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Mit Pulskontrolle in die Crunchtime

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Wetzlar. »Sehr!«, antwortet Ben Matschke schlagfertig, bevor die Frage, wie sauer der Trainer der HSG Wetzlar noch über die Niederlage bei MT Melsungen sei, überhaupt ausformuliert ist. Sehr, sehr, sehr sauer scheint der Mann vor allem in den Tagen nach dem 19:21 im Hessenderby der Handball-Bundesliga gewesen zu sein. Nach dem vielversprechenden 18:

18 kurz vor Spielende ging bei den Grün-Weißen im Angriff gar nichts bis überhaupt nichts mehr.

HSG Wetzlar - SG Flensburg-Handewitt (Sonntag, 14 Uhr)

»Da«, kartet der Handballlehrer nach, »gab es drei Rückraumwürfe, die mich kolossal geärgert haben.« Seine Mannen schlossen vorschnell ab, ließen den Ball nicht mehr laufen und zeigten Nerven in der Crunchtime. Wieder einmal in der so oft beschworenen Crunchtime. Prompt ließ Matschke derartige Drucksituationen in dieser Trainingswoche üben. Damit eine der jüngsten Mannschaften der Bundesliga künftig besonnener agiert. Vielleicht sogar schon am Sonntag (14 Uhr/Sky) besonnener agiert, wenn die SG Flensburg-Handewitt in der Buderus-Arena gastiert. Damit die Mittelhessen allerdings gegen das norddeutsche Spitzenteam überhaupt in eine vielversprechende Crunchtime kommen wollen, muss natürlich zuvor bereits Großes geleistet werden. »Flensburg«, lobt Matschke, »verfügt über ein sehr schnelles Umschaltspiel. Zudem befindet sich Kreisläufer Johannes Golla in einer unfassbaren Form in Angriff und Abwehr.«

Klar: Die SG reist auch ohne den verletzten Superstar und Spielmacher Jim Gottfridsson als haushoher Favorit an. Klar ist aber auch: In den vergangenen Jahren vermochten es die Wetzlarer vor allem in eigener Halle, ein ums andere Mal derartige Favoriten auch zu stürzen. »Wir glauben natürlich daran, dass wir auch gegen Flensburg ein gutes Spiel machen können«, betont der HSG-Trainer. Wobei das Fehlen des schwedischen Regisseurs Gottfridsson die Wetzlarer Sache nicht unbedingt leichter macht. »Flensburg ist nun unberechenbarer«, sagt Matschke. Auch wenn die Norddeutschen zuletzt beim Auftakt der Gruppenphase der Europa League gegen die Spanier aus Benidorm trotz des 35:30-Sieges enttäuschten, ist das Starensemble mit dem Ex-Wetzlarer Kreisläufer Anton Lindskog jederzeit für ein großes Spiel gut.

Und dennoch gibt es drei gute Gründe für verhaltenen Optimismus bei den Gastgebern. Gründe, die Namen und Zahlen haben. So kehren die zuletzt fehlenden Spielmacher Jonas Schelker und Kreisläufer Adam Nyfjäll zurück in den Kader und sind zumindest Optionen für Kurzeinsätze. Und fast ebenso wichtig: Zurück kehren auch die Zuschauer. Nach den enttäuschenden Zahlen zu Saisonbeginn haben die Grün-Weißen diesmal bereits 3800 Karten verkauft. An der Tageskasse gibt es aber noch eine große Anzahl von Stehplatztickets.

Sollten die Fans dann ihre HSG soweit tragen, dass es zu einer spannenden Schlussphase kommt, hofft Matschke, dass die intensiven Trainingstage Früchte tragen. »Wir haben versucht, solche Drucksituationen zu simulieren«, erklärt der 40-Jährige. Mit Pulskontrolle wird in den Übungseinheiten ermittelt, welche Spieler auch bei sportlichem Stress, den eine Schlussphase mit sich bringt, die Ruhe bewahren. »Es geht um Verantwortung für die Sache«, so der Coach, »und nicht darum, dass dann einer meint, er möchte jetzt das Spiel alleine entscheiden.«

Mit ruhigem Puls den großen Favoriten überraschen. Mit Zusammenspiel statt Egozockerei die Crunchtime erreichen und gut überstehen. So lautet das grün-weiße Rezept für den Sonntag. Ein Rezept hoffentlich ohne Nebenwirkungen und Nachwehen. Ein Rezept, damit sich auch Ben Matschke nicht wieder tagelang ärgern und damit den eigenen Puls in die Höhe treiben muss.

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