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Mehr Querelen als Torgefahr

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»Es ist noch keine Entscheidung gefallen, es wird keinen Schnellschuss geben. Ich werde mir die Zeit nehmen, die ich brauche.« Daniyel Cimen gestern zur Frage über seinen Verbleib beim FC Gießen. Anvisiert ist gleichwohl »nächste Woche«. © Ben

Der Abstieg des FC Gießen hat vielfältige Gründe - Versuch einer Einordnung

Gießen. Am Samstag, nachdem der FC Gießen sein letztes Heimspiel in der Fußball-Regionalliga Südwest mit 1:2 gegen die TSG Hoffenheim II verloren hatte, tönten die »Toten Hosen« durch die Lautsprecher des Waldstadions: »Kein Happy End, kein Hollywood, alles passiert, wie es passieren muss!« Passend zum Abstieg, der bereits eine Woche zuvor durch die 0:2-Niederlage bei RW Koblenz festgestanden hatte. Die Gründe für den Gang in die Fünftklassigkeit sind vielfältig - der Versuch einer Analyse, bevor der Vorhang am kommenden Wochenende mit dem Gastspiel bei Hessen Kassel endgültig fällt.

Verpatzte Kaderplanung

Seit dem Aufstieg des FCG in die 4. Liga 2019 ein jährliches Ärgernis, das war im Frühjahr/Sommer 2021 nicht anders. Zum Trainingsauftakt Anfang Juli stand neben Michael Fink kein einziger Innenverteidiger unter Vertrag. Benedict dos Santos und Nikita Marusenko kamen unmittelbar vor dem ersten Punktspiel, Marian Sarr im September und Kevin Kling erst im November. Dass der Kader erst nach und nach fertiggestellt wurde, hatte gewiss Auswirkungen auf die Ausbildung sowohl von Automatismen als auch auf die Hierarchie im Team. Lange verzichten musste Trainer Daniyel Cimen auf Ryunosuke Takehara, Takero Itoi und Ko Sawada. Auch wenn die Verantwortlichen des Clubs betonten, sich rechtzeitig um die Visa des japanischen Trios gekümmert zu haben, bleibt ein fader Beigeschmack. Für einen Regionalligisten ist es ein Unding, dass es bis Ende Oktober dauerte, ehe der letzte der drei fix eingeplanten Akteure endlich spielberechtigt war.

Transfers sitzen nicht

Marian Sarr, Tobias Reithmeir, Nikita Marusenko, Benedict dos Santos, Ko Sawada: Allesamt Spieler, die auf vorherigen Stationen gezeigt haben, was sie können und die ihrer Karriere in Gießen neuen Schwung verleihen wollten. Gelungen ist das keinem von ihnen, der Laufbahnknick hat sich stattdessen bestätigt.

Hier haben sich Coach Cimen und der Sportliche Leiter Christian Memmarbachi verspekuliert. Die Abwehrspieler Sarr und Reithmeir waren mitverantwortlich für einige viel zu leicht kassierte Gegentore, Mittelfeldmann Marusenko fand sich in Gießen nie zurecht, wurde von Cimen im Herbst suspendiert und verließ den Club im Winter. Dos Santos, ebenso auf der Sechs zu Hause, schaffte es ebenfalls (teils verletzungsbedingt) nicht, sich neben Kapitän Nikola Trkulja im zentralen defensiven Mittelfeld zu etablieren. Neben dem defensiv viel geforderten Trkulja fehlte oft ein Mann, der aus dem Herzstück heraus den Takt bestimmt und fußballerisch im Vorwärtsgang Akzente setzt.

Derweil ließ Sawada seine Klasse und seinen Spielwitz in der Offensive zu selten aufblitzen.

Abgänge nicht kompensiert

Insbesondere der Abschied der Verteidiger Marco Boras und Hendrik Starostzik im Sommer 2021 tat weh. Beide hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass der FCG 2020/21 die siebtbeste Abwehr gestellt hatte. Die aktuell 48 hingenommen Gegentore sind in der Regionalliga ein mittlerer Wert, dennoch brachen haarsträubende Schnitzer den Rot-Weißen wiederholt das Genick. Ferner konnte der Weggang von Tim Korzuschek, in der Vorsaison mit zehn Treffern bester Schütze, nicht aufgefangen werden. Aber auch Außenverteidiger Andrej Markovic und Mittelfeldakteur Johannes Hofmann waren zuverlässige Spieler, die dem FC Gießen in dieser Runde gut zu Gesicht gestanden hätten.

Leistungsträger gesucht

Zwischen den Pfosten lieferte Frederic Löhe konstant gute Leistungen ab, ebenso Michael Fink als Abwehrboss der Viererkette. Dann gab es da noch Kapitän Nikola Trkulja, der als Sechser eine zufriedenstellende Saison absolvierte. Ansonsten war in Sachen dauerhafte Leistungsträger jede Menge Luft nach oben, wobei sich Gianluca Lo Scrudato bis zu seiner langwierigen Verletzung im Frühjahr auf einem guten Weg befand. Wie Lo Scrudato Außenverteidiger ist Kristian Gaudermann. Von der Mentalität und vom Engagement her stets vorbildlich, wechselten sich beim 26-Jährigen spielerisch Licht und Schatten ab. Ein echter Lichtblick waren die Youngster Donny Bogicevic und Dennis Owusu. Der technisch versierte offensive Mittelfeldmann Bogicevic nahm nach anfänglich enormen Schwierigkeiten eine erstaunliche Entwicklung und akklimatisierte sich in Sachen Körperlichkeit schnell in der Liga. Er ist mit sechs Toren noch immer treffsicherster Gießener - und das, obwohl er seit März nach seiner Hüftoperation keine Partie mehr bestritten hat. Der 21-Jährige Owusu war zwar - in diesem Alter normalen - Leistungsschwankungen unterworfen, belebte das Offensivspiel des FCG grundsätzlich aber mit seiner Geschwindigkeit und seinen Tempodribblings über den Flügel.

Querelen

Wirkliche Ruhe kam in dieser Saison nie auf beim FC Gießen. Verspätet oder auch gar nicht gezahlte Monatsgehälter, ausbleibende Prämien - Gerüchte darüber, die letztlich auch zumeist bestätigt wurden, zogen sich nahezu durch die gesamte Spielzeit. Wenn Spieler, wie unlängst geschehen, sich gezwungen sehen, gegen den eigenen Verein vor Gericht zu ziehen, kann das nicht leistungsfördernd sein. Im Gegenteil: es belastet fraglos und wird, vor allem auf Dauer, einige Prozentpunkte gekostet haben. Dazu gesellten sich die Suspendierungen von Nikita Marusenko und des Winter-Neuzugangs Jabez Makanda, der bis dahin überhaupt keine Rolle spielte. Und auch wenn sich zu diesem Zeitpunkt der Abstieg längst abzeichnete, passt das abrupte Ende der namhaften Routiniers Giuseppe Burgio und Nejmeddin Daghfous in diese Geschehnisse und Entwicklung. Von Cimen in Anbetracht einer desaströsen ersten Hälfte gegen den FSV Frankfurt (Pausenstand 0:3) früh ausgewechselt, wurden beide für das anschließende Match bei RW Koblenz nicht berücksichtigt und meldeten sich verletzt vom Trainingsbetrieb ab. Es folgte als letzter Akt die vorzeitige Auflösung der Verträge zum 30. April. Noch bis zum 30. Juni unter Vertrag ist Donny Bogicevic, aber das Tischtuch zwischen dem 20-Jährigen, der in der Restrunde ein wichtiger Faktor hätte werden können, ist längst zerschnitten. Zum Missfallen der Clubverantwortlichen ließ sich Bogicevic mitten in der Saison operieren. Mutmaßlich, um in der nun bald anstehenden Transferperiode für einen neuen und ambitionierten Verein, der auch für mehr finanzielle Solidität als der FC Gießen steht, topfit zu sein.

Keine Konstanz

Der Start in die Saison verlief nach dem 1:0-Auftaktsieg bei Astoria Walldorf äußerst holprig. Mangels personeller Alternativen sowie der Kaderplanung und Verletzungen geschuldet, war es kein Einzelfall, dass gegen den FK Pirmasens, einen Mitkonkurrenten im Abstiegskampf, mit Owusu und dem kurz darauf abgewanderten Ali Ibrahimaj nur zwei Offensivspieler in der Startelf auftauchten. Die Folge war erzwungenermaßen eine eher defensive, tiefer stehende und abwartende Ausrichtung.

Ende September und Anfang Oktober reichte es erstmals zu einer Mini-Serie mit fünf Punkten aus drei Spielen. Erst im November konnte Daniyel Cimen auf fast das komplette Offensivpersonal zurückgreifen, das es bis zur Winterpause über einige Strecken schaffte, spielerisch im Vorwärtsgang zu überzeugen. Ausbeute: Zehn Zähler in sieben Partien. Vielversprechend verlief der Beginn der Restrunde. Aber statt zwei bis drei definitiv möglicher Siege holte man lediglich drei Remis. Auf das denkwürdige 1:2 beim TSV Steinbach Haiger nach 1:0-Führung bis in die Nachspielzeit folgte ein 3:1-Erfolg über die SGS Großaspach. Dass das der letzte Dreier bis zum heutigen Tag bleiben sollte, konnte da noch niemand ahnen. Eine Corona-Welle bremste den FCG aus, der anschließend in acht Matches nur ein einziges Unentschieden für sich verbuchte. Mit zwei mickrigen Toren ging im Abschluss fast nichts.

Eklatante Offensivschwäche

Zehn der 20 Gießener Niederlagen kamen mit einem Treffer Unterschied zustande, nur einmal verlor man mit mehr als zwei Toren: Will sagen, dass der FCG selten chancenlos und völlig unterlegen war. Oft waren Löhe, Fink und Co nah dran, um dann letztlich doch leer auszugehen. Ausschlaggebend dafür ist die katastrophale Torausbeute. Lediglich 28 Mal in 35 Spielen landete die Kugel im Gehäuse der Gegner - Ligatiefstwert. Chancen waren häufig genug vorhanden, vielfach exzellente in Eins-gegen-Eins-Situationen gar. Sie in dieser Fülle nicht genutzt zu haben, ist letztlich auch eine Qualitätsfrage. Natürlich dürfen Tore nicht nur von den Stürmern erzielt werden, und aus dem Mittelfeld heraus haperte es bei den Gießenern ebenfalls (mit Ausnahme von Donny Bogicevic). Viele Hoffnungen ruhten in vorderster Front auf Giuseppe Burgio, der aber verletzungs- und krankheitsbedingt nur auf acht Startelfeinsätze kam. Dementsprechend lesen sich vier Treffer positiv. Aykut Öztürk, der vor der Winterpause desöfteren ausfiel, kämpfte wie und je, zog Freistöße, machte Räume frei - schoss aber nur ein Tor aus dem Spiel heraus. Wie Öztürk traf Takero Itoi ebenfalls nur zweimal. Überhaupt keinen Faktor stellte der Ex-Zweitligaprofi und Offensivallrounder Nejmeddin Daghfous dar, wenngleich der 35-Jährige auch immer wieder von Krankheiten und Verletzungen zurückgeworfen wurde.

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