1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Mit Sand wird selten gespielt

Erstellt: Aktualisiert:

gispor180622-malle_18062_4c
Wenn man will, passen da auch Sangria und ein paar Strohhalme hinein. Foto: imago © imago

Gießen. Die Fußballsaison ist zu Ende, die Rundenspiele sind vorbei, und die Abschlussfahrten der Mannschaften stehen an. Das beliebteste Ziel für Teams aus der gesamten Republik ist Mallorca. Und obwohl die Baleareninsel eine Menge bietet, ideal für Radtouristik geeignet ist, zum Feiern geht es an den berühmten »Ballermann«. Der feiert in diesem Sommer sein inoffizielles 50-jähriges Bestehen, ist aber seit einigen Jahren durch etliche Einschränkungen und Regeln entschärft worden.

Meine Kumpels, fast alle ehemalige Fußballer, haben über viele Jahre noch die ganz wilden Zeiten auf der Party-Meile mitgemacht.

An der zirka sechs Kilometer langen Playa de Palma ist vor allem der Abschnitt zwischen »Balneario neun« und »Balneario sechs« Anziehungspunkt für die große Kickerschar. Die einen feiern eine Meisterschaft, die anderen den Klassenerhalt. Manche sind froh, dass der strapaziöse Spielbetrieb endlich vorbei ist, andere genießen einfach nach einer langen und meist stressigen Saison den Zusammenhalt in lockerer Atmosphäre mit den Teamkollegen. »Balneario« ist der spanische Name für Heilbad, der ins deutsche »Ballermann« vereinfacht wurde.

Ruf ist schlimmer als er sollte

Und den nicht wenigen, die beim Namen »Ballermann« den Mund verziehen und angewidert mit den Augen rollen, sei aus eigener Erfahrung - ich war an die fünfzig Mal dort - gesagt: Das ist ein Ort, an dem junge und alte Menschen lustig sind und unbeschwert sein können, die Gemeinschaft pflegen und genießen und sicher auch mal zu viel Alkohol zu sich nehmen und laut sind. Dabei kommt es naturgemäß auch zu skurrilen und manchmal peinlichen Situationen und Reaktionen. Aber die gibt es auch auf jeder mittelhessischen Kirmes oder bei Volksfesten - eben überall da, wo Alkohol ausgeschenkt wird. Nur da wird es von einschlägigen Magazinen und TV-Sendern nicht medienwirksam und tendenziell übertrieben dargestellt. Von Komasaufen, Schlägereien oder gar kriminellen Aktionen habe ich nie etwas mitbekommen. Und zum Eimer-Saufen: Wenn mehrere Personen mit Strohhalmen aus einem großen Gefäß zum Beispiel Sangria schlürfen, drücken sie damit doch ein Gemeinschaftsgefühl aus. Bewusstes Volllaufen-Lassen sieht anders aus. Übrigens sind die Eimer in dieser Funktion - wie auch Getränke am Strand - seit Jahren verboten.

Einer, der zu den Pionieren des »Ballermann« gehört, ist Niko Semlitsch. Der in Fernwald-Steinbach lebende, 75-jährige ehemalige Fußball-Profi und langjähriger Trainer kam zum ersten Mal 1976 mit seinem damaligen Verein 1. FC Saarbrücken nach »Malle«. »Wir waren 1976 in die Bundesliga aufgestiegen und sind mit 14 Spielern zum ›Ballermann‹ gereist, um das zu feiern. Ich habe dort mit einigen Geschäftsleuten aus Köln, Essen, Berlin und Saarbrücken Freundschaft geschlossen und wir wollten beim Bier am ›Balneario 6‹ Musik hören. Aber die gab es nicht. So haben wir beim nächsten gemeinsamen Besuch ein Jahr später einen Kassettenrekorder dort aufgestellt und Musik gespielt. Das kam so gut bei den Leuten an, dass der Besitzer zukünftig für Musik gesorgt hat. Eine Stammtischgruppe aus Köln hatte schon ein Schild mit ›Ballermann 6‹ aufgehängt«, erinnert sich Semlitsch. Mittlerweile heißt das schick umgebaute Strandcafe allerdings »Beach Club Six«.

»Jedes Jahr freue ich mich auf Malle. Dort trifft man viele Leute, die man irgendwann mal kennengelernt hat, oder denen man auf dem Fußballplatz begegnet ist. Ich habe dort ehemalige prominente Mitspieler wie Reinhard Libuda oder Horst Hrubesch wiedergetroffen. Mit manchem aus dem mittelhessischen Raum oder Rhein-Main-Gebiet verabredet man sich schon für das nächste Jahr«, ist Semlitsch noch heute Stammgast in der Party-Region.

Auch bei der Installierung der »Schinkenstraße« als einer Institution am »Ballermann« ist Semlitsch maßgeblich beteiligt. Dort stand damals in einer der zahlreichen Schrebergärten ein älterer Mann am Zaun und bot Semlitsch und einigen Kölner Kumpels, die dort vorbeikamen, ein Stück Schinken an, um es zu probieren. »Das hat so gut geschmeckt, dass wir gesagt haben, wir kämen am nächsten Tag wieder, und er solle Schinken bereithalten. Wir kamen mit einem Kasten Bier und genossen gemeinsam begeistert den Schinken. Daraufhin hat der Mann eine Bude mit Schinken-Verkauf errichtet. So hat sich die ›Schinkenstraße‹ Jahr für Jahr mit Diskos und Biergärten weiterentwickelt.«

An meinen ersten Aufenthalt an der Playa de Palma 1975 erinnere ich mich besonders, weil er mit einem skurrilen und aufregenden Erlebnis verbunden war. Ich wohnte mit Spielern meines damaligen Vereins VfB 1900 Gießen in einem Hotel in Can Pastilla. Auf unserer Tour an der Promenade entlang kehrten wir in jedem Strandcafe ein und tranken eine Runde »Lumumba«, ein damaliges Mode-Getränk aus Kakao mit einem Schuss Cognac. Nachdem ein Spieler an einer Station beim Kellner moniert hatte, es sei kein Cognac in seinem Glas Kakao, bekam er einen Schuss nachgeschüttet.

Selbst die Pferde gehen durch

So wurde mit dieser Masche an jedem der 15 »Balnearios« zusätzlich Cognac konsumiert. Mit der Folge, dass am »Balneario 15« in Arenal der Alkoholspiegel bei den meisten sehr hoch war. Bei der Frage nach der Heimfahrt - Laufen war nicht mehr erwünscht und teilweise auch nicht mehr möglich - entschieden wir uns für die an der Promenade bereitstehenden Kutschen. Doch einer der Spieler muss den Aufruf zum Einsteigen missverstanden haben und kletterte stattdessen auf eines der Pferde. Das war irritiert und stellte sich steil auf die Hinterbeine, was zur Folge hatte, dass der Spieler vom Pferd runterrutschte und die Kutsche halb umkippte. Alle Teilnehmer blieben gottseidank unverletzt, und der Kutschenführer war anschließend nur mit einem Trinkgeld davon abzuhalten, die Polizei zu holen.

Eine der angesagtesten Diskos an der Playa war das »Bolero«. In diesem Schuppen vergnügten sich hauptsächlich ältere Jahrgänge. Was ich anfangs nicht wusste und deshalb irritiert war, als man mir riet, ich solle zum Tanzen immer gleich zwei Frauen auffordern. Die Erklärung war makaber: Weil beim Gang bis auf die Tanzfläche eine Frau aufgrund des fortgeschrittenen Alters wegsterben könnte.

Apropos Alter: In der Disko »Riu-Palast« gab es zwei Bereiche. Einen größeren für das junge Publikum und einen kleineren Raum, der vorwiegend von älteren Semestern frequentiert wurde. Der hieß bei Insidern nur »das Sterbe-Zimmer«. Wenn dann mittags ein Unkundiger hörte, wie mir ein Kumpel zurief »Sehen wir uns heute Abend im Sterbe-Zimmer?«, gab es große Irritationen. Dort gab es auch mal Live-Konzerte, unter anderem von Jürgen Drews.

Dem »König von Mallorca« begegnete ich auf besondere Art und Weise. In der angesagten Disko »Paradies« gab Drews eines Abends vor vollem Haus ein Konzert. Als ich eine Pause zum Gang auf die Toilette nutzte, hörte ich plötzlich neben mir eine Stimme: »Wie war ich?« Ich schaute überrascht zur Seite und sah in das Gesicht von Drews. »Sie waren sehr gut«, antwortete ich. Aber ich fragte mich, warum solch ein bekannter Schlagerstar es nötig hatte, auf der Toilette nach positiver Resonanz und persönlicher Bestätigung zu suchen.

Auch die Polizei darf nicht fehlen

Episoden mit polizeilicher Begleitung gab es im Laufe der vielen Jahre auch. Unangenehm war jene, als ich morgens von zwei Polizisten geweckt wurde, die plötzlich vor meinem Hotelbett standen. Mein noch vom Vorabend angeheiterter Zimmergenosse vom TuSpo Ziegenhain, meinem damaligen Club, und ein Mannschaftskollege tanzten splitterfasernackt auf unserem Hotelzimmer-Balkon zu den Klängen aus einem Walkman und ließen dabei alle Körperteile schwingen - während ich nichtsahnend schlief. Die zahlreichen Schaulustigen, die sich mittlerweile unten vor dem Balkon eingefunden hatten, waren teils amüsiert und teils empört ob dieser ungewöhnlichen Darbietung. Die Polizisten nahmen die Übeltäter mit auf die nahe gelegene Wache, die sie nach Zahlung einer Ordnungsstrafe wieder verlassen durften.

Mit der Polizei hatten wir auch zu tun, als eine Gruppe von befreundeten ehemaligen Fußballern aus dem Gießen-Wetzlarer Raum es sich am Strand direkt hinter dem Promenaden-Mäuerchen bequem gemacht hatte. Zu dieser Zeit bestand schon das Verbot von Getränken am Strand. Wir hatten uns aber - wie die meisten im Sand - mit Bier und Sekt aus den nahegelegenen Supermärkten eingedeckt und konsumierten das mit wachem Blick in Richtung eventuell patroullierender Ordnungshüter. Alle hatten ihre Flaschen in den Taschen versteckt, nur eine stand sichtbar unter einer Liege. Als eine Polizistin und ihr Kollege das bemerkten, sollte der Übeltäter zu ihnen kommen. Aber mein betroffener Kumpel Thomas verkündete stattdessen laut und mit provokanter Stimme: »Ihr seid doch nur sauer, weil wir die Spanier letzte Woche im Länderspiel geschlagen haben!« Was bei mir und den Kumpels begeistertes Lachen hervorrief, worauf sich die Polizistin auf dem Mäuerchen breitbeinig postierte und laut in unsere Richtung verkündete: »In Spanien nicht lachen über Polizei - kostet einhundert Euro!« Die sammelten wir für unseren Thomas dann eilig zusammen.

Es gab einige Jahre, da traten die Fußballer-Gruppen nicht vollzählig die Heimreise an. Da gab es mal Jungs, die hatten sich am »Ballermann« in eine Bedienung verliebt und wollten spontan auf der Insel bleiben, und andere verpassten im späten Vollrausch morgens die Abfahrt des Shuttle-Busses zum Flughafen. Im glücklichsten Fall kamen sie dann mit dem Taxi noch rechtzeitig zum Abflug, ansonsten mit einer der nächsten Maschinen; was immer mit Kosten und Unannehmlichkeiten verbunden war.

Und dann gab es mal einen jungen Trainerkollegen in Nordhessen, der noch als Spieler von unserer Tour zum »Ballermann« so begeistert war, dass er sich fortan in jedem Trainer-Vertrag ausdrücklich schriftlich zusichern ließ, dass die Abschlussfahrt nach »Malle« ging. Auch er ist auch heute noch Stammgast.

gispor_1806_ballermann_1_4c
Wiedersehen am »Ballermann«: Niko Semlitsch (Dritter v.r.) mit den ehemaligen Offenbacher Fußballern (v.r.) Kurt Geinzer, Karl-Heinz Volz und Roland Waida. Links Spielervermittler Fritz Müllner. Foto: Birkhölzer © Birkhölzer

Auch interessant