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Nayla wartet oft vergeblich

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Jana Becker freut sich jetzt ganz besonders auf die Wiedersehen mit Nayla. © Schepp

Lauter . Der erste Abschied fällt bekanntlich am schwersten. Auch für Jana Becker. »Wir schreiben uns noch viel. Es vergeht kein Tag, an dem wir nichts voneinander hören«, sagt die 15-Jährige aus Laubach-Lauter mit Blick auf ihre Mutter Mirjam. Seit etwas mehr als einem halben Jahr lebt die junge Leichtathletin im Sportinternat des Olympiastützpunkts Hessen im Frankfurter Stadtwald nahe dem Fußball-Stadion.

»Am Anfang war das ungewohnt«, gibt Becker unumwunden zu.

Doch inzwischen ist die Eingewöhnungsphase abgeschlossen. In Frankfurt gehen die Verantwortlichen aus Erfahrung davon aus, dass ein halbes Jahr nach dem Einzug ein mentales Tief eintritt. »Bei mir war das nicht der Fall«, blickt die junge Sportlerin aus der mittelhessischen Provinz zufrieden zurück.

Dabei hat die hochtalentierte Mittelstrecklerin den zumindest teilweisen Auszug aus ihrer familiären Heimstatt in dem knapp 800 Einwohner zählenden Laubacher Stadtteil selbst in die Wege geleitet. Das sei ihre eigene Entscheidung gewesen, bekräftigt sie. Wobei sie Beispiele wie Gesa Krause beeinflusst hätten. Schließlich sind ihre Ziele ähnlich hoch gesteckt wie bei der flinken Olympiateilnehmerin auf den längeren Strecken. In der internationalen Spitze der 800 Meter-Spezialistinnen will Jana Becker ebenfalls einmal mitlaufen.

Als sie ihren Trainer Benjamin Halft vom Ortswechsel in Kenntnis setzte, sei dieser schon überrascht gewesen. »Aber ich wusste, das ist die beste Entscheidung«, berichtet die Läuferin. Und ihr Trainer wäre mit Sicherheit irgendwann später mit diesem Ansinnen auf sie zugekommen. »So bin ich eine der Jüngsten im Internat«, sagt sie mit einem strahlenden Lächeln.

»Das gewünschte Eintrittsalter ist 15, 16 Jahre«, erklärt Thomas Neu, der Internatsleiter in Frankfurt. Nur in Ausnahmefällen würden junge Sportlerinnen und Sportler auch schon mit 14 Jahren aufgenommen. 48 Plätze, im Gegensatz zu früheren Jahren allesamt in Einzelzimmern, umfasst das Internat. »Und die sind derzeit alle belegt«, sagt Neu. »Wir sind bevorzugt für Sportarten da, die wir in Frankfurt schwerpunktmäßig unterstützen können.« Traditionell hätten viele junge Volleyballer ihre Wahlheimat in dem Gebäude in der Otto-Fleck-Schneise, das sich seit 2016 in der Trägerschaft des Olympiastützpunkts befindet und vormals vom Deutschen Turnerbund gebaut worden war. »Die Leichtathleten sind die zweitgrößte Gruppe«, sagt Neu. Neben Jana Becker gehören noch weitere 14 Nachwuchskräfte der olympischen Kernsportart zu den Bewohnern. Was nicht verwundert. Denn in Frankfurt ist auch der größte deutsche Leichtathletik-Bundesstützpunkt zu finden. »Dadurch hat die Betreuung ein höheres Niveau erreicht«, erzählt Markus Kremin, der Anfang Februar als Leiter des Olympiastützpunkts Werner Schäfer (nach 33 Jahren und elf Monaten in diesem Amt) abgelöst hat. Dazu passt, dass am Main gerade die Bedingungen für die Läufer, Springer und Werfer weiter verbessert werden. Unter anderem ist eine Kunstrasenbahn für Tempoläufe der Mittelstreckler im Bau.

In Frankfurt beste Voraussetzungen

Beste Voraussetzungen also für Jana Becker. Wie als wollte sie ihren Umzug und die Loslösung vom gewohnten Umfeld zwischen Grünberg und Laubach begründen, hat sie zum Ende der Hallensaison noch einmal für Furore gesorgt. So machte die 800 Meter-Spezialistin mit einer neuen Hallen-Topzeit von 2:06,45 Minuten auf sich aufmerksam. Zum anderen überraschte sie bei den Deutschen U20-Hallenmeisterschaften in Sindelfingen, als sie sich als 15-Jährige (!) nur knapp durch das Zielfoto der eineinhalb Jahre älteren Jolanda Kallabis beim Kampf um den deutschen Titel geschlagen geben musste.

Jana Becker weiß, dass sie auf eine ausgesprochen gelungene Hallensaison zurückblickt. »Krass, alles hat so gut geklappt«, sagt sie und gibt sich gleichzeitig ein wenig demütig. »Ich werde auch irgendwann Niederlagen erleben.« Vielleicht bei der Europameisterschaft der U18 Anfang Juli in Jerusalem. Das ist der Höhepunkt der Beckerschen Freiluftsaison in diesem Jahr. Die Trainingsvorbereitungen dafür haben begonnen - in Zusammenarbeit mit Benjamin Stalf. Der Stützpunkttrainer Lauf in Frankfurt kümmert sich seit zwei Jahren um die mittelhessische Mittelstrecken-Hoffnung. Erst gemeinsam mit Heimtrainerin Beke Lischka-Schele bei der LG Wettenberg, seit dem Umzug seines Schützlings nach Frankfurt alleine und hauptverantwortlich. Es sei eine »gute Zusammenarbeit« gewesen, blickt der 29-Jährige zurück, nachdem er die komplette Trainingsverantwortung übernommen hat. Und anerkennend fügt er an, dass er noch keinen Athleten und keine Athletin unter seinen Fittischen hatte, der oder die »in diesem Alter mental schon so weit entwickelt war«.

Dabei kommt dem Trainer-Sportlerin-Duo sicherlich die Unterstützung durch das Sportinternat zugute. Denn neben dem achtköpfigen hauptamtlichen Mitarbeiterstab (»alle mit einer pädagogischen Ausbildung«, wie Thomas Neu hervorhebt) stehen Jana Becker auch alle Möglichkeiten des Olympiastützpunkts zur Verfügung. Bei Bedarf kann die junge Athletin auf Unterstützung aus der Sportpsychologie, Ernährungsberatung, Laufbahnberatung und, und, und zurückgreifen.

Doch erst einmal steht der Realschulabschluss in der Carl-von Weinberg-Schule im benachbarten Frankfurt-Niederrad auf dem Programm, um dort danach das Abitur abzulegen. Nicht nur die auf den Sport bezogenen schulischen Rahmenbedingungen haben die Eingewöhnung erleichtert. »Ich bin selbständiger geworden«, hat die Nachwuchssportlerin schon länger registriert. »Man glaubt ja nicht, an wie viel ich jetzt denken muss ohne Mama«, sagt sie mit einem Lachen. »Ich muss mich jetzt selbst mehr organisieren.« Wozu ein neuer Freundeskreis nicht unmaßgeblich beiträgt. Und ab und an bleibt trotz Schule, Training und Betreuung auch einmal Zeit zum Shoppen in der Frankfurter Innenstadt. Natürlich nehmen weiterhin die Stunden einen großen Stellenwert ein, die die 15-Jährige, meist am Wochenende, mit der Familie in Lauter verbringt, zumal dort neben einer Katze auch Hund Nayla wartet. »Wir müssen uns keine Sorgen machen«, hat Mutter Mirjam Becker inzwischen festgestellt, dass der erste Abschied gar nicht so schwer fallen muss.

Benjamin Stalf über Jana Becker: »Jana ist sehr, sehr speziell für ihr Alter. Sie verfügt über ein unfassbar hohes Leistungsniveau. Ich habe mich zum Beginn meiner Trainertätigkeit mit ihr gefragt: wieso? Denn für ihre Leistungen hat sie ja relativ wenig gemacht. Eine Grundausbildung im Basketball und vier, fünf Tage in der Woche Leichtathletik-Training. Sie bringt eine große Veranlagung mit. Ihr größtes Talent ist, dass sie aus sehr wenig eine hohe Leistung schafft. Meine Hauptaufgabe ist, das in Bahnen zu lenken. Sie hat ein unfassbares Talent, von dem wir uns sehr viel erhoffen.«

Becker über Stalf: »Benni macht sehr, sehr gut, was er macht. Er nimmt sich für jeden Athleten viel Zeit. Er arbeitet sehr sportwissenschaftlich und ist nicht ohne Grund auch Bundestrainer. Zudem kann ich mit ihm über Alles reden.«

Benjamin Stalf (29) fungiert als beim Hessischen Leichtathletikverband als Cheftrainer Lauf Hessen und als Stützpunkttrainer Lauf. Zudem arbeitet er beim Deutschen Leichtathletikverband als Nachwuchsbundestrainer Mittelstrecke Männer. Seine aktive Karriere bei der LG Eintracht Frankfurt musste er schon 2014 verletzungsbedingt beenden. (amp)

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