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Pionierin nicht nur im heimischen Fußball

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Teamarbeit ist Römer wichtig - hier mit Co Timo Günzel. © Peter Bayer

Silja Römer hat die Fußball-Männermannschaft der FSG Bessingen/Ettingshausen/Langsdorf übernommen.

Gießen . »Ich kann Abseits erklären« steht auf dem T-Shirt, das Silja Römer beim Termin zur Kaffeezeit trägt. Und das glaubt man ihr sofort. Nicht nur weil sie gerade vom Auffrischungslehrgang zur B-Lizenz (23 Männer und Silja Römer) kommt. Die 46-Jährige lebt den Fußball mit jeder Faser, kann stundenlang darüber parlieren, »Fußball«, sagt sie einmal in dem gut 90minütigen Gespräch, »ist halt mein Leben«.

Nun, das sagen viele. Meist Männer. Und da sind wir beim Anlass dieser Geschichte, die alleine dadurch, dass sie geschrieben wird, eine Botschaft transportiert. Die lautet: Immer noch ist es eine Besonderheit, dass Frauen sich so klar und deutlich zu ihrer Fußball-Passion bekennen, immer noch ist es (für die Männer) eine Überraschung, dass eine Frau wie selbstverständlich an einem Trainerlehrgang an der Sportschule Grünberg teilnimmt. Und immer noch, um zum Kern zu kommen, ist es eine absolute Ausnahme, hessenweit wohl einzigartig, dass eine Frau eine Männermannschaft, die FSG Bessingen/Ettingshausen/Langsdorf, trainiert. Und dass das im 21. Jahrhundert immer noch ein singuläres Phänomen ist, sagt etwas über die Gesellschaft.

Silja Römer ist im Fußballkreis Gießen die erste Frau, die bei den Herren im Ligabetrieb den Trainerjob bekleidet. Wie einem »Sportentwicklungsbericht« der Deutschen Sporthochschule Köln zu entnehmen ist, dürften Frauen, die Männerfußballteams coachen, bundesweit an zwei Händen abzuzählen sein. In der unter dem Titel »Gender - ein Thema für Fußballvereine« im Januar 2019 vorgelegten Arbeit ist nachzulesen, dass lediglich 8,5 Prozent der Fußball-Trainer weiblich sind. Und, so heißt es weiter: «(…) hierbei fällt auf, dass Trainerinnen am ehesten Kinder trainieren« . Und ansonsten Frauenteams. Dem nicht genug, hatte sich für die repräsentative Studie keine Frau gefunden, die eine Männermannschaft trainiert.

Silja Römer ist tatsächlich eine Ausnahmeerscheinung, sieht das aber ganz pragmatisch: »Es hat mich ehrlich gesagt geehrt, die Mannschaft zu übernehmen. Und ich habe das auch bei Oli (Oliver Heil, Fußball-Vorstand der FSG) so rausgehört, dass die Mannschaft das auch gerne probieren wollte.«

Römer hatte FSG-Trainer Steffen Becker, mit dem sie im Mädchenbereich U-Auswahlen im Stützpunkt managt und auch befreundet ist, im vergangenen Sommer während dessen Urlaub vertreten. Und fand es spannend, nach Jahren im Kinder-, Jugend- und Frauenbereich, es mal bei den Fußball-Männern zu versuchen. Der Versuchsballon funktionierte vertretungsweise prima, Becker kam zurück - und Silja Römer kickte und trainierte wieder bei der SG Reiskirchen mit ihren Mädchen und Frauen. Da Steffen Becker aber für den Sommer 2022 seinen Abschied vom Trainergeschäft verkündet hatte, es dann aber plötzlich vor ein paar Wochen schon zur Trennung kam, »wurde ich angesprochen, ob ich mir vorstellen könne, da einzuspringen«, erzählt Römer, die eigentlich Becker im Sommer ablösen wollte. »So kam das jetzt schon zustande.« Das erste Spiel bei der SG Trohe/Alten-Buseck wurde in der Kreisoberliga-Abstiegsrunde gleich mit 1:0 gewonnen, ein denkbar guter Start. Zuletzt folgte ein 0:0 beim Abstiegsrunden-Spitzenreiter TSG Leihgestern. »Das hat mir richtig gut gefallen. Da haben wir gut gestanden, gut verschoben, jeder für jeden gekämpft, nur haben wir uns nicht mit einem Tor belohnt«, hat Römer die Bandbreite des Trainer-Jargons parat, und fügt hinzu: »Das war ein gutes Spiel, obwohl ich zuletzt kaum einmal mein Training durchziehen konnte, weil ich wegen Corona immer wieder Ausfälle hatte. Von der Vierer-Kette war zuletzt kaum einer da.«

Silja Römer, die von sich selbst sagt, sie sei sehr ehrgeizig, blüht auf in ihrem Trainer-Job, vor dem sie »nie komplett eigenverantwortlich tätig war«. Co-Trainerin war sie bei der U18 der Mädchen-Hessenauswahl, zudem Regionalauswahl-Betreuerin und im Juniorenbereich war sie bis zur C-Jugend an der Seitenlinie aktiv. Sich jetzt bei den Männern ausprobieren zu können, »ist eine tolle Sache, wobei ich froh bin mit Timo Günzel einen spielenden Co-Trainer zu haben, der nah dran ist«.

Zudem gibt’s in Bessingen einen Zweitmannschafts- und einen Torwart-Trainer, was für die beruflich in der Logistikbranche tätige Fußball-Enthusiastin besonders wichtig war: »Ich habe immer gesagt, ich mache das immer im Team.«

Der Unterschied zu vielen der unzähligen Trainer-Porträts, die in dieser Zeitung schon erschienen sind, ist, dass Silja Römer aufgrund ihrer Qualifikationen einerseits sehr selbstbewusst ist (»ich kann schon eine Gruppe leiten und trainieren«), sie aber gleichwohl nicht diese bärbeißige »Ich weiß wie’s-geht-mir kann-keiner-was«-Mentalität vieler Männer an den Tag legt. Sie ist reflektiert, fragt bei den Spielern nach, »wie mein Training ankommt, ob es was zu verbessern gibt«, denn »natürlich bin ich von dem überzeugt, was ich mache, aber ein Feedback ist mir wichtig. Als ich zum Beispiel das erste Mal auf dem Platz war und es standen 29 Männer um mich herum, war das schon cool, aber natürlich war ich auch aufgeregt.«

Römer ist auch selbstkritisch (»mir unterlaufen manchmal Fehler, da denke ich, Silja, das kannst du besser«), was ihr sicher zugutekommt. Sie arbeitet da auch an sich selbst. Fußball gespielt hat Silja Römer ehedem in Villingen, und auch jetzt noch bei der SG Reiskirchen. Als ihr Sohn Moritz mit dem Kicken begann, »habe ich auch als Trainerin angefangen«, damals hat sie mit Bernhard Gerullis zudem die Jugendabteilung wiederbelebt. Moritz spielt mit Zweitspielrecht in der A-Jugend der JSG Grünberg, will im Sommer bei seinem Heimatverein in die Senioren wechseln. Da hat Römer, die bis Sommer 2023 Vertrag hat (»ich will das erst einmal ein Jahr machen, weil ich ja sehen muss, ob das passt«), schon mal nachgefragt, ob es ihm was ausmache, wenn »dich deine Mama trainiert«. Moritz meinte lapidar: »Passt schon«.

Silja Römer selbst wurde in ihrer aktiven Laufbahn, die sich jetzt im Übergang von der Spielerin (»ich helfe noch gerne aus«) zur Trainerin befindet »lieber von Männern trainiert«,

Warum aber sollte es nicht auch umgekehrt möglich sein? Vielleicht weil der Fußball doch immer noch so ein Männerding ist, wo es rau, grölend und bierlastig zugeht? Römer hat da kein Problem mit. »Ich bin gerne auf dem Sportplatz, ich gucke gerne Fußball in allen Bereichen an. Und ich gehe nach dem Training auch nicht gleich nach Hause, sondern trinke ein Bier mit.« Wenn sie nach dem Spiel im Vorbeigehen, plopp, am Kasten die Flasche aufmacht, wissen die Kerle, dass Silja Römer mit den Sitten und Riten dieser herrlichen kleinen Fußballwelt bestens vertraut ist.

Der Sportplatz gehört für die Ober-Bessingerin ebenso dazu, wie das Ehrenamt. Römer ist Mädchen- und Frauenreferentin im Kreisfußballausschuss, sie ist im Alpenverein aktiv, sie ist noch bei U-Auswahlen dabei, war früher (»als es familiär im Sport nicht so gut ging«) politisch engagiert als stellvertretende Ortsvorsteherin. Sie sagt lapidar: »Wir Römers sind so, das liegt in der Familie.«

Und Fußball liegt ihr im Blut. »An der Linie ist man so unter Druck. Das ist krass, wie intensiv man dabei ist. Ich glaube, ich verbrenne genauso viele Kalorien wie die Spieler.« Ob es einen Unterschied zwischen Männer- und Frauentraining gibt? Römer denkt nach. »Ich weiß nicht, aber als ich beim aktiven Dehnen Übungen gemacht habe, die die Spieler noch nicht kannten, haben ein paar gesagt: ,Das brauchen wir doch nicht.‹" Römer: »Ich vermute mal, sie dachten, das wären reine Frauenübungen, aber am Ende fanden sie es doch gut.« Silja Römer ist angekommen bei den Männern der FSG Bessingen/Ettingshausen/Langsdorf, mit denen der Klassenerhalt realisiert werden soll.

Römer macht interessante Beobachtungen, zum Beispiel, dass »ich mich täuschen kann, aber schon das Gefühl habe, dass manche gegnerischen Trainer nicht genau wissen, wie sie auf mich reagieren sollen, vielleicht auch, wenn ihr Team nicht so gut gegen eine von einer Frau trainierte Mannschaft spielt.«

Römer ist sich noch nicht schlüssig, ob die Beobachtung stimmt und sagt, ein weiterer Unterschied zu Männern sei wohl, dass »ich manchmal Intervall-Läufe mache, von denen ich weiß, dass die wichtig sind, mir dann aber die Spieler aus der Zweiten, die das vielleicht nicht so drauf haben, Leid tun.« Vielleicht ist gerade diese Empathie (»ich denke, Frauen sind da einfühlsamer und verständnisvoller, auch wenn einem Spieler mal ein Fehler unterläuft«), die für eine gute Chemie sorgt, die eine Mannschaft tragen kann.

Gerade wenn man weiß, dass viele altbackene Trainerkollegen eher rufen »beweg deinen A….« als zu sagen: »Ich weiß, das ist jetzt anstrengend, aber wichtig«.

Eine Frau als Trainerin von Männern ist immer noch eine Besonderheit, Silja Römer ist eine Pionierin des Fußballs. Ihres Fußballs. Eine, die Grenzen kennt: »Das wäre wichtig, das zu schreiben: Wenn ich nach dem Spiel in die Kabine komme oder meine Ansprache halte, müssen alle komplett angezogen sein. Das habe ich deutlich gemacht, denn das hat etwas mit Respekt zu tun.«

Und Respekt, den verdient sie sich. Nicht nur, aber auch wegen dieser Aktion: Beim Trainerlehrgang in Grünberg hatte die Gaststätte geschlossen. Silja Römer hat mit Weitblick »zwischendurch zwei Kästen Bier im Edeka organisiert.« Da staunten die 23 Herren. Die hätten nach Feierabend glatt auf dem Trockenen gesessen. Immerhin - eine denkt mit.

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»An der Linie steht man so unter Druck, das ist schon krass.« Silja Römer beim Coaching. © PeB
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Freut sich über die Herausforderung: Silja Römer. © Peter Bayer

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