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»Nicht mit der Tür ins Haus fallen«

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Ein Mann, der was zu sagen hat: Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds. Foto: dpa © dpa

Limburg. Schutz vor Gewalt. Energiekrise. Reform der Leistungssportreform. Bewegung nach jahrelangem Corona-Stillstand. Und nun auch noch Vorbereitung einer möglichen Olympia-Bewerbung. Das neu gewählte Präsidium des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB) unter der Führung des Limburger Rechtsanwaltes Thomas Weikert hat drängende Probleme zu bewältigen und große Herausforderungen vor der Brust.

»Wir haben wichtige Projekte zu stemmen, wir haben soeben mit der Arbeit begonnen und setzen diese auch jede Woche fort«, erklärte der 61-Jährige schon Minuten nach seiner Wiederwahl am 3. Dezember in Baden-Baden. Was er mit seinen Worten genau meint, erläutert Thomas Weikert in einem ausführlichen Gespräch mit dieser Zeitung.

Herr Weikert, Sie haben Ihren leichten Schlaganfall, den Sie im Sommer erlitten haben, inzwischen öffentlich gemacht. Ihre Ärzte haben Ihnen doch sicherlich davon abgeraten, nochmals als DOSB-Präsident zu kandidieren ...

Danke für die Erinnerung, hatte ich ganz vergessen ... Nein, ganz im Ernst ist das ein Thema, das ich mit meinen Ärzten und insbesondere mit meiner Familie intensiv besprochen habe. Medizinisch habe ich grünes Licht bekommen, und meine Familie hat es dankenswerterweise akzeptiert, dass das Präsidium und ich noch Einiges im Sport vorhaben.

434 von 438 möglichen Stimmen der Delegierten klingen gut. Sie waren aber auch der einzige Kandidat ...

Ich habe mich sehr über diesen großen Vertrauensbeweis gefreut, insbesondere auch darüber, dass das gesamte Team wiedergewählt worden ist. Mit Jens Nettekoven ist zudem ein neues Mitglied dazugekommen, der uns mit seinem Background noch vielfältiger und schlagkräftiger macht.

Wie bekommen Sie Ihr Amt an der Spitze des Deutschen Olympischen Sport-Bundes, Familie, Rechtsanwaltskanzlei, die Aufgabe als Sportkreis-Vorsitzender und Ihr Hobby Tischtennis beim TTC Elz, für den Sie noch regelmäßig an der Platte stehen, unter einen Hut?

Durch gutes Zeitmanagement (lacht).

Ihr Präsidium hat sich vor der Wahl in Baden-Baden Anfang Dezember jeweils einem sogenannten »freiwilligen Integritätscheck« unterzogen. War der wirklich nötig?

Ja, definitiv. Das gehört zu einem modernen Verband dazu. Als Präsidium wollten wir hier ein Zeichen für Integrität und Transparenz setzen. Ob Sie heute ein Unternehmen, eine Partei oder einen Sportverband leiten, es geht immer um Vertrauen.

Ihre Wiederwahl ist mit großen Erwartungen verbunden. Welche Aufgaben sind in den kommenden vier Jahren die dringlichsten?

Aktuell bewegen uns die immer noch spürbaren Folgen der Pandemie für die Sportvereine. Dazu haben wir gemeinsam mit dem Bundesinnenministerium ein bundesweites Programm zum Re-Start aufgelegt, mit dem einerseits die Gesellschaft wieder in Bewegung gebracht und andererseits die Sportvereine gestärkt werden sollen. Auch die Energiekrise trifft unsere Basis mit Wucht, hier mussten wir gegenüber dem Bund bei jedem Hilfspaket darauf drängen, den Sport nicht zu vergessen. Das beweist, wie wichtig es war, gefühlt die komplette Bundesregierung gemeinsam mit Ländern, Kommunen und uns an einem Tisch zu versammeln und den ersten deutschen Bewegungsgipfel abzuhalten. Dort haben alle Beteiligten viel guten Willen gezeigt. Jetzt kommt es darauf an, diesen auch in konkrete Politik umsetzen, damit Sport und Bewegung am Ende auch bei Gesundheit, Städtebau, Raumplanung oder Umweltschutz mitgedacht und mitgefördert werden. Bewegter, aktiver und gesünder soll dieser Prozess unser Land machen, wir haben das immer nötiger. Eine vergleichbar gute Zusammenarbeit erhoffe ich mir mit den Partnern in der Spitzensportförderung, hier also vor allem mit unseren Verbänden, unseren Athletinnen und Athleten, dem Bundesinnenministerium und den Sportministerien der Länder.

Eine unabhängigere und flexiblere Steuerung und Mittelvergabe nach sportfachlichen Kriterien ist auf dem Weg, sie wäre Athletinnen und Athleten, Trainern und Trainerinnen und dem kompletten Leistungssportpersonal zu wünschen. Und dann noch der strategische Prozess zu einer möglichen Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele, über die wir im kommenden Jahr mit der Bevölkerung und unseren Partnern diskutieren möchten.

Sie sprechen sich bei jeder Gelegenheit für Transparenz aus. Wie passt es da zusammen, dass in der Veröffentlichung des Gutachtens zu den Turbulenzen rund um Ihren Vorgänger, in dem unter anderen Ausgaben von über 700.000 Euro für Rechtsanwälte und externe Berater auftauchen, entscheidende Stellen geschwärzt sind?

Die externen juristischen Gutachter haben deutlich gemacht, dass aus Gründen des Schutzes der Persönlichkeit die Namen von Beteiligten, Befragten oder Zeugen nicht öffentlich gemacht werden sollten, wenn sie nicht ohnehin bereits Gegenstand von Berichterstattung waren. Daran haben wir uns gehalten. Im Übrigen haben wir unserer Mitgliederversammlung die Verwendung der 700 000 Euro so plausibel offengelegt, dass Präsidium und Vorstand für das Haushaltsjahr 2021 entlastet worden sind.

Unter Ihrer Führung soll der Deutsche Traum von Olympia endlich wieder Realität werden. Welche Schritte gilt es dafür zu unternehmen?

Wir beginnen im kommenden Jahr mit einem breiten und partizipativen Prozess mit möglichst vielen Interessierten. Wir wollen dabei nicht mit der Tür ins Haus fallen und möchten deshalb vor den Fragen nach einem Wo, einem Wie und einem Wann erst einmal über das Warum diskutieren. Welche Gründe sehen wir gemeinsam als tragfähige Grundlage für eine mögliche Bewerbung? Was aber bereits jetzt abzusehen ist, ist dass wir voll auf Nachhaltigkeit und damit auf bestehende Sportstätten setzen werden. Damit liegen wir auf einer Linie mit dem IOC, das seine Vergabekriterien genau in diese Richtung verändert hat.

Wie wollen Sie aber die durchaus noch immer skeptische Bevölkerung in Zeiten einer Pandemie, des Ukraine-Krieges, einer weltweiten Rezession, vor allem aber in Zeiten, in denen jeder einzelne zum Sparen angehalten wird, von der Notwendigkeit Olympischer Spiele überzeigen?

Wir wollen uns mit den Menschen in Deutschland darüber austauschen, was Olympische und Paralympische Spiele für unser Land bedeuten sowie welchen Nutzen die Spiele für die Entwicklung des Sports und der Gesellschaft insgesamt haben können. Das ist das Warum, das wir zunächst klären wollen. Wir sind davon überzeugt, dass die Vision von Olympischen und Paralympischen Spielen den organisierten Sport und die Gesellschaft zusammenbringen und ganz viel Positives auslösen kann. Schauen Sie sich einfach an, was durch die Olympischen Spiele 1972 in München entstanden ist. Und zwar durch Olympia und nicht für Olympia.

Konkret: Wann und wo könnten Olympische Spiele in Deutschland stattfinden?

Überall dort, wo Sportstätten vorhanden und die Menschen bereit sind.

Welche sind leichter auf die Beine zu stellen? Winter- oder Sommerspiele?

Ich kann nicht einerseits einen offenen Diskussionsprozess ankündigen und mich dann beim Thema Jahreszeit schon mal festlegen. Das passt nicht zusammen. Aber ganz wertfrei geantwortet: die Herausforderungen des Klimawandels für Winterspiele müssen wir natürlich mit in den Blick nehmen.

Von welchem finanziellen Rahmen reden wir?

Den können wir beginnen zu berechnen, wenn wir einen hoffentlich positiven Ausgang des Dialogs in ein Konzept münden lassen.

Nicht nur gegen Ihren Vorgänger Alfons Hörmann, sondern auch gegen Sie und Ihr neues Präsidium hat es anonyme Schreiben gegeben? Wie gehen Sie damit um? Und vor allem: Wie wollen Sie solchen Auswüchsen künftig begegnen?

Um mit der letzten Frage zu beginnen: Da gibt es kein Patentrezept, Sie können ja nicht in die Köpfe der Menschen schauen. Die Allermeisten, ob in der Politik, in der Wirtschaft oder im Sport, äußern ihre Kritik ja direkt. Dazu kann ich ermuntern. Und für diejenigen, die sich dazu nicht in der Lage fühlen, kann man Strukturen anbieten, an die sich Menschen ebenfalls direkt wenden können, ohne dass Dritte es erfahren.

Ombudsstellen und Ethikkommissionen sind vertrauenswürdig und nehmen sich der Sorgen an. All das haben wir eingerichtet. Zum Umgang: Da haben wir uns an die Spielregeln gehalten, in dem wir die Schreiben an die Kommission gegeben haben. Sie hat die Vorwürfe jeweils bewertet.

Sie haben bei Ihrer ersten Wahl in Weimar im Dezember 2021 gesagt, Sie würden nur bis 2026 im Amt bleiben wollen? Steht Ihr Wort noch?

Stand jetzt ist das der Plan.

mit Thomas Weikert

(DOSB-Präsident)

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