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Mit Helau in den Partycrash

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Wetzlar. Vor der Buderus-Arena herrrscht Volksfeststimmung. Die rührigen Mitarbeiter der HSG Wetzlar haben einen kleinen Biergarten errichtet. Es gibt Frischgezapftes und Speisen vom Foodtruck. Gefeiert wird an diesem sonnigen Samstagnachmittag die Rückkehr der Fans in die Handball-Hallen. An die 4000 werden schließlich dem Bundesliga-Heimspiel der Grün-Weißen gegen den Bergischen HC beiwohnen.

HSG Wetzlar - Bergischer HC 23:27

Und als die Stimmung draußen eine halbe Stunde vor dem Anpfiff prächtig ist, gibt es auch noch eine kleine Volksbelustigung. Der Demonstrationszug der Querdenker marschiert ausgerechnet am Handball-Fest vorbei. Mit lauten »Helau, Helau«-Rufen werden die Impfgegner und politischen Rechtsausleger veralbert. Der Begriff »dumm gelaufen« erhält gleich in mehrfacher Hinsicht eine neue Bedeutung. In sportlicher Hinsicht wiederum wird es später nicht sonderlich glücklich für die Gastgeber laufen. Der BHC feiert einen 27:23 (13:12)-Erfolg und erweist sich als undankbarer Gast. Als »Party-Crasher«, wie HSG -Trainer Ben Matschke treffend formuliert. Ein Partyschreck - aus sportlicher Sicht so willkomen wie ein Donald Trump, der auf einer Greenpeace-Versammlung unerwartet erscheint und mit fieser Stimme seine Lieblingsrezepte für gekochte Robbenbabys vorliest.

Allerdings machen es die Grün-Weißen den Bergischen an diesem Tag auch leicht, die Punkte aus der Festung Buder-us-Arena zu rauben. Von Beginn an tappen die Wetzlarer Spieler in die Falle, vor der sie im Vorfeld ihr Trainer nachdrücklich gewarnt hatte. Die psychologische Falle, sich zu hohen Druck aufzubürden, um der endlich wieder gefüllten Arena ein strahlendes Handball-Feuerwerk zu präsentieren.

So beginnen die Domstädter zwar durchaus annehmbar, erarbeiten sich dank entschlossener Abwehrarbeit und kluger Regieführung von Magnus Fredriksen eine 10:8-Führung (18:40). Doch sie verpassen es, sich klarer abzusetzen. Als Linksaußen Emil Mellgard bei einem Tempogegenstoß nach zehn Minuten erstmals mit einem freien Wurf an BHC-Schlussman Christopher Rudeck scheitert, geht nur ein leises Seufzen durch die dicht gefüllten Fan-Reihen. Als in der Folge jedoch so ziemlich alle Grün-Weißen von Lenny Rubin bis zu Stefan Cacor hochkarätige Wurfangebote so leichtfertig ausschlagen wie ein Hamsterkäufer einen vernünftigen Einkaufsratschlag, hallt das kollektive Stöhnen immer lauter durchs Publikum.

Rudek hat immer eine Hand oder einen Fuß am Ball. »Das Torwartduell«, bilanziert später BHC--Co-Trainer Jörg Föste, der den erkrankten Chefcoach Sebastian Hintze vertritt, »haben wir klar gewonnen.« Was aber nur die halbe Wahrheit ist. Denn Nationaltorwart Till Klimpke hält wahrlich nicht schlecht. Nur werfen die Gäste bei ihren Chancen einfach da platzierter und besser, wo die HSGler an Nervenflattern und Lampenfieber scheitern. Beim 10:11 zur Pause scheint aber noch alles möglich. Doch der mentale Rucksack, den die Grün-Weißen angefüllt mit Fan-Erwartungen, mit Party-Begeisterung und einer bewegenden Ansprache für die Kriegsopfer in der Ukraine, deren Nationalspieler an diesem Tag noch dazu Gäste in der Arena sind, wiegt schwer. Wie schwer, wird im zweiten Abschnitt deutlich.

Musste Rudek vor dem Seitenwechsel noch Schwerstarbeit bei seinen Paraden verrichten, verkommen die Rückraumwürfe von Rubin oder Cavor nun teils zu unplatzierten Rückpässen, die wohl auch der Busfahrer des BCH gehalten hätte. Es geht wenig bis gar nichts. Gewiss: Die Gastgeber kämpfen aufopferungsvoll, feuern sich gegenseitig an, selbst der sonst so ruhige Till Klimpke wird gegenüber den Schiedsrichtern laut. Aber all das verpufft wirkungslos, weil der Rückraum immer konfuser agiert, weil selbst der unermüdliche Fredriksen irgendwann wie ein Karajan erscheint, der vergebens versucht, einer Death-Metal-Band Beethovens Neunte beibringen will.

Der BHC setzt sich über 19:17 (46::00/Tempogegenstoß Jeffrey Boomhouwer) auf 24:21 durch Spitzenregisseur Linus Arnesson ab (54:00). Und am Ende tanzen die Gäste über die Platte. »Immer, wenn die Fans zurückkehren, verlieren wir«, seufzt danach HSG-Pressesprechering Jana Lieber. »Wir sind sehr enttäuscht«, sagt ein sichtlich geknickter Ben Matschke. Aber dem Trainer und seinen Spieler spenden später bei der Fanparty die Anhänger schnellen Trost. Vielleicht standen an diesem Tag nicht so sehr die Punkte im Vordergrund, sondern andere Vorgänge. Wie die Rückkehr der Zuschauer, wie das Mitleiden mit der Ukraine. Wirklich dumm gelaufen snd diesmal nur ein paar andere Menschen.

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