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Mit Witz und der 6:0-Abwehr

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Freut sich auf seine Tätigkeit bei der HSG Wetzlar: Der neue Trainer Hrvoje Horvat (rechts) mit dem sportlichen Leiter Jasmin Camdzic. Foto: HSG © HSG

Wetzlar. Der Sturm auf die Handball-Bundesliga steht Hrvoje Horvat am Sonntag bevor. Der Sturm auf den Presseraum ist dem neuen Trainer der HSG Wetzlar schon mal bestens geglückt.

Es ist Punkt 14 Uhr am Montag Nachmittag, als Geschäftsführer Björn Seipp den Hoffnungsträger auf der grün-weißen Bank für den brisanten Abstiegskampf vorstellt. In Raum 3 im zweiten Stockwerk der Buderus-Arena tummeln sich mehrere Zeitungsjournalisten, Fotografen und die Reporter der zwei hessischen Radioanstalten.

»Ab 16 Uhr«, blickt Seipp nach seinen Begrüßungsworten voraus, »liegt der volle Fokus von uns allen auf dem Training und damit der Vorbereitung auf das Spiel gegen die Rhein-Neckar Löwen am Sonntag.« Ein Spiel, das für einen neuen Trainer kaum schwerer vorstellbar ist.

Doch was sagt der Mann, der zuletzt ausschließlich die kroatische Nationalmannschaft coachte, selbst zu seinem ersten Engagement in der besten Liga der Welt? Wie schätzt der Mann mit der hohen Stirn und der markanten Brille die schwere Aufgabe ein, eine Mannschaft, die seit einem Jahr außer Tritt geraten ist, zumindest zum Klassenerhalt zu führen? »Die Bundesliga«, antwortet Horvat in ausgezeichnetem Deutsch, »ist mir natürlich bestens bekannt. Ich habe desöfteren meine kroatischen Nationalspieler in Melsungen oder Leipzig vor Ort beobachtet.«

Und was der 44-Jährige nicht selbst sehen konnte, wurde ihm aus erster und vor allem kompetenter Hand berichtet. Denn sein Co-Trainer beim Nationalteam heißt Ivano Balic. Und das einstige Spielmacher-Idol, das seine Karriere ja in Wetzlar ausklingen ließ, machte regelrecht Werbung für das Engagement in Mittelhessen. »Hier sei alles bestens, hat er mir gesagt«, erzählt Horvat. Bestens im Umfeld mit seinen familiären Strukturen. Bestens die Arena. Bestens bestellt im sportlichen Bereich ist es derzeit aber keineswegs.

Um das zu korrigieren, hat der Vater einer Tochter und eines Sohnes jedoch schon konkrete Ideen. Die von seinem Vorgänger installierte 5:1-Abwehr, die zuletzt bereits Interimscoach Jasmin Camdzic weggefegt hat, weil sie zu kräftezehrend, aber auch zu instabil daherkam, gehört wohl endgültig der Vergangenheit an. »Punktuell«, so Horvat wird die offensivere Variante vielleicht mal wieder aus der Schublade geholt. »In der Abwehr«, so der Kroate, »können wir schneller Fortschritte machen. Im Angriff müssen wir uns Schritt für Schritt verbessern.«

Und wenn es nicht klappt? »Ist Jasko Camdzic Schuld«, sagt Horvath und muss unter dem Gelächter der Journalisten selbst schmunzeln. Genau wie bei seiner Antwort auf die Frage, ob der Druck nicht sehr hoch sei? »Druck hat nur Jasko. Der hat mich schließlich verpflichtet!« Der nächste Lacher. Ein Lacher, der aber auch klarmacht: Horvat war der Wunschkandidat des sportlichen Leiters, der sehr, sehr viel von dessen taktischen Kompetenzen hält. »Er hat überragende Leistungen als Vereinstrainer gezeigt«, lobt Camdzic und fügt hinzu: »Er soll einfach so weitermachen wie bisher.« Was sein neuer Angestellter so nicht stehen lassen mag: »Von der Antwort bin ich enttäuscht. Ich will natürlich besser werden als bisher.«

Verbessert werden wiederum soll der Kader der Domstädter nicht. Zugänge sind nicht geplant. »Es gibt zwei Dinge, die sich jeder neue Trainer wünscht«, sagt der Mann, der seit Samstagabend in Wetzlar im Hotel lebt, »das sind viel Zeit und zwei neue Spieler. Aber beides haben wir nicht.«

Wenn Horvat die Handballtaktik so fein versteht wie die deutsche Sprache, dann braucht es der HSG Wetzlar nicht bange zu sein im Abstieskampf. Aber klar: Einige Schwierigkeiten muss diese neue Handball-Ehe überstehen.

So sitzt der Trainer zwar in den kommenden drei Spielen bis zur WM-Pause auf der HSG-Bank, doch nach dem letzten Spiel des Jahres am 27. Dezember in Flensburg fliegt er direkt wieder nach Zagreb. Dort startet er die Vorbereitung mit dem Nationalteam auf die WM in Schweden und Polen. Und im Handball-verrückten Kroatien wäre alles andere als ein Titelgewinn eine Enttäuschung. Mehr Erfolgsdruck geht nicht. Und mehr an Handball-Entthusiasmus in der Familie wohl auch nicht. Denn Vater Hrvoje Horvat spielte einst beim TV Eitra in der Bundesliga. Sohnemann Hrvoje, der zur Unterscheidung den Zusatz Junior trägt, als Rückraumspieler in Kronau-Östringen.

Als Trainer ist ihm bislang alles, aber auch wirklich alles geglückt. Da müsste es schon mit dem Handball-Teufel zugehen, wenn die Mission Klassenerhalt mit den Grün-Weißen misslingt. Gelingt diese wiederum, dann würden beide Seiten ihre Zusammenarbeit über die Saison hinaus fortsetzen. In der Doppelfunktion als National- und Bundesliga-Trainer sieht Horvat kein Problem. Den Wunsch auf eine langfristige Zusammenarbeit betont auch Björn Seipp: »Wir wollten eben nicht explizit einen Feuerwehrmann verpflichten.« Aber für ein längeres Engagement muss der HSG-Hoffnungsträger eben auch die Bundesliga so im Sturm erobern wie an diesem Mittwoch den Presseraum der Buderus-Arena.

Name: Hrvoje Horvat

Geburtstag: 16.12.1977

Geburtsort: Bjelovar

Staatsbürgerschaft: kroatisch

Körpergröße: 1,91 m

Position als Spieler: Rückraum links, Rückraum Mitte

Familienstand: verheiratet, eine Tochter, einen Sohn

Trainerstationen:

2008 - 2016 RK Dubrava

2012 - 2016 Kroatien (Junioren-Nationalmannschaft)

2017 - 2018 Kroatien (Co-Trainer A-Nationalmannschaft)

2016 - 2021 RK Nexe Našice

1/2021 - heute Kroatien (A-Nationalmannschaft)

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