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Mächtig Porzellan zerschlagen

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Gießen . Die Suche des Deutschen Fußball-Bundes nach einem neuen Präsidenten beschäftigt die Verantwortlichen des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) mehr als ihnen lieb ist. Recherchen des osthessischen Onlineportals »torgranate.de« haben offengelegt, dass es in der Verbandsspitze nicht nur knirscht, sondern gekracht hat.

Dass mit Dr. Silke Sinning (52) und Ralf Viktora (50) zwei hessische Spitzenfunktionäre an der Seite von Präsidentschaftskandidat Peter Peters (59) ins oberste DFB-Gremium einziehen wollen, schmeckt dem HFV-Präsidium um Stefan Reuß (51) ganz und gar nicht. Der Versuch, das Duo entweder zurück in die Spur zu bringen oder aus dem Verbandsgremium zu drängen, hat Wellen geschlagen. Vor allem, weil die in einer ursprünglich internen E-Mail formulierte Aufforderung, die Mitarbeit im »Team Peters« gründlich zu überdenken, den Weg in die Medien gefunden hat. Frei nach dem Motto: Verzichtet auf eine DFB-Kandidatur oder legt alle Ämter im HFV nieder.

Beim für den 11. März terminierten DFB-Bundestag wollen Viktora und Sinning dem unter anderem vom HFV präferierten Team mit Spitzenkandidat Bernd Neuendorf (61) und den Vizepräsidenten Dr. Rainer Koch (63) und Ronny Zimmermann (60) nicht nur die Gefolgschaft verweigern, sondern unter dem Gegenkandidaten, dem derzeit kommissarischen DFB-Präsidenten Peters, selbst Ämter übernehmen. Viktora ist als Schatzmeister im Gespräch, Sinning als Vizepräsidentin. »Das ist ein Vertrauensbruch«, findet Gießens Kreisfußballwart Henry Mohr klare Worte, der im Gegensatz zu vielen Amtskollegen auch offiziell Stellung bezieht. Der 67-Jährige stellt sich hinter die Verbandsspitze um Reuß, sowohl hinsichtlich der HFV-Unterstützung für DFB-Präsidentschaftskandidat Neuendorf als auch der ablehnenden Haltung gegenüber den Ambitionen von Sinning und Viktora.

Mohr stört sich vor allem daran, dass »der Vorgang hinter dem Rücken des HFV-Präsidiums gelaufen ist«. So, wie das Ganze abgelaufen sei, sieht er keine Basis mehr für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Schließlich hätten sowohl Sinning als auch Viktora, zu denen Reuß lange Zeit ein enges Verhältnis gepflegt habe, die Entscheidungen rund um die Person Neuendorf mitgetragen, wie der aus dem osthessischen Dipperz stammende Verbandsschiedsrichterobmann Gerd Schugard (71) bestätigt.

Hinsichtlich des Ultimatums gegenüber dem abtrünnigen Duo, sich bis 31. Januar pro HFV oder pro Peters zu erklären, sehen weder Mohr noch Schugard einen ungebührlichen Vorgang. »Das anwesende Präsidium hat hierfür sein Okay erteilt. Nicht nur Präsident Stefan Reuß. Er hat mehrfach versucht, ihnen aufzuzeigen, was ihre Kandidatur beim DFB für Konsequenzen für den HFV nach sich zöge. Letztlich hat das Präsidium entschieden, beiden eine Frist zu setzen.

Denn es ist offensichtlich, dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Sinning und Viktora im HFV kaum noch möglich ist. Gleiches gilt für den Süddeutschen Fußball-Verband, dessen Präsident Dr. Rainer Koch ist, »gegen den sich (...) Sinning und Viktora nun aber in mehreren Interviews deutlich positioniert haben«, so Schugard. Wiesbadens Kreisfußballwart Dieter Elsenbast (67) stößt ins gleiche Horn: »Die Vorgaben haben nicht das geringste mit einem fehlenden Demokratieverständnis zu tun. Hier geht es generell um eine zukünftige Zusammenarbeit nicht nur im Verband vielmehr auch im Süddeutschen Regionalverband nach den Anwürfen gegen Rainer Koch, da eine Wahl des ›Team Peters‹ nach derzeitigen Stand auf dem DFB-Bundestag wenig wahrscheinlich erscheint.« Das Verstreichen-lassen der Frist von Sinning und Viktora sieht Mohr auch als Antwort: »Sie laufen mit fliegenden Fahnen zum ,Gegner` über.«

Für Gießens Kreisfußballwart stellt sich das erfolgreiche Werben des von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) favorisierten Peters bei Sinning und Viktora als strategischer Schachzug dar, bei dem weniger die Qualitäten der beiden Hessen, sondern vielmehr ihre Mitgliedschaft im Süddeutschen Fußball-Verband eine entscheidende Rolle gespielt hätte: »Er musste sich Leute aus dem Süddeutschen Verband suchen, um einen Gegenpol zu Koch und Zimmermann zu haben - nicht weil es Spitzenleute sind, auch wenn Ralf Viktora als HFV-Schatzmeister fraglos einen super Job macht.«

Kritisch sieht Mohr die beim jüngsten HFV-Verbandstag mit dem Versuch, eine Autonomie im Frauenbereich zu realisieren, gescheiterte Dr. Silke Sinning. Deren Triebfeder sei es, Rainer Koch zu verdrängen, auch wenn die 52-Jährige in einem vielbeachteten Interview mit dem »kicker« herausstellte: »Ich würde für ein Amt und für Themen antreten, nicht gegen eine Person. Und dies muss demokratisch möglich sein.« Den demokratischen Aspekt gibt seinerseits aber auch Mohr zu bedenken, der daran erinnert, dass das Duo noch gar nicht für den DFB-Bundestag nominiert worden ist: »Sie müssen vorgeschlagen werden, entweder von ihrem Landesverband oder der DFL. Seitens des HFV wird das definitiv nicht passieren.«

Der Hessische Fußball-Verband habe laut Schugard gegenüber »torgranate.de« durch die Schlagzeilen in den vergangenen Tagen einen Imageschaden erlitten, der »zur Isolation im Süddeutschen Verband und beim DFB führt, einhergehend mit einem Verlust der Glaubwürdigkeit bei anderen Verbänden. Schugards findet, dass es unbestrittenes Recht sei, für Ämter zu kandidieren, allerdings: »Nur die Vorgehensweise war nicht so, dass Viktora und Sinning sich nun der Opferrolle rühmen dürfen. Im Gegenteil.« So sieht es auch Mohr, nach dessen Einschätzung das »Team Peters« am Ende chancenlos sein wird: »Wir, die Amateurverbände, wollen Peter Peters nicht, sondern Bernd Neuendorf.«

Dass auch der HFV sein Scherflein dazu beigetragen hat, dass das ganze Thema in ein unliebsames Fahrwasser geraten ist, verhehlen weder Mohr noch Schugard. Letzterer erklärt diesbezüglich: »Ich fand den eingeschlagenen Weg zunächst nicht verkehrt. Im Nachhinein betrachtet, hätte der Verband vielleicht kommunikativer auftreten können.« So sieht es auch Mohr (»Der HFV hat jetzt den ›Schwarzen Peter‹ in der Hand«), der appelliert, dass man die Diskussion wieder auf eine sachliche Ebene bringen müsse. Porzellan wurde reichlich zerschlagen, so dass es nicht verwunderlich wäre, wenn die Angelegenheit in einen außerordentlichen Verbandstag mündet, um die aktuellen HFV-Präsidiumsmitglieder Silke Sinning und Ralf Viktora abwählen zu können. Damit man sich dann wieder zuvorderst mit Fußball und dessen Entwicklung, und eben nicht mit sportpolitischen Ränkespielen beschäftigen zu müssen.

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