Nicht zum Spielball werden

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Jugendfußball-Sitzungen finden traditionell im Landgasthof "Zum Löwen beim Philipp" in Leihgestern statt. Meist gibt's im Saal ein großes Hallo, denn die Vereinsvertreter sind sich alle wohlbekannt, stehen seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten an der Jugendfußballfront. Sie betreuen, trainieren, kümmern sich um Passangelegenheiten, fahren Autos, vollgepackt mit Jugendspielern, machen den Linienrichter (und auch schon mal den Schiedsrichter), fischen Bälle aus dem Bach und Granulat aus offenen Kinderknien, trocknen Tränen oder klatschen die Jungs ab, weil sie toll gespielt haben.

Sitzungen im Jugendfußball sind Pflichtveranstaltungen, die auch mal zur Kür werden, weil man mit dem Gegner vom vergangenen Wochenende beim Weizenbier fachsimpelt, dass man verdient gewonnen habe. Ehrenamtliche im (Jugend-)Fußball sind sich zwar nicht immer einig, aber eins eint sie alle: Das Interesse und die Freude, den Kids was (an)zu bieten, ihren Sport ausüben zu können, ihnen ihre Freizeit in einem Mannschaftssport zu ermöglichen.Demzufolge war die Jugendfußballsitzung am vergangenen Freitag eine bittere Veranstaltung, bei der "Online" die Betroffenheit der Jufu-Macher zu spüren war. Denn nach dem rasch abgefragten Meinungsbild "Abbruch" oder "Weiterspielen" entspann sich dann doch eine Debatte darüber, ob und wie man aus der verfahrenen Lage einigermaßen unbeschadet rauskommt. Sprich, wie man den Jugendfußball am Leben erhalten kann. Dabei gibt es durchaus zwei Thesen, nämlich jene, dass viele Jugendliche nach der langen Zwangspause ihrem Verein den Rücken kehren, weil sie die Lust verloren haben oder merken, dass es auch ohne Kicken geht. Dies könnte bei den älteren Jahrgängen der Fall sein. Allerdings hatten die meisten Jugendtrainer zuletzt die Erfahrung gemacht, dass nach Freigabe des Trainingsbetriebs "alle Kinder dabei waren", weil eben etwas fehlt und das Verlangen nach Freunden und Ball so groß ist.Und so fällt die Entscheidung "für Abbruch" nur so eindeutig aus, weil sich alle Vereinsvertreter bewusst sind, dass Pandemie plus Politik keine andere Wahl lassen. Es gibt momentan einfach keine Alternative. Umso wichtiger ist es nun, genau das über den HFV zu den politischen Entscheidungsträgern zu transportieren: Aus Vernunftgründen stimmt die Basis für den Abbruch, seid nun, werte Politiker, aber auch so vernünftig, die Vereine ernst zu nehmen. Sie haben tragfähige Konzepte und tun alles, damit zumindest trainiert und hoffentlich auch wieder gespielt werden kann. Macht den Jugendsport nicht wie zuletzt zum Spielball, der erst dann den Anstoß erhält, wenn der Druck zu groß wird. Das haben Vereine, Ehrenamtliche und Kinder nicht verdient. Rüdiger Dittrich

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