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»Plötzlich waren alle weg«

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Von: Wolfgang Oelrich

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Es war einmal: Eintracht Lollar in der Frauen-Hessenliga. Hier das Team beim SWG-Kreispokalfinale in Langöns. Foto: Bär © Bär

Lollar . Von 100 auf 0: Bei Eintracht Lollar, jahrelang die Nummer eins im Kreis Gießen, wird kein Frauenfußball mehr gespielt. Nachdem die zweite Mannschaft in der Gruppenliga bereits Ende der vorigen Saison aufgrund Spielerinnenmangels zurückgezogen wurde, hat der Vorstand nun auch die erste Mannschaft in der Hessenliga abgemeldet. Mehr als ein halbes Dutzend der Kickerinnen schnüren künftig beim FC Gießen die Fußballschuhe.

Dass etwas passieren musste, war klar. Sowohl Eintracht Lollar als auch der FC Gießen kämpften mit massivem Spielerinnenschwund. Da lag der Gedanke nahe, zwei Kranke zu einem Gesunden zusammenzuführen. Entsprechende Gespräche nahmen beide Vereine vor gut vier Wochen auf. Die Lollarer boten den Gießenern an, deren Spielerinnen aufzunehmen und in die Hessenligamannschaft zu integrieren. Eine Spielgemeinschaft war für die Eintrachtler aufgrund persönlicher Animositäten auf Ebene der Führungskräfte kein Thema.

Doch es kam anders. Die Lollarer Spielerinnen entschieden sich für einen Wechsel zum FC, obwohl sie dort nur in der Gruppenliga spielen. »Ohne Erklärung und Ankündigung waren plötzlich alle weg«, bedauert der Eintracht-Vorsitzende Markus Müll-Hennig, der über viele Vorgänge »verwundert« ist und einen »bitteren Beigeschmack« beklagt. Dass die jungen Frauen lieber in der Gruppenliga für den FC Gießen auflaufen wollen als in der Hessenliga für Eintracht Lollar, will ihm nicht in den Kopf. »Die Mädels haben bei uns doch gelebt wie der liebe Gott in Frankreich«, sagt er. »Eigene Kabine, Fahrtenerstattung.« Aber viele hätten offenbar keinen Bezug zum Verein gehabt, seien ein Verein im Verein gewesen. Aus Kreisen der abgewanderten Spielerinnen verlautet dagegen, sie hätten sich nicht wertgeschätzt gefühlt.

Müll-Hennig kündigt an, dass der Frauenfußball bei Eintracht Lollar damit nicht gestorben ist. Der Betrieb im Nachwuchsbereich läuft weiter. »Und da sind wir gut aufgestellt«, meint der Vorsitzende trotzig. »Wir stecken den Kopf jetzt nicht in den Sand. Nächstes Jahr, spätestens übernächstes Jahr kommen wir mit einer Frauenmannschaft zurück.« Dann allerdings ganz unten in der Kreisoberliga.

Wie kam es zu dieser Implosion? Marisoll Thielmann, Auswahltrainerin im Lahn-Dill-Kreis, sollte als neuer Coach frischen Wind in den Frauenfußball bei Eintracht Lollar bringen. Doch vor allem aufgrund von Verletzungen, beruflich bedingten Umzügen und Rückkehr nach dem Studium in die Heimat standen ihr nur noch 15 Spielerinnen zu Verfügung.

Ein Auszug: Steffi Peil und Hannah Wudy droht nach schweren Verletzungen das Karriereende, Jessica Viehmann wechselte zu Blau-Gelb Marburg, Caroline Amend zu Hessen Wetzlar, Lorena Preiß und Laila Koch beenden ihre Fußballkarriere. Thielmann befand einen 15-köpfigen Kader für zu klein für den Spielbetrieb in der Hessenliga und trat das Traineramt nicht an. Stattdessen ging sie zu Blau-Gelb Marburg.

Für die Gießener ist der Niedergang bei Eintracht Lollar ein unverhofftes Glück. Beim FC lief es für den Frauenfußball, erst vor einem Jahr durch den Wechsel der Mannschaft des FFC Pohlheim entstanden, nicht gut. In der vergangenen Saison trat die Mannschaft in der Verbandsliga mehrmals nur zu acht oder zu neunt an, kassierte deftige Schlappen und stieg ab. Dass die sehr junge Truppe aber überhaupt auflief, zeigt den Zusammenhalt der Mädels. Das war für die Lollarerinnen, die sich bei der Eintracht offensichtlich nicht zu Hause fühlten, vermutlich der Grund für den Wechsel. FC-Notvorstand Turgay Schmidt hat mit den Frauen Großes vor. Er sicherte ihnen volle Unterstützung des Vorstands zu und will sie als Marke aufbauen.

Von Lollar nach Gießen gewechselt sind: Zoe und Rene Koch, Larissa Schmidt, Laurina Graff, Charlene Becker, Henrike Groß, Agnes Jocksch, Katharina Hainer und Tess Brandt.

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