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Mit aller Kraft zur WM

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Von: Thomas Wißner

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Michelle Bestler freut sich nach schwierigen Zeiten auf den WM-Start in Gent. Foto: Wißner © Wißner

Langgöns (twi). 2022 hat für Kunstradfahrerin Michelle Lynn Bestler nicht gut begonnen, erlitt sie doch gleich in den ersten Tagen am Ellenbogen einen Außenband- und Muskelfasrrisse, lag ihre rechte Hand in Trümmern. Und weil der Heilungsprozeß nicht wie erwartet verlief, rechneten die Ärzte bereits damit, dass der Ellenbogen steif bleiben würde.

Doch die 27-Jährige, in Lang-Göns aufgewachsen, mittlerweile in Münchholzhausen beheimatet und nach wie vor beim Radsportverein Langgöns (RSV) trainierende Erzieherin, bewies einmal mehr Kämpfernatur. Ende Mai begann sie wieder mit dem Einrad-Training. Corona hatte sie in der trainingslosen Zeit auch noch gehabt, blieb aber während der Trainingsphase immerhin davon verschont. Angesichts all dieser Probleme war das Jahresziel Weltmeisterschaft im belgischen Gent für die für die USA startende Bestler ein schier unerreichbares Ziel. Aber siehe da: Es klappt doch noch. Am kommenden Freitag (4. November) wird sie ihre Kür in abgespeckter Form in der Topsporthal Vlaanderen bei der Hallenradsport-Weltmeisterschaft präsentieren.

Für Bestler sind dies bereits die vierten Titelkämpfe, bei denen sie für die Vereinigten Staaten an den Start geht - und das in neuem Outfit. Das Nationaltrikot mit »USA« auf dem Rücken und den Sternen auf der Vorderseite trägt sie erstmals.

Für die im Evangelischen Kindergarten Arche in Lang-Göns arbeitende und in der Karl-Zeiß-Sporthalle unter ihrem amerikanischen Vater Joseph und in der Hungener Stadthalle unter den aufmerksamen Augen von Trainer Herbert Bender trainierende Bestler sind die USA die einzige Möglichkeit, an der Weltmeisterschaft an den Start gehen zu können. Durch ihren Vater ist Michelle Lynn Bestler im Besitz der amerikanischen als auch der deutschen Staatsbürgerschaft Dabei genießt der Einradsport in den USA, weil eben auch keine olympische Disziplin, keinen so hohen Stellenwert wie in Europa. Für Deutschland wäre ein Start nicht möglich gewesen, ist das Leistungsniveau der Spitzenfahrerinnen doch höher. Und so hat sich Bestler für die WM im Nachbarland einen guten Mittelfeldplatz zum Ziel gesetzt.

Erst recht nach ihrer schweren Verletzung geht es darum, vorgegebenen 17. Platz zu halten, oder mit etwas Glück bis auf den 15. Platz unter den insgesamt 25 Startern nach oben zu klettern. Rang 15 ist dabei jene Platzierung, die sie im vergangenen Jahr bei den Titelkämpfen in Stuttgart erreicht hatte.

Der »Familienrat« hatte nach der schweren Verletzung eine Teilnahme nur mit einer abgespeckten Kür genehmigt. Schwester Celina war ihr bei den Trainingseinheiten ein seelischer Beistand, kann sie aber in Gent nicht unterstützen. Da sind dann aber Vater Joseph und Mutter Regina mit Trainer Herbert Bender mit dabei, wenn sie ihre Kür einmal mehr zur Titelmusik aus dem Disney-Film »Vaiana« bei der UCI-Hallenrad-Weltmeisterschaft präsentiert.

Einmal mehr muss Michelle Lynn Bestler alle Kosten aus der eigenen Tasche bestreiten, gibt es keinerlei finanzielle Unterstützung aus den USA - noch nicht einmal ein Nationaltrikot. Auch das neue Trikot hat sie selbst bezahlen müssen.

Aber sei’s drum: Dem Radsport ist Bestler dankbar und eng verbunden, war dieser doch lange ein wichtiger Bestandteil ihrer Familie. Als in jungen Jahren bei ihr eine Gleichgewichtsstörung diagnostiziert wurde, lag der Schritt aufs Fahrrad und hin zur deutlichen Verbesserung als Therapie ihrer Gleichgewichtsprobleme, auf der Hand. Doch nach sieben Jahren Kunstradfahren erlitt sie mit 14 Jahren einen ersten Rückschlag, auf den einige weitere folgten. Das aber weckte die Kämpfernatur in der zierlichen Frau, die WM 2018 war das große Ziel. Dass sie nun erneut an den Start geht, ist angesichts der Vorgeschichte kaum zu glauben. Und bereits jetzt geht der Blick schon auf die WM 2023 in Glasgow/Schottland - und die damit verbundene Reise auf die Insel. Michelle Lynn Bestler lässt sich nicht unterkriegen.

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