Neue Bescheidenheit

Wetzlar. »Ein Hoch auf uns« ertönte es am Sonntagabend kurz nach 20.30 Uhr, als Luca Witzke über die Lautsprecher in der Wetzlarer Buderus-Arena den finalen Wurf im gegnerischen Kasten untergebracht und damit der Auswahl des Deutschen Handball-Bunds (DHB) quasi in letzter Sekunde noch einen 35:34-Sieg gegen den amtierenden Olympiasieger aus Frankreich beschert hatte.

Doch der Song zur (von Deutschland gewonnenen) Fußball-WM 2014 von Andreas Bourani passte irgendwie so gar nicht ins Bild, das die besten männlichen Ballwerfer der Republik bei ihrer Generalprobe am Ende einer intensiven Vorbereitungswoche auf die Europameisterschaft in der Slowakei und Ungarn in der Domstadt abgaben.

DHB, das scheint in diesen Tagen für »Deutsche Handball-Bescheidenheit« zu stehen. Denn trotz des Überraschungserfolgs gegen eine der besten Mannschaften der Welt wurden die Spieler, Trainer und Funktionäre nicht müde, gebetsmühlenartig zu betonen, dass es nur ein Testspiel gewesen sei, das man nicht überbewerten wolle. Eines, in dem die Teams - beide aufgrund von Rücktritten und Ausfällen einiger Routiniers - ein paar Dinge ausprobiert hätten im Hinblick auf das nun anstehende kontinentale Turnier.

Und so legte dann auch Bundestrainer Alfred Gislason in der Pressekonferenz erst einmal sein Hauptaugenmerk darauf, dass während dieses Ausprobierens auch beim Sieger längst nicht alles funktioniert hatte, und war erstaunt, »dass wir dieses Spiel trotz 13 technischer Fehler gewinnen können«. Möglicherweise habe sein Team in der ersten Halbzeit »zu viel Ehrfurcht« gehabt vor den Franzosen, die vor allem, wenn sie mit ihrer »erfahrensten Truppe gespielt haben, jeden Fehler sofort bestraft hat«, führte der seit Februar 2020 wirkende DHB-Übungsleiter als Begründung dafür an, dass die deutsche Nationalmannschaft, zu der aktuell und nach acht prominenten EM-Absagen neun Turnierdebütanten gehören, gegen den Favoriten zunächst nicht so richtig ins Rollen kam und zur Pause mit vier Toren (14:18) hinten gelegen hatte.

Einer dieser Frischlinge ist der 22 Jahre alte Luca Witzke vom SC DHfK Leipzig, der nicht nur als Matchwinner auf sich aufmerksam machte, sondern auch als hoffnungsvoller Vertreter für Spielmacher Philipp Weber. Der Ex-Wetzlarer, der vor der Saison aus Leipzig zum aktuellen Tabellenführer SC Magdeburg gewechselt war, hatte sich bei einer Angriffsaktion, die als Offensivfoul gewertet wurde, in der 23. Minute am rechten oberen Wurfarm verletzt und konnte fortan nicht mehr mitwirken. Womit die Rückkehr an die frühere Wirkungsstätte, die mit drei starken Treffern und drei unnötigen Ballverlusten begonnen hatte, vorzeitig beendet war. So musste sein Nachfolger in der sächsischen Landeshauptstadt auch hier für ihn in die Bresche springen. »Flippi hatte bis dahin ein gutes Spiel gemacht. Aber ich weiß: Wenn die Situation kommt, muss ich da sein. Das habe ich dann probiert und, denke ich, auch nicht allzu schlecht gemacht«, erklärte der junge Mittelmann, der auch von seinem Chefcoach gelobt wurde: »Luca macht zwei Tore, erzielt am Schluss das letzte. Wie gegen die Schweiz spielt er unauffällig, aber sehr effektiv für die anderen«, so Gislason über seinen zweiten Spielmacher.

Der die neue Bescheidenheit auch schon gut verinnerlicht zu haben scheint. »Es geht nicht um meinen letzten Wurf, sondern es war wichtig, dass wir noch gewonnen haben und jetzt mit einem guten Gefühl zur EM fahren können. Das hat uns als Mannschaft noch mal ein Stück mehr zusammengeschweißt«, schilderte Witzke unmittelbar nach dem Schlusspfiff fast demütig seine Emotionen und versuchte einzuordnen: »Im Turnier können jetzt Drucksituationen kommen, da wird man dann erst sehen, wie fest unser Gerüst wirklich schon ist. Es war immer noch ein Testspiel, deswegen freuen wir uns, bewerten das aber auch nicht über. Wir wollen weiter hart arbeiten«, fasste der Neuling, der beim damaligen Zweitligisten TuSEM Essen den Sprung in den Aktivenbereich vollzog und an der Lahn sein erst drittes Länderspiel absolvierte, schon abgeklärt zusammen.

Womit er in die gleiche Kerbe schlug wie die beiden erfahrenen Melsunger Julius Kühn und Kai Häfner, die - als Nachrücker - schon beim letzten großen Erfolg der deutschen Handballer, dem EM-Titel 2016, dabei waren, und in der Buderus-Arena gemeinsam mit den nächsten damaligen, das Tor der HSG Wetzlar hütenden »Bad Boy« Andreas Wolff riesigen Anteil daran hatten, dass die DHB-Auswahl aus einem 16:21-Rückstand (34. Minute) eine 27:26-Führung (45.) machte und damit - auch begünstigt durch Fehler der Franzosen - die Wende herbeiführte. »Man gewinnt nicht alle Tage gegen so eine Top-Nation wie Frankreich, aber nichtsdestotrotz müssen wir auf dem Boden bleiben«, sagte der in dieser Phase auf Halblinks mit Entschlossenheit zur Sache gehende fünffache Torschütze Kühn, der von einer in Durchgang zwei »schon ganz geilen Stimmung in der Mannschaft« und »auf jeden Fall breiteren Brust« vor dem EM-Beginn sprach.

Sein kongenialer Partner im rechten Rückraum, der mit acht Treffern zum erfolgreichsten Schützen des Abends avancierte, ergänzte: »Wir wissen, den Sieg gegen den Olympiasieger, glaube ich schon alle ganz gut einzuordnen. Es war ein Vorbereitungs- und kein Turnierspiel, das sind komplett unterschiedliche Dinge. Trotzdem tut es nach so einer anstrengenden Woche ganz gut, die so abzuschließen. Wir wissen, dass es bald losgeht, da gilt es jetzt, den Fokus drauf zu legen und gut zu starten«, so Häfner.

Deutsche Handball-Bescheidenheit in diesen Tagen also in Wetzlar. Oder - um ein weiteres Bourani-Lied zu zitieren - keine Spur von: »Ich heb‹ ab, nichts hält mich am Boden«.

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