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Nach 50 Spielen endlich Pause

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Ryunosuke Takehara (r.) stößt nach Visum-Querelen zwar erst spät nach dem Saisonstart zur Mannschaft, hat sich beim FC Gießen aber direkt wieder festgespielt. © Bär

Gießen. Daniyel Cimen musste nur kurz überlegen, als er vor dem Fußball-Match gegen den FK Pirmasens am vergangenen Wochenende gefragt wurde, ob er spontan wisse, um das wie vielte Punktspiel des FC Gießen im Jahr 2021 es sich handele. Es war das 50. in der Regionalliga Südwest in diesem Jahr, eine in jeder Hinsicht stolze und mächtige Zahl. Fast scheint es, als sei nach der Marathon-Saison 2020/21 nach dem Zielstrich gleich die nächste gestartet worden.

Doch es ist ein bisschen anders: 22 Spieltage sind absolviert in dieser Runde. Das sind bereits knapp 60 Prozent des Gesamtprogramms. Grund genug, um pünktlich zur Winterpause eine sportliche Bilanz zu ziehen.

Auf dem Papier steht Rang 17 zu Buche. 22 Punkte bedeuten einen Abstiegsplatz. Zwei Zähler beträgt der Abstand zu Platz 15, der den Klassenerhalt bringt, falls aus der 3. Liga niemand in die Südwest-Staffel absteigen sollte. Und danach sieht es aktuell nicht aus, denn die Zweitvertretung des SC Freiburg hat eine Etage höher einen Vorsprung von sieben Zählern auf die bedrohte Zone. »Wenn wir ein bis drei Punkte mehr hätten, wäre ich unter den Umständen sehr zufrieden«, sagt Trainer Daniyel Cimen, »so bin ich nicht ganz unzufrieden, zumal wir zuletzt einiges an Punkten geholt haben.«

Die Rot-Weißen sind in Schlagdistanz zum rettenden Ufer. Das war das Minimalziel, nachdem man Anfang November sogar zeitweise die Rote Laterne des Schlusslichts übernommen hatte. Der Blick auf das Torverhältnis zeigt, woran es beim FCG gehapert hat. Während nur sieben Clubs weniger Gegentore kassiert haben (29), gibt es in puncto Angriff kein schwächeres Team als die Gießener mit lediglich 20 Treffern. »In der Offensive hatten wir personell oft nur wenige Möglichkeiten«, konstatiert Cimen, »da mussten wir sehr viel experimentieren, um überhaupt Torgefahr auszustrahlen.« Zu Saisonbeginn hatte Daniyel Cimen mehr als einmal lediglich drei oder vier Ersatzspieler zur Verfügung. Im weiteren Verlauf fehlten vor allem zahlreiche Offensivleute im Wechsel. Die Gründe dafür waren vielfältig. Erkrankungen und Verletzungen sind nicht steuerbar, zumal es sich bei näherem Hinsehen auch nicht um überbordend viele muskuläre Blessuren handelte, die Fragen nach der Belastungssteuerung aufkommen lassen könnten. Vielmehr stellten sich (wieder einmal) Fragen nach der Kaderplanung.

Auch wenn die Verantwortlichen des Clubs betont haben, sich rechtzeitig um die Visa des japanischen Trios - bestehend aus Ryunosuke Takehara, Takero Itoi und Ko Sawada - gekümmert zu haben, bleibt ein fader Beigeschmack. Für einen Regionalligisten ist es eigentlich ein Unding, dass es bis Ende Oktober dauerte, ehe der letzte der drei fix eingeplanten Akteure endlich spielberechtigt war. Mit ihnen über die kompletten Zeitraum wäre wohl mehr drin gewesen. Davon zeugt, dass sie rund 60 Prozent Torbeteiligungen aufweisen, seitdem sie dabei sind.

Dass im August im Hinspiel gegen Pirmasens, einem Mitkonkurrenten im Abstiegskampf, mit Owusu und dem kurz darauf abgewanderten Ali Ibrahimaj nur zwei Offensivspieler in der Startelf auftauchten, war kein Einzelfall. Im Grunde gab es nur eine ganz kurze Phase, in der Cimen personell für die Abteilung Attacke fünf, sechs Spieler zur Verfügung standen - bevor nach dem Kassel-Match am 20. November mit sechs Corona-Erkrankungen die Pandemie dem FCG in die Parade grätschte. Speziell den arrivierten Offensivleuten Giuseppe Burgio, Nejmeddin Daghfous und Aykut Öztürk klebte das Pech in Sachen Krankheiten und Verletzungen dick und fett am Stiefel. »Die anderen mussten häufig auf Positionen funktionieren, die nicht ihre Hauptpositionen sind. Wir hatten selten die Gelegenheit, danach zu schauen, wer zu welchem Gegner passt. Wir mussten sie auch stark reden, ohne sie zu sehr unter Druck zu setzen«, sagt Daniyel Cimen. Sawada musste beispielsweise, wie auch Donny Bogicevic oder Dennis Owusu, in vorderster Front ran - obwohl sie mehr Wiese vor sich benötigen, um ihre Stärken auszuspielen.

Wobei die Gießener Jungs und 20-jährigen Youngster Bogicevic und Owusu insgesamt viel Freude bereiteten. Bogicevic als Gestalter und mit fünf Treffern zugleich als bester Schütze, Dennis Owusu mit seiner deutlich überdurchschnittlichen Geschwindigkeit als Tempodribbler auf der Außenbahn. Nun gilt es bei beiden, die Konstanz in den Leistungen kontinuierlich zu steigern. In der Defensive und Rückwärtsbewegung sieht Cimen ebenfalls Verbesserungspotenzial. »Die individuellen Schnitzer und Stellungsfehler sind weniger geworden, zudem sind wir nicht mehr so anfällig bei Standards. Aber wir hatten zuletzt einige einfache Ballverluste, nach denen es schwer war, ins Umschaltspiel zu gelangen. Da müssen wir aufzeigen, wo wir mal Ballverluste in Kauf nehmen können. Zentral vor den Innenverteidigern, wenn der Gegner mit Tempo auf uns zuläuft, ist das schwierig«. so der Gießener Trainer. Im Abwehrzentrum ist Michael Fink der nach wie vor nicht wegzudenkende Stabilisator. Bei Marian Sarr, einst bei Borussia Dortmund als außergewöhnliches Talent gehandelt, ging die Formkurve unlängst nach oben. Er hatte nach seinem Transfer im September Anlaufzeit und Spielpraxis benötigt. Tobias Reithmeir musste nach der Umstellung von der Fünfer- auf die Viererkette das eine oder andere Mal auf den Außenverteidiger-Posten ausweichen, machte dort seine Sache allerdings ordentlich.

Erstes Treffen des Gießener Kaders im neuen Jahr ist der 7. Januar mit den obligatorischen Leistungstests, die erste Einheit auf dem Platz findet am darauffolgenden Montag statt. Die Spieler mit Nachholbedarf (Kevin Kling, Daghfous, Burgio, Öztürk) sind bereits im Lauftraining, die anderen werden nach Weihnachten mit individuellen Plänen einsteigen. Im Januar rechnet Cimen also mit der vollen Kapelle. Stand jetzt ist einzig offen, ob der jüngst erkrankte Niclas Mohr voll belastbar sein wird. Das sorgt für Zuversicht.

Hat der FCG nicht erneut überbordendes Pech mit Ausfällen, sollte das Team in der Lage sein, den Ligaverbleib zu schaffen. Es hat die Fähigkeiten dazu sowohl im Ballbesitz- als auch im Umschaltspiel, um die nötigen Punkte zu sammeln. Einstellung, Wille und Teamspirit stimmen auch. Deshalb ist mit einer Personalrochade wie im Vorjahr, als die Mannschaft im Winter in größerem Ausmaß verändert worden war, nicht zu rechnen. Gänzlich sind Transfers gleichwohl nicht auszuschließen. Automatismen einstudieren, vor allem in der Offensive, und sehen, wer mit wem harmoniert, das ist eines der Ziele der Vorbereitung.

Für die restlichen 14 Spiele: Verglichen mit dem, was der FC Gießen hinter sich hat, handelt es sich bis zum Saisonfinale am 14. Mai in Kassel fast um einen Sprint. Und da ist bekanntlich jeder Schritt umso wichtiger.

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