1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Lust auf nächste Überraschung

Erstellt:

Wetzlar . »Hast du gestern Fußball geschaut? Ich habe geguckt, Deutschland gegen Costa Rica, aber auch das 2:1 der Japaner gesehen. Da war der Ball doch vorher im Aus.« Jasmin Camdzic ist am Abend vor dem Weg zur obligatorischen Heimspieltags-Pressekonferenz also auf sportlichen Abwegen unterwegs gewesen.

HSG Wetzlar - THW Kiel (Sonntag, 14 Uhr)

Das bittere Aus der DFB-Auswahl bei der WM in Katar diente dem Sportlichen Leiter und Interims-Cheftrainer der HSG Wetzlar aber nur als willkommene Ablenkung. Denn die volle Konzentration des 52-Jährigen, für »Co« Filip Mirkulovski und die Handball-Profis von der Lahn gilt der nächsten Aufgabe in der Bundesliga. Und die hat es in sich: Am Sonntag um 14 Uhr kreuzt zur Primetime kein Geringerer als der THW Kiel in der Buderus-Arena auf. Der deutsche Rekordmeister, der nationale Branchenführer seiner Sportart, das mit Stars gespickte Team von Trainer Filip Jicha.

Das alleine ist ja - wie alle Jahre wieder - ein toller Anlass für die Fans der Wetzlarer, die Tribünen gebührend zu füllen. Und in der Tat vermeldet HSG-Geschäftsführer Björn Seipp am Freitag zu Beginn der PK: »Es sind schon über 4000 Tickets verkauft. Etwa 400 Stehplatzkarten sind aber noch zu haben. Und das Wetter tut auch alles, dass sich der eine oder andere doch für uns und gegen einen Spaziergang entscheidet.«

Schön für den Verein, der im 25. Jahr seiner Erstliga-Zugehörigkeit ums Überleben kämpft. Toll für die Mannschaft um Kapitän Adam Nyfjäll, in der kaum einer das Gefühl einer voll besetzten Wetzlarer Spielstätte kennt. »Die Jungs haben Lust auf dieses Spiel. Sie sind hungrig darauf, nach einem Heimauftritt mal wieder mit den Fans feiern zu können. Aber es wird auch eine neue Erfahrung«, will »Jasko« Camdzic die ollen Kamellen nicht sofort wieder erwähnen. Das übernimmt dann mal die Presse. Denn mit dem THW Kiel kommt am zweiten Advent zwar der Tabellenzweite zum aktuellen Rang-15. Es sind Weltklasse-Spieler wie Torhüte Niklas Landin, die Abwehrasse Domagoj Duvnjak und Hendrik Pekeler, Kreisläufer-Ikone Patrick Wiencek sowie die Rückraum-Strategen Nikola Bilyk und Sandor Sagosen zu bestaunen. Sie alle aber haben eins gemeinsam: Mit der HSG Wetzlar war speziell in den vergangenen beiden Jahren nicht gut Kirschen essen für die »Zebras« von der Ostsee.

Der 10. 10._2020 und der an diesem Tag erzielte 31:22-Triumph der Grün-Weißen gegen den 22-fachen Meister und zwölfmaligen DHB-Pokalsieger ist in die glorreiche Geschichte der HSG eingegangen. Vor fast genau einem Jahr, am 19. Dezember 2021, legte sich der noch von Ben Matschke geführte Außenseiter von der Lahn einen 29:27-Sieg gegen den Turnverein Hassee-Winterbek unter den Weihnachtsbaum. »Diesen Rucksack tragen die Kieler jetzt zwar wieder hierher. Und sie sprechen von uns als ihrem Angstgegner. Aber die Vergangenheit zählt nicht. Wir müssen und werden uns aufs Neue fokussieren müssen«, rückt Camdzic die Verhältnisse zurecht.

Einen Gameplan gibt es natürlich: »Die Tempogegenstöße des Gegners vermeiden, in der Abwehr so intensiv arbeiten wie zuletzt in Hannover, wo die Jungs vor allem in den Unterzahlsituationen schnelle Beine bewiesen haben. Das war erste Sahne und der Knackpunkt, warum wir dort am Ende als Sieger vom Feld gegangen sind«, sagt Camdzic, der von einer sehr guten Trainingswoche in einer warmen Sporthalle Dutenhofen und einem kompletten Kader (bis auf die langzeitverletzten Stefan Cavor und Magnus Fredriksen) berichtet.

Dann ergreift Björn Seipp nochmal das Wort. Weil er nach Lenny Rubins emotionaler Reaktion direkt nach dem befreienden Erfolg in Hannover sowie dem kommenden Matschke-Nachfolger auf der Cheftrainerposition gefragt wird. »Ich finde es nicht schlimm, wenn ein Spieler seinem ehemaligen Trainer ein Stück weit hinterher trauert. Lenny hat sich aber jetzt auch mit dem angefreundet, wie es ist und ist zu hundert Prozent dabei, die HSG aus dem Abstiegskampf zu befreien.« So viel zu Punkt eins. Und zum neuen Mann auf der Bank? »So viele Absagen haben wir gar nicht bekommen. Weil wir wissen, was wir wollen. Wir suchen keine Namen, sondern brauchen Inhalte, Qualität und eine Philosophie, um die Mannschaft auf den Weg zu bringen, die Klasse halten zu können. Deshalb ist es immer sehr interessant, was man so an Kandidaten zugespielt oder zu lesen bekommt«, erklärt der Geschäftsführer mit einem Lächeln. Die zweite Sache sei das »Wann«. Sprich wann passt es so. dass der Neue auch gute Aussichten besitzt, etwas kurzfristig zu bewegen, und er die Chance hat, erfolgreich in seinen Job bei der HSG einzusteigen. »Wir tasten uns da ran. Das Spiel am Sonntag und vier Tage später das in Lemgo sind elementar wichtig. Wir werden schlauer, sind aber noch nicht so ganz schlau«, so Seipp.

Jetzt ist der komplette Fokus erstmal auf Kiel und den Kampf um den Verbleib in der Handball-Bundesliga gerichtet. Die Fußball-WM in Katar und das deutsche Aus waren zumindest für Jasmin Camdzic nur ein Feierabend-Event.

Auch interessant