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Marokko und Portugal haben mich beeindruckt

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Von: Thomas Suer

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Niko Semlitsch WM-Experte © Red

Bevor ich auf die Achtelfinalpartien eingehe, möchte ich noch eine Beobachtung loswerden, die zwar schon länger ein Thema ist, aber mir gerade bei der deutschen Mannschaft extrem aufgefallen ist: Warum gucken die Trainer eigentlich nach einer Aktion auf dem Laptop die Szene nochmal an? Das Geschehen findet doch auf dem Platz statt, da muss ich hingucken, da muss ich Einfluss nehmen.

Während des Spiels auf den Laptop zu schauen, das hilft mir nichts. Das kann man am nächsten Tag machen, alles nochmal analysieren, von mir aus auch in der Halbzeit, aber was soll das in den 90 Minuten draußen bringen? Da muss ich doch hellwach beim Spiel sein. Außerdem halte ich auch diese Trainerstäbe für nicht hilfreich. Früher gab es einen Trainer und einen Co-Trainer, dann war noch der Torwarttrainer ab und an dabei. Das war’s. Wenn dann noch der Standardtrainer, der Co-Co-Trainer, der Athletiktrainer und der Gegnerbeobachtertrainer dabei sitzt, kommen wahrscheinlich abends vor dem Spiel viele an einem Tisch zusammen. Alle reden mit und dann gibt’s plötzlich Aufstellungen, die man nicht versteht. Viele Köche verderben den Brei.

Dabei hat sich doch im Fußball nicht alles verändert: Klar, er ist athletischer und schneller geworden, das Tempo ist sicher nicht mehr zu vergleichen, aber ein Standardtrainer, der 50 Varianten einstudieren lässt, hilft auch nichts, wenn nicht gescheit dagegengetreten wird. Mir ist das alles zu viel. Auch die Ernährung. Alles spielt eine Rolle, dabei ist es doch logisch, dass man sich als Leistungssportler vernünftig ernährt, aber zu viel Aufhebens muss man auch nicht daraus machen. Wer gut spielen kann, der kann auch mal ein Schnitzel essen. Und wir haben schon vor 50 Jahren vor dem Spiel keinen Gurkensalat gegessen, dann kannste nicht laufen hinterher. Dafür brauche ich aber keinen Ernährungsplan. Das aber nur am Rande und mit Augenzwinkern.

Kommen wir jetzt zum aktuellen Geschehen: Das Achtelfinale ist gespielt und neben dem Geheimfavoriten Deutschland ist der nächste geheime Favorit heimgefahren: Spanien. Und ganz ehrlich: Mich freut das sehr für Marokko. Ich bin von der Mannschaft zutiefst beeindruckt. Nicht weil die einen so tollen Fußball spielen, aber weil sie zeigen, dass man mit Leidenschaft, Herz und Einsatz Berge versetzen kann. Das ist natürlich nicht fußballerisch feingeschliffen, was Marokko da spielt, aber wenn ich da unsere Auftritte ansehe, dann weiß ich schon, warum die Einen weiterkommen und die Anderen nicht. Es ist großartig, mit wie viel Einsatz die Mannschaft einen vermeintlich stärkeren Gegner bekämpft und bespielt - und dabei nie die Ordnung verliert. Und so muss ein Favorit weichen, was dem Fußball insgesamt immer gut tut. Von den Überraschungen lebt doch so ein Turnier ganz besonders. Dabei muss ich sagen, dass Spanien spielerisch schon enttäuscht hat. Und wenn Elfmeterschießen auch ein wenig Glückssache ist, das was die Spanier abgeliefert haben, war ganz schwach. Drei schlechte Elfmeter, da war der Druck wohl zu hoch. Allerdings denke ich, dass für Marokko jetzt Schluss ist. Portugal wird das schaffen. Sie spielen zwar ähnlich wie Spanien, sind aber nicht ganz so verspielt, sondern klarer in ihren Aktionen. Sie haben mich gegen die Schweiz schwer beeindruckt. Vor allem dieser Joao Felix - ein toller Fußballer. Das ist ein Kerlchen, der ist so dick wie mein Arm, aber so gut spielerisch. Und ich hatte den Eindruck, dass sie befreit aufspielen, weil nicht alles auf Ronaldo zugeschnitten sein musste. Dass er draußen saß, hat sie beflügelt. Ich denke, seine Zeit ist vorbei. Und jetzt haben wir große Spiele in den Viertelfinals. Wie gesagt: Portugal wird Marokko schlagen. Bei Frankreich gegen England bin ich mir nicht ganz so sicher, sehe aber leichte Vorteile bei den Franzosen. Niederlande gegen Argentinien ist schwer einzuschätzen, weil ich van Gaal sehr viel zutraue. Der alte Fuchs wird sich was einfallen lassen, auch wenn die Holländer nicht so überzeugt haben bisher. Und Brasilien wird gegen Kroatien gewinnen. Dass die Kroaten wieder im Viertelfinale sind, zeigt, dass sie eine richtig gute Mannschaft haben. Die können alle Fußball spielen, aber Brasilien ist eine Nummer zu groß. Wobei es mir nicht gefallen hat, wie sie da jedes Tor betanzt haben. Man darf sich gerne freuen über ein Tor, soll das auch bejubeln, aber das fand ich schon respektlos gegenüber Südkorea. Man sollte das nicht übertreiben mit diesen einstudierten Tänzen. Jetzt sind wir gespannt, wer im Viertelfinale weitertanzt. Es sind auf alle Fälle vier klasse Spiele.

Niko Semlitsch muss man den fußballaffinen Lesern nicht vorstellen. Der 76-jährige Ex-Bundesligaprofi war über Jahrzehnte als Trainer bis in die 2. Liga aktiv und kennt den Fußball aus allen Blickwinkeln aus dem Eff-Eff. Und weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und weder den Fußball noch sich zu ernst nimmt, ist der Steinbacher erneut unser WM-Experte.

Aufgezeichnet von

Rüdiger Dittrich

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