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»Manchmal bin ich sehr traurig«

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Marc Stendera in Hannover. Foto: dpa © dpa

Frankfurt . Es ist gerade ein paar Tage her, da hat Marc Stendera seinen 27. Geburtstag gefeiert. Im Kreis der Familie, zu Hause in Kassel. So richtig gute Laune wollte dabei nicht aufkommen. Denn Stendera ist »vereinslos«. Was mit einem so harmlosen Begriff daherkommt, bedeutet in der Wirklichkeit eines Profifußballers »arbeitslos«. Seit einem Jahr hat er nicht mehr gespielt, seit einem halben Jahr bezieht er kein Gehalt mehr.

Beim Regionalligisten Hessen Kassel hält er sich fit, dort steht sein Bruder Nils unter Vertrag. An ein Engagement bei den abstiegsbedrohten Nordhessen denkt er nicht. »Nein, nein, ich weiß, dass ich das Zeug habe, in der Bundesliga oder der Zweiten Liga zu spielen«, hat Stendera das Vertrauen in seine Leistungsfähigkeit nicht verloren, »ich hoffe, dass jetzt im Winter etwas klappt.«

In den letzten Jahren hat nicht mehr viel geklappt im Fußball-Leben eines der größten Talente, die die Frankfurter Eintracht im letzten Jahrzehnt hervorgebracht hatte. Die Vita von Stendera ist durchaus eindrucksvoll. Er hat als Jugendspieler der Eintracht alle U-Nationalmannschaften des DFB durchlaufen, von der U 17 bis zur U 21, insgesamt 29 Länderspiele bestritten. Für die Eintracht hat er 78mal in der Bundesliga gespielt, dazu kommen 27 Einsätze in der 2. Liga für Hannover 96 und 36 Einsätze in der 3. Liga beim FC Ingolstadt. Stendera hatte früh in seiner Karriere mit schweren Verletzungen zu kämpfen, so hat er sich in der Vorbereitung auf die Saison im Sommer 2013 in Frankfurt einen Kreuzbandriss zugezogen. Doch er ist immer zurückgekommen. Auch die Versetzung in eine sogenannte »Trainingsgruppe 2« unter dem damaligen Eintracht-Trainer Adi Hütter im Sommer 2018 hat er fast unbeschadet überstanden. Stendera wurde später wieder aufgenommen in den Kader, kam in dieser Saison sogar noch auf elf Einsätze, davon vier in der Europa-League.

Den Durchbruch in der Bundesliga hat er freilich nicht geschafft. Es ist vor allem die Schnelligkeit, die ihm fehlt, um die ganz großen Sprünge zu machen. Dafür verfügt Stendera über viel Spielverständnis, über ein gutes Auge, über die Fähigkeit ein Spiel zu lesen und zu lenken. Er ist ein Typ »Spielmacher«. »Sicher bin ich kein Modellathlet«, sagt er, »aber niemand kann mir nachsagen, dass ich keine ausreichende Fitness hätte.« 2019 wurde sein noch laufender Vertrag in Frankfurt vorzeitig aufgelöst, sein Herzensverein hatte schlicht keine Verwendung mehr für ihn.

Stendera bschloss schweren Herzens, einen Schritt zurückzugehen, um mit der Karriere wieder voranzukommen. Er wechselte in die 2. Liga nach Hannover. Und wieder ein Jahr später in die 3. Liga zum FC Ingolstadt. Dessen Trainer Tomas Oral hatte ihn überzeugt vom weiteren »Abstieg«. Oral, einst Trainer beim FSV Frankfurt, in Frankfurt beheimatet, hielt und hält große Stücke auf Stendera. »Tomas weiß, was ich kann, er hat mir vertraut«, sagt Stendera. Die Zusammenarbeit war dementsprechend erfolgreich. Oral und Stendera stiegen mit Ingolstadt in die 2. Liga auf. Er war Stammspieler bei den »Schanzern«.

Im Sommer 2021 schien es wieder aufwärts zu gehen mit Marc Stendera. Doch dann verließ Aufstiegstrainer Oral den FC Ingolstadt und mit ihm Stenderas große Vertrauensperson. Unter dessen Nachfolgern, zunächst Roberto Pätzold, dann André Schubert, ging es bergab, mit Ingolstadt und auch mit Stendera. Der dritte Trainer innerhalb einer Saison beim FCI, Rüdiger Rehm, hatte im letzten Winter überhaupt keine Verwendung mehr für den Mittelfeldspieler. Am 11. Dezember 2021 hat Marc Stendera zum letzten gespielt, damals gegen Hannover. Ein paar Tage danach wurde ihm vom Klub mitgeteilt, dass er nicht mehr gebraucht werde. Der Vertrag lief weiter, das Gehalt wurde bis zum Ende der Saison gezahlt, gespielt hat er seitdem aber nie mehr. Und im Sommer hat er keinen neuen Arbeitgeber gefunden. Bis heute dauert die »schwierige Zeit« an, sagt er, »das ist nicht einfach für den Kopf.«

Aufgeben aber sei »keine Option«. Er will mit aller Macht zurück in den Profifußball. »Ich lebe den Fußball, ich liebe den Fußball, ich bin sehr, sehr ehrgeizig«, sagt er. Und hofft, »dass ein Trainer und ein Klub mir Vertrauen entgegenbringt.« Er weiß, dass ein Spieler, »der jetzt ein Jahr raus ist«, leicht in Vergessenheit gerät. Es habe in diesen Monaten zwar immer mal wieder »Optionen« gegeben, wieder zu spielen. »Aber es hat nie richtig gepasst«, sagt er. Zu tief nach unten will er (noch) nicht wechseln. Mindestens 2. Liga soll es sein, »zur Not auch 3. Liga«.

Um dafür bereit zu sein, hat er sich seinen ganz persönlichen Trainingsplan aufgestellt. »Ich stelle mir jeden Morgen den Wecker und gehe laufen, dann trainiere ich bei Hessen Kassel und am Abend gehe ich nochmal laufen«, beschreibt er den durchaus eintönigen Alltag.

Zeit habe er ja genug, auch Zeit zum Nachdenken. Er sei dankbar, dass ihn die Familie mit den Eltern und seinem Bruder »aufgefangen« habe. Es sei auch »schön«, wieder mehr Zeit für Freunde zu finden. Aber das Fußballspielen fehle ihm enorm. »Manchmal bin ich sehr traurig«, sagt Marc Stendera, »aber dann sage ich mir wieder: Ich bin noch jung genug, um noch ein paar schöne Jahre im Fußball vor mir zu haben.«

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