Donnerstag zum Tragen kommen soll. Denn nur dann verlassen die Wetzlarer Jungs endlich den verhassten Keller.

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