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Messi ist einfach zum mit der Zunge schnalzen

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Von: Thomas Suer

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WM-Experte Niko Semlitsch © Red

So, die Halbfinalspiele sind durch. Und ich muss sagen, ich konnte sie beide genießen. Vor allem das zweite Spiel, weil Marokko dem Weltmeister doch mehr abverlangt hat, als ich erwartet hatte. Da sieht man, wie eine Mannschaft sich in so einem Turnier steigern kann, wenn sie von der Euphorie getragen wird und das Selbstbewusstsein wächst.

Frankreich, das ich von Anfang an als Finalist getippt habe, hat aber auch gezeigt, wie man nicht immer schön, aber eben gnadenlos erfolgreich spielt. Sie hatten zwar auch das Quäntchen Glück, aber der Trainer Deschamps weiß genau, was er tut. Als ehemaliger Sechser, der sich auch für die Drecksarbeit nie zu schade war, hat er die Franzosen hinten stark gemacht - und nach vorne hat er fünf, sechs Spieler mit unglaublicher Qualität. Da passiert immer was - und wenn man dann hinten standhält, gewinnt man auch Spiele und Turniere. Wer vorher dachte, Marokko würde nicht vors Tor kommen, dem sei gesagt: Wenn du keine Chancen im Halbfinale hast, dann wärst du auch nicht ins Halbfinale gekommen. Am Ende war der Sieg aber verdient.

Ob Marokko das konservieren kann? Das glaube ich nicht. Sie haben zu wenige Spieler auf absolutem Topniveau, die meisten spielen auch nicht in den Spitzenvereinen. Das funktioniert mal für ein Turnier, da baut man sich von Erfolgserlebnis zu Erfolgserlebnis immer mehr auf und der Trainer hat auch einen großen Anteil. Aber ich denke, das nächste Mal kann genauso gut Ghana oder der Senegal wieder d i e Überraschung sein. Trotzdem sind sie eine echte Bereicherung. Und so sind die zwei Überraschungsmannschaften raus, denn dass Kroatien nochmal so weit kommt, war ja auch nicht zu erwarten. Da hatte doch jeder Brasilien auf dem Zettel. Das Spiel um Platz drei, das ansteht, ist natürlich völliger Unfug. Das brauchen weder die Kroaten, noch die Marokkaner.

Ein Wort aber auch noch zum ersten Halbfinale. Ich tue mich ja schwer, ins Schwärmen zu geraten. Aber was Messi bei dieser WM spielt, das ist allerhöchstes Niveau. Man merkt, dass er weiß, es ist die letzte Chance, seine tolle Karriere zu krönen. Es sieht manchmal aus wie in einer C-Jugendmannschaft, wo einer mitspielt, der schon viel weiter ist als alle anderen. Und wenn’s sein muss, das Spiel alleine entscheidet. Wenn ich nur daran denke, wie er das 3:0 gegen Kroatien vorbereitet hat, das ist einfach nur überragend und zum Zunge schnalzen. Solch einen Brocken von Verteidiger tanzt er aus, als sei der gar nicht da. Dabei ist Messi doch kein Ronaldo, nicht so ein Athlet. Da denkt man doch, wenn man kräftig pustet, fliegt der weg. Aber er will es mit allen Mitteln schaffen und deshalb muss man Argentinien ganz stark beachten, auch wenn ich Frankreich insgesamt etwas besser sehe. Aber wenn Messi ein, zwei geniale Momente hat, kann Argentinien Weltmeister werden und er sich damit krönen. Verdient hätte er es nach dieser Karriere auf alle Fälle. Ich jedenfalls gucke mir den Burschen schon lange immer wieder gerne an, aber so stark wie im Moment habe ich ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Und das mit 35.

Und während die anderen Fußball spielen, gründen wir einen Arbeitskreis. Es ist ja ehrenwert für die Leute, die da geholt werden und das sind auch alles absolute Fachleute, klar. Die haben alle durch die Bank auch ganz viel erreicht, aber wichtig ist doch, dass da jetzt einer - vielleicht auch von den Berufenen - mal in die Verantwortung geht. Beraten kann man immer gut und viel und sogar aus der Ferne, wenn`s einem zu weit ist. Aber über was wollen die eigentlich sprechen? Dass wir einen guten Mittelstürmer brauchen und konsequenter sein müssen? Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Das ist wie bei den Trainerstäben, da sprechen dann wieder ganz viele mit. Und das verwässert dann eben auch einiges. Aber gut. Sollen sie sich halt mal beraten. Sind ja alles verdiente Leute. Ich freue mich erstmal aufs Finale.

Niko Semlitsch muss man den fußballaffinen Lesern nicht vorstellen. Der 76-jährige Ex-Bundesligaprofi war über Jahrzehnte als Trainer bis in die 2. Liga aktiv und kenn den Fußball aus allen Blickwinkeln aus dem Eff-Eff. Und weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und weder den Fußball noch sich zu ernst, ist der Steinbacher erneut unser WM-Experte.

Aufgezeichnet

von Rüdiger Dittrich

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