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Mit Demut und Respekt

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Raus mit den Emotionen: Der Hüttenberger Trainer Johannes Wohlrab ist heute wieder gefordert. Foto: Bär © Bär

Gießen. Johannes Wohlrab wirkt entspannt, ausgeglichen und gleichzeitig ansteckend motiviert, als er sich Zeit für dieses Interview nimmt. Nichts ist zu spüren davon, dass der 36-Jährige eine zeitintensive und kräftezehrende Vorbereitung mit beinahe täglichem Training seiner Mannschaft hinter sich gebracht hat - und parallel zudem ganz nebenbei privat noch einen Umzug von Hüttenberg nach Gießen gestemmt hat.

»Ich habe die Akkus im Urlaub mal wieder richtig aufladen können«, erklärt der Trainer von Handball-Zweitligist TV Hüttenberg lächelnd, bevor er sich den Fragen dieser Zeitung gestellt hat.

Johannes, die abgelaufene Spielzeit war geprägt von vielen Corona-Zwangspausen, Spielverlegungen und zahllosen englischen Wochen. Wie lange hat es gedauert, diese Saison aus den Knochen zu bekommen und mal richtig abzuschalten?

Fest steht, dass diese Pause wirklich dringend nötig war, sowohl für die Spieler als auch für das Trainerteam. Mit Blick auf die letzten Wochen der Spielzeit muss ich schon sagen, dass diese Erholungsphase wirklich noch nötiger als im Vorjahr war, was einfach dem ungesunden Rhythmus durch die englischen Wochen geschuldet war. Ich war im Urlaub und konnte endlich mal wieder abschalten.

Ist wirkliche Erholung im Urlaub als Trainer einer Handball-Profimannschaft überhaupt möglich?

Natürlich ist das ein 24/7-Job, den wir da machen. Wir hatten aber dieses Mal das Glück, dass wir schon sehr früh davon ausgehen konnten, dass wir die Klasse halten werden, weshalb wir die Kaderplanung für diese Saison schon früh genug angehen konnten. Und auch die Gestaltung der diesjährigen Sommervorbereitung mit den Testspielen und den einzelnen Einheiten konnte ich noch während der alten Saison planen, weil ich ja davon ausgehen durfte, nicht entlassen zu werden (lacht).

Als Sie Anfang Dezember 2020 das Ruder von Vorgänger Frederick Griesbach übernommen haben, dümpelte der TVH auf dem vorletzten Platz herum und galt schon als Quasi-Absteiger. Was danach kam, ist bekannt: Klassenerhalt an Ende der Saison, Platz vier nach einer bärenstarken Saison in diesem Sommer. Welchen Schalter haben Sie Ende 2020 umgelegt?

Zunächst einmal war das sicherlich eine komplett neue Situation für uns alle, schließlich war es meine erste Station im Profi-Handball. Ich hatte aber gleichzeitig das Glück, dass ich ja vorher schon als Co-Trainer dabei war und also wusste, an welchen Stellschrauben man ansetzen könnte. Im Rückblick waren vermutlich drei Faktoren entscheidend. Zum einen die Rückkehr vom 5:1- zum 3:2:1-Abwehrsystem, unserer Vereins-DNA. Dann haben wir direkt vollen Wert auf das gelegt, was die oft beschworenen Hüttenberger Tugenden sind. Ich habe die Jungs bei der Ehre gepackt und gesagt, dass sie in jedem einzelnen Spiel ums Überleben kämpfen und voll bei der Sache sein müssen. Und dann ist es natürlich auch das Quäntchen Glück, dass Du einfach haben musst, um Erfolg zu haben.

Und dann konnten Sie und das Team diese Welle nahezu die gesamte letzte Saison über weiterreiten

Damit war ja überhaupt nicht zu rechnen. Wir hatten das Glück, mit Dominik Mappes einen der besten, wenn nicht den besten deutschen Mittelmann zu bekommen, der völlig zurecht in der letzten Saison zum MVP gewählt worden ist. Kernstück war unsere offensive Abwehr, gegen die niemand gerne spielt. Die Jungs haben in jedem Spiel die Axt ausgepackt und die Gegner maximal gefordert.

Sie benutzen das Sinnbild der Axt häufig, sprechen zudem oft von den »Hüttenberger Attributen«, die Sie von Ihren Spielern stets einfordern. Inwiefern besteht die Gefahr, dass sich so etwas im Laufe einer Saison abnutzt?

Das ist ganz einfach die Grundlage für unser Spiel, das erwarte ich von jedem vor jeder Partie. Das ist das Fundament, auf dem wir dann unseren Tempohandball aufbauen, mit dem wir aggressiv und selbstbewusst nach vorne spielen wollen. Das sieht man ja auch an unserem Kader. Wir haben weniger die wuchtigen Distanzschützen als vielmehr schnelle und bewegliche Spieler, mit denen wir die gegnerische Abwehr in Bewegung bringen, um dann durchzubrechen. Es ist statistisch nun einmal so, dass Du bei Durchbrüchen, vom Kreis oder von Außen die höchste Trefferquote hast, deshalb ist dies unsere Philosophie. Diese Spielweise setzt natürlich viele Zweikampfsituationen voraus, deshalb sind die Hüttenberger Attribute die absolute Grundlage, die immer wieder aufs Neue eingefordert werden muss.

In der letzten Spielzeit ist das Abenteuer, mit einem sehr jungen Kader an den Start zu gehen, geglückt. Jetzt hat sich der TVH noch einmal verjüngt, weist einen Altersschnitt von knapp 23 Jahren auf, nur Timm Schneider ist über 30. Wann wird aus einem Abenteuer ein echtes Risiko?

Die Gefahr besteht, keine Frage. Demut ist ein ganz wichtiger Faktor für uns. Wir haben den Kader verjüngt, zudem mit Dominik Mappes unseren stärksten Spieler verloren. Da ist es utopisch zu glauben, dass wir jetzt wieder oben mitspielen würden. Timm Schneider fällt uns mit seiner Knieverletzung bis in den Winter hinein aus, das tut richtig weh. Man muss sich nur das Beispiel EHV Aue anschauen. In der Saison 20/21 wurde der Verein Fünfer, hat daraufhin keinen großen personellen Verlust gehabt und ist am Ende der letzten Saison trotzdem abgestiegen. Wir müssen den Jungs Zeit geben, konsequent unseren Hüttenberger Weg weiter gehen und schnellstmöglich 35 Punkte einfahren.

Sie haben Mappes‹ Abgang angesprochen. Wer kann und soll ihn ersetzen?

Wir haben uns auf dem Transfermarkt umgesehen unter der Prämisse, dass wir Spieler suchen, die Erstliga-Niveau haben, den Verein kennen und uns sofort helfen können. Da haben dann die Verpflichtungen von Timm Schneider und Jannik Hofmann wie die Faust aufs Auge gepasst. Dazu kommen natürlich Spieler wie Hendrik Schreiber, Ian Weber und Moritz Zörb, die zwar ebenfalls noch jung sind, aber trotzdem Führungsspieler bei uns sind. Sie alle müssen die Aufgaben, die vorher von Christian Rompf, Tobias Hahn oder Mappes getragen worden sind, übernehmen: Die ganz jungen Spieler an die Hand nehmen und ihnen auf und abseits der Platte vorangehen. Dominik spielerisch eins zu eins ersetzen zu wollen, ist unmöglich. Das müssen wir über das Kollektiv auffangen.

Sie sind jetzt 36 Jahre alt, als Sie das Amt des Cheftrainers übernommen haben, waren Sie 34. Dann mussten Sie Ihre Ansprachen plötzlich an ehemalige Nationalspieler wie Stefan Kneer oder Nikolai Weber richten, die beide älter als Sie sind. Packt man solche gestandenen Akteure als junger Coach anders an?

Ich hatte bislang in meiner Trainerzeit das Glück, immer nur mit tollen Charakteren zusammengearbeitet zu haben. Das gilt auch schon für meine Kleenheimer Zeit, da war ich ja sogar erst 26, als ich angefangen habe. Aber nein, ich packe diese Spieler nicht anders an, obgleich ich riesigen Respekt vor dem habe, was sie handballerisch erreicht haben. Wenn man Spielern gegenüber mit Respekt begegnet, bekommt man das eigentlich auch immer zurück. Und dann ist es egal, ob es sich um einen 80-fachen Nationalspieler handelt oder um einen 18-jährigen Nachwuchsmann, der gerade aus der Jugend gekommen ist.

Neben Ihrer Trainertätigkeit sind Sie Berufsschullehrer an der Theodor-Litt-Schule in Gießen. Wie schultert man diese Doppelbelastung?

Ich bin meiner Schulleitung sehr dankbar, dass Sie meine Unterrichtsverpflichtung auf zwei Wochentage gelegt hat, das ist in Kombination mit dem Profi-Handball auch das maximal Leistbare. Ich sage ganz klar, dass ich diese Kombination mein gesamtes Leben über nicht machen kann, da ist die Belastung auf Dauer zu groß. Aktuell bin ich in einem Alter, in dem das noch geht. Beide Berufe ergänzen sich andererseits auch hervorragend und es tut gut, immer wieder diesen Tapetenwechsel zwischen Klassenraum und Sporthalle zu haben.

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