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Nach 60 Jahren wieder gegen Mönchengladbach

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Gießen . Ein weiteres Jahrzehnt später, in der Spielzeit 1962/63, wurde der VfB 1900 Gießen bekanntlich Hessenmeister und gemeinhin gilt der 3:2 Heimerfolg vor fast 8000 Zuschauern über den SV Wiesbaden als das Spiel, mit dem die Elf von Trainer und Alt-Nationalspieler Willibald Kreß den Titel mehr oder weniger perfekt gemacht hat. Lässt man die Saison Revue passieren, so kommt aber mindestens einer weiteren Begegnung ähnlich große Bedeutung zu, auch wenn sie aus Sicht des späteren Titelträgers alles andere als meisterlich verlief.

Man schrieb den 30. Dezember 1962 und in Mittelhessen lag Schnee. So auch in Burgsolms, wo die Gießener zum Jahresausklang noch ein Punktspiel zu absolvieren hatten. Das Hinspiel hatte man klar gewonnen und eigentlich sollte beim gegen den Abstieg kämpfenden Aufsteiger nichts anbrennen. Am folgenden Tag konnte man jedoch im Gießener Anzeiger lesen, dass man dabei gewesen sein muss, »um diese Katastrophe in ihrem ganzen Ausmaß zu erfassen«, denn Burgsolms hatte die Gießener mit 8:2 zerlegt. Es dürfte wohl kaum einen Hessenmeister geben, der mit einer ähnlich hohen Niederlage im Gepäck noch den Titel gewonnen hat. Aber für den VfB 1900 kam die Abfuhr einem reinigenden Gewitter gleich, denn von den ausstehenden 13 Begegnungen gewann er noch 11, darunter auch das besagte Spitzenspiel gegen Wiesbaden.

Wiederum eine Dekade später war an Meisterschaften für den VfB 1900 nicht mehr zu denken, auch wenn die Mannschaft 1972 zum zweiten Mal den Hessenpokal gewonnen hatte. Dafür bot sich nach genau 60 Jahren die Gelegenheit zur Revanche gegen die Borussia aus Mönchengladbach, obwohl damals wohl kaum einer der Beteiligten gewusst haben wird, dass sich die Wege der beiden Clubs 1912 schon einmal gekreuzt hatten.

Aber auch davon abgesehen sollte es eine denkwürdige Begegnung werden, denn nie zuvor und nie danach haben in Gießen mehr Zuschauer ein Fußballspiel verfolgt. Offiziell 12000 Besucher sahen den Deutschen Meister der Jahre 1970 und 1971, der im Waldstadion in stärkster Besetzung antrat und mit Günter Netzer, Jupp Heynckes Berti Vogts, Rainer Bonhof oder Herbert Wimmer mit das Beste präsentierte, was der deutsche Fußball in jenen Tagen zu bieten hatte. Noch erstaunlicher war nur, dass der VfB in dieser Partie nicht nur mithalten konnte, sondern kurz nach der Pause sogar mit 2:0 in Führung lag. Zwar gelang den Gladbachern noch der Ausgleich, aber zu einem Sieg in Gießen reichte es nicht mehr.

Eine ähnliche Unterstützung von den Rängen hätten sich die Spieler des VfB 1900 in der Saison 1981/82 sicher auch gewünscht, vielleicht wäre der Abstieg aus der Hessenliga dann noch zu vermeiden gewesen. Denn es war vor allem die eklatante Heimschwäche, die der Mannschaft am Ende das Genick brach. Nur ein einziger Heimsieg mehr und man hätte die Klasse gehalten. So gingen am 20. Mai 1982 nach einer 1:2 Niederlage beim VfR Bürstadt in Gießen die Hessenliga-Lichter aus, nach 31 Jahren und genau 1016 Spielen, in denen der Verein als Aushängeschild des heimischen Fußballs ununterbrochen im hessischen Oberhaus vertreten war.

Das Maß aller Dinge für die heimischen Clubs war nun über Jahre hinweg bestenfalls noch die viertklassige Landes- bzw. Verbandsliga und entsprechend unspektakulär (keine Regel ohne Ausnahme) fallen die Ereignisse aus, die das Fußballjahr 1992 prägten, sieht man einmal davon ab, dass der FSV Steinbach (heute Fernwald) damals nach genau 25 Jahren als Meister der Bezirksoberliga wieder die Landesebene betrat.

Dass aber immer noch ein »niedriger Tiefpunkt« (Rudi Völler) zu erreichen ist, bewies das Jahr 2002 , in dem anfangs gar kein heimischer Fußballclub mehr in der Verbands-, geschweige denn der Hessenliga vertreten war, bevor wenigstens noch der SC Gießen-Sachsenhausen ein einjähriges Gastspiel auf der Landesebene gab. Der einst so ruhmreiche VfB 1900 hatte es zu diesem Zeitpunkt sogar fertiggebracht, sich nach seinem Wiederaufstieg in die Hessenliga 1995, wirren Träumen vom bezahltem Fußball und der Verpflichtung des Weltmeisters Uwe Bein, in eine Lage zu manövrieren, in dem ihm nur noch die vorübergehende Einstellung des Spielbetriebs blieb und er im Sommer 2002 wieder ganz unten in der B-Klasse anfangen durfte.

Gemessen an solchen Auswüchsen erschien die Situation weitere zehn Jahre später, 2012 , fast schon paradiesisch, denn mit besagtem VfB, Teutonia Watzenborn-Steinberg, der TSG Wieseck und Eintracht Lollar spielten im Jahresverlauf vier Mannschaften in der Verbandsliga, während der FSV Fernwald in der Hessenliga am Ende der Saison sogar einen fast sensationell anmutenden 3. Platz erreichte.

Die Numerologie, die sich mit der symbolischen Bedeutung von Zahlen befasst, sieht in der Zwei ein Symbol für die zwei Hälften eines Ganzen. Sie sei hell und dunkel und sie verkörpere das Licht ebenso wie den Schatten. Im Grunde ist es genau das, was auch der Blick in die fußballerische Vergangenheit offenbart. Siege stehen neben Niederlagen und sportlich erfolgreiche Zeiten wechseln mit Phasen der Stagnation oder des Niedergangs. Es dürfte daher letztlich wirklich nur Zufall sein, dass sich gerade in den Jahren, die auf eine Zwei enden, im heimischen Fußball eine Reihe besonders prägnanter Ereignisse zugetragen haben.

Lernen kann man daraus wahrscheinlich nichts und noch viel weniger sollte man sich zu irgendwelchen Prognosen hinreißen lassen, denn die (Fußball-)Geschichte bietet Beispiele für alles. Was aber bleibt ist die Hoffnung, dass 2022 vielleicht wieder ein Jahr werden könnte, in dem im heimischen Fußball außergewöhnliches geschieht - und sei es nur, dass der FC Gießen allen Widrigkeiten zum Trotz wieder den Klassenerhalt in der Regionalliga schafft. P.S.: Die Jahreszahl 2 scheint übrigens nicht nur für den Fußball, sondern auch für anderen Ballsportarten im heimischen Raum eine gewisse Bedeutung zu haben. Oder ist es wieder nur Zufall, dass der MTV 1846 ausgerechnet 1962 in die Erstklassigkeit zurückkehrte, anschließend eine der erfolgreichsten deutschen Basketball-Mannschaften wurde und genau 50 Jahre später, 2012, die höchste deutsche Spielklasse verlassen musste? Und wie verhält es sich mit der Tatsache, dass die Volleyballer des USC Gießen - der Club wurde 1972 (!) gegründet - gerade 1982 ihre erste nationale Meisterschaft feiern konnten, während just in diesem Jahr auch die Handballerinnen des TV Lützellinden in die Bundesliga aufstiegen und anschließend 15 nationale und internationale Titel gewannen?

2022? Unser Autor, der Sporthistoriker Christian von Berg, hat sich auf Spurensuche begeben. Immer an der »Zwei » entlang. Und ist fündig geworden. Nach Teil 1 (1912 bis 1952) am vergangen Donnerstag beleuchtet er heute 1962 bis 2022. Und es ist was dran an der »2«, oder?

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