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Mehr als ein Spiel

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Barcelona liegt für ein paar Tage in Hessen: Die Eintracht-Fans Stefan (von links), Lara und Yannes aus Neu-Isenburg stehen vor der berühmten Basilika Sagrada Familia. © dpa

Barcelona/Frankfurt. »Mes que un club« - Mehr als ein Club: Diesen Leitspruch trägt der FC Barcelona als Feier der eigenen Identität stolz vor sich her. Doch ohne diese etwas arg großspurig ausgefallene Selbstbeschreibung hätte es den magischen Abend des 14. April ganz sicher nicht gegeben, der den rund 30 000 mitgereisten Anhängern der Frankfurter Eintracht unvergesslich bleiben wird.

Und der darüber hinaus mehr als nur ein Spiel gewesen ist - weil er weit über das sensationelle Ereignis hinausweist.

Der Autor dieser Zeilen war in der magischen Nacht von Camp Nou dabei. Und bemerkte schon weit vor dem Spiel, das da etwas Großes in der Luft lag, das sich über Tage und Wochen angekündigt hatte. Denn es gab kaum einen Eintracht-Fan, der sich nach der Auslosung (zumindest gedanklich) nicht mit einer Anreise in die Hauptstadt Kataloniens beschäftigt hätte. Die Flugpreise stiegen daher bald ins Absurde, und so suchten sich die Anhänger ihren Weg in den Süden auf die unterschiedlichste Weise. Die einen flogen Umwege über Dublin oder Prag, die anderen bis Montpellier, um dann in einen Mietwagen umzusteigen. Wieder andere traten den langen Ritt von mehr als zwölf Stunden Fahrzeit komplett im Auto an.

Hessisches Liedgut

Ich selbst ergatterte einen leidlich bezahlbaren Flug ab Düsseldorf und über Mallorca, wo sich bereits am Morgen zuvor entspannte Gespräche mit Fans ergaben, die ihr eigenes Eintracht-Shirt mit rheinischem Singsang verbanden. Fortan gab es bis zur Rückkehr am Freitagabend keinen Ort mehr, an dem nicht ein paar Jungs und Mädels mit Adler auf Brust, Kappe oder Schal zu entdecken waren. Vor allem auf den berühmten Ramblas versammelte sich der schwarz-weiß-rote Anhang schon am Mittwochabend zu Tausenden, um hessisches Liedgut in die Nacht zu schmettern. Hätte da den Clubverantwortlichen des ruhmreichen FC Barcelona nicht schon klar sein müssen, was auf ihr Team zukommen sollte? War es offenbar dennoch nicht. Auch nicht, als sich am Spieltag zwei Züge von Tausenden Eintracht-Fans aus unterschiedlichen Richtungen zu Fuß von der Stadtmitte auf den Weg ins Stadion machten und dabei für einen Verkehrsstillstand sorgten, den die einheimischen Autofahrer meist ungläubig staunend zur Kenntnis nahmen. Andere klatschten dem Zug belustigt von Balkonen aus zu, Dritte verkauften noch schnell ein paar überteuerte Laufbier.

Was die Sache zudem so überaus entspannt machte, war das weitgehende Fehlen der sonst so häufig gestrengen Polizei- oder anderer Sicherheitskräfte. Man ließ die Frankfurter einfach ihres Weges ziehen. Auch am Abend im Stadion, wo sie nicht nur den eigenen Fanblock besetzten, sondern nahezu überall in ihren weißen Trikots auszumachen waren. Das störte nicht nur den älteren Herrn direkt neben mir gewaltig, der permanent, Flüche grummelnd, in seinem Sitz herumrutschte. An diesem Ort sind die Anhänger des FC Barcelona üblicherweise unter sich, doch diesmal wurden ihre Gesänge sogar direkt von ihren Frankfurter Banknachbarn übertönt.

Und so entwickelte sich ein Abend, den der ebenso feierlustige wie friedliche Eintracht-Anhang für immer im Gedächtnis behalten wird. Kostic, Borré, wieder Kostic sowie am Ende noch ein paar Minuten Luft anhalten - danach gab es kein Halten mehr. Manch einer verdrückte gar ein Tränchen der Rührung, als Oliver Glasner zum Diver ansetzte. Da hatten sich die katalanischen Banknachbarn längst mit hängenden Köpfen auf den Heimweg gemacht, oder, auch das gab es, den Gästen im Spalier zu dieser Glanzleistung applaudiert.

Kein gutes Bild

Welche Bedeutung das Spiel und seine Begleitumstände haben sollten, wurde auch den meisten mitgereisten Hessen aber erst am nächsten Tag klar. Ein beleidigter Trainer, ein maulender Präsident und demonstrierende Barca-Fans gaben allesamt kein gutes Bild ab. Hatten sie in ihrer lange antrainierten Arroganz des Champions zuvor offenbar nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass sich ihre völlig überteuerten Sitzplätze nicht nur mit klatschwilligen, unbedarften Touristen aus Japan füllen lassen.

Nun haben sie eine ebenso giftige wie lächerliche Debatte losgetreten, über Begriffe wie Schande, Ehre und Emotionalität. Und damit offenbart, dass das Werbesprüchlein »Mes que un club« vielleicht doch etwas arg aufgeblasen ist. Das Bedienen einer weltweiten Marketing-Maschine ersetzt eben noch lange nicht die echte Leidenschaft.

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