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Ohne Fans »halt nur ein halber Hinti«

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Martin Hinteregger - auch ein Thema bei Eintracht Frankfurt. © dpa

Frankfurt. - Martin Hinteregger ist bei der Frankfurter Eintracht Kult. Spätestens als er nach einem verschossenen Elfmeter im Europacup-Halbfinale im Mai 2019 beim FC Chelsea in den Armen eines Fans tränenreich getröstet wurde, lieben und verehren ihn die Anhänger der Adler. Hinteregger ist ein Kämpfer, wahrscheinlich der größte im ganzen Team.

In der vergangenen Saison, als die Eintracht lange an der Champions-Legaue-Teilnahme schnupperte, gehörte er Woche für Woche zu den besten Spielern. Doch der 29 Jahre alte Österreicher konnte das hohe Niveau nicht halten. In der dieser Saison läuft es nicht mehr so gut, schlimmer noch: Vieles läuft schief. Das hat Gründe. »Ich beschäftige mich krass damit, woran es liegt«, ist auch der Spieler selbst auf Spurensuche. Die »Akte Hinteregger« hat viele Kapitel: Verletzungen, Ablenkungen, Lebenswandel, Vertrauensverlust, auch Corona.

Hinteregger ist nach den hohen Belastungen, denen er ausgesetzt war, nicht fit, wirkt nicht frisch. Das konnte jeder spätestens beim 0:2 gegen Bielefeld sehen. 27 Pflichtspiele hat er bereits bestritten in dieser Saison, 21 für die Eintracht in Liga und Europapokal, sechs für die Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation. Im Jahr 2021 waren es 46 Pflichtspiele. Meistens ging er dabei über die volle Distanz. Zudem war die Sommer-Vorbereitung eingeschränkt. Nach der Europameisterschaft, bei der er für Österreich zwischen dem 13. und dem 26. Juni vier Spiele jeweils über die volle Distanz bestritten hatte, war er später ins Training eingestiegen. Hinteregger ist ein also Vielspieler, der sich und seinen Körper nicht schont. Das ist durchaus grenzwertig. Am 16. September hat er sich bei einem Sturz im Europapokalspiel gegen Fenerbahce Istanbul eine schwere Schulterverletzung zugezogen. Zwei Bänderrisse wurden diagnostiziert. Doch »Hinti« hat weitergespielt, für seinen Arbeitgeber, für sein Land. »Martin ist einer, der auf die Zähne beißt. Bei ihm muss das Bein schon schief wegstehen, dass er mal nicht spielt. Er ist da ein Vorzeigeprofi«, hat Trainer Oliver Glasner noch Mitte September gesagt. Die Malaise mit der Schulter war nicht die einzige Einschränkung im ersten halben Jahr der Saison. Eine Sprunggelenksverletzung ist hinzugekommen, aktuell plagt er sich mit einer »Problematik am Schambein«. Womöglich setzt der Körper da ein Stoppsignal. Und vielleicht hätte da einer vor sich selbst geschützt werden müssen.

Die persönliche Krise des Frankfurter Abwehrspielers, der eigentlich der Abwehrchef sein sollte, hat aber noch andere Aspekte. Da ist der angeblich nicht sportlergerechte Lebenswandel. Hintereggers an sich lobenswerte Fannähe soll in diesem Bereich nicht gerade leistungsfördernd sein. In Hochzeiten spielt das keine Rolle, in Zeiten wie diesen, in denen die Leistung nicht stimmt, wird vieles hinterfragt. So soll sich der passionierte Hubschrauberpilot in den Wochen vor dem Saisonstart mehr mit der Arbeit an seinem Buch mit dem Titel »Innenansicht« beschäftigt haben als mit der Arbeit auf dem Trainingsplatz. Ob das stimmt, müssen sie bei der Eintracht wissen. Und Hinteregger muss sich beim »krassen« Hinterfragen selbst darauf eine Antwort geben.

Dass gerade ihm, dem absoluten Mentalitätsmonster, der Push von außen fehlt, wird auch immer deutlicher. Die Fans in den Stadien würden ihm »brutal fehlen«, hat er gerade erst gesagt, »das darf keine Ausrede sein - ist es auch nicht - aber ohne euch ist der Hinti halt nur ein halber Hinti«. Auch da ist was dran. Ein weiterer Aspekt für die fehlende Form ist eine durchaus nachvollziehbare Maßnahme des Trainers. Bei Oliver Glasner ist er nicht mehr uneingeschränkt gesetzt. Es gibt Spiele, da bevorzugt der Eintracht-Trainer Makoto Hasebe als zentrale Figur der abwehrenden Abteilung. Das nagt an Hinteregger. Es gibt also nicht einen Grund für Hintereggers Nachlassen. Es gibt aber auch einige Gründe, dran zu glauben, dass es besser wird. Denn Martin Hinteregger ist ein großer Kämpfer. Er weiß, was er an der Eintracht hat, er weiß, dass die Fans auch in schweren Zeiten hinter ihm stehen. »Ich werde alles dafür geben, schon bald wieder zu alter Stärke zurückzufinden«, schreibt er. Darauf können sich die Fans verlassen.

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