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Porträt einer hessischen Fußball-Legende

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gispor050222-borfulda-bu_4c © Red

Gießen. Borussia Fulda - bis heute steht der Name für ein ruhmreiches Kapitel der hessischen Fußballgeschichte, auch wenn die großen Erfolge der Domstädter schon lange zurückliegen. Seine sportlich besten Zeiten erlebte der Club, der 1904 gegründet wurde und heute gemeinsam mit dem TSV Lehnerz als SG Barockstadt in der Hessenliga an den Start geht, nämlich in den 1930er und 1940er Jahren, als man sogar um die Deutsche Meisterschaft spielte und auf Gegner wie den Dresdner SC, den 1.

FC Nürnberg oder Schalke 04 traf. Nationale Titel hat Fulda zwar damals nicht gewinnen können, aber es gibt nur wenige Fußballvereine in Hessen, die eine vergleichbare Vita vorzuweisen haben.

Auch später zählte Borussia Fulda noch lange zur hessischen Spitze und spielte zwischen 1957 und 1964 für einige Jahre in der zweithöchsten deutschen Spielklasse. Dann begann jedoch ein langer Abstieg, der bis in die Gruppenliga führte, bevor sich Mitte der 1990er Jahre noch einmal erfolgreichere Jahre in der Regionalliga Süd anschlossen. Aber die Renaissance war nicht von Dauer, denn spätestens im neuen Jahrtausend nahmen die wirtschaftlichen Probleme dermaßen überhand, dass es sogar zum Zwangsabstieg in die Verbandsliga kam. Zwar gelang noch einmal ein Comeback im hessischen Oberhaus, aber die Liaison mit dem Nachbarn aus Lehnerz schien schließlich doch der bessere Weg in die Zukunft zu sein.

Von all dem erzählt der eng mit dem Fußball in Fulda verbundene Autor Ralph Kraus kompetent und kurzweilig. Auf Basis einer Vielzahl von Quellen lässt er Saison für Saison Revue passieren und liefert dabei en passant auch sämtliche Spielerkader und Punktspielergebnisse seit 1922 mit. All dies ist garniert mit ausgewählten Spielerportraits und vielen Anekdoten. Wie etwa der Odyssee der Vereinsfahne, die sich einst bei einem Trödler in New Jersey wiederfand. Oder dem Bericht über einen atemberaubenden Pokalkampf gegen die Offenbacher Kickers, den die Borussen nach einem 0:5-Rückstand noch mit 8:6 gewannen. Illustriert ist das großformatige Werk zudem mit vielen tollen Bildern aus der Geschichte des Clubs, zu denen auch ein Schnappschuss aus dem Sommer 1963 zählt, der die Fuldaer Elf gemeinsam mit Jazz-Legende Louis Armstrong auf dem Bahnhof von Ingolstadt zeigt.

Und auch aus lokaler Perspektive liest man das Buch mit Gewinn, stößt man doch auf viele Querverbindungen zum heimischen Fußball. Seien es die ersten Freundschaftsspiele gegen Gießener Vereine, die schon vor dem 1. Weltkrieg stattfanden (wobei allerdings eine 0:15-Niederlage der Borussia »unterschlagen« wird), spätere Meisterschaftsspiele in der Hessenliga oder auch Namen wie Axel Deibel, Ernst Deuchert und Hans-Jürgen Himmelmann, die bekanntlich alle auch in Gießen Fußball gespielt haben.

Apropos Hans-Jürgen Himmelmann, der in der letzten Zweitligasaison der Fuldaer 1963/64 zu ihrem besten Torschützen avancierte. Dem ehemaligen Amateur-Nationalspieler würde eventuell auffallen, dass zwei Treffer, die er damals beim 3:3 gegen die Münchener Bayern erzielt hatte, wieder einmal einem Mannschaftskameraden zugeschrieben werden. Aber das ist wirklich nur eine Randbemerkung zu einem rundum gelungen Portrait eines hessischen Traditionsvereins.

Ralph Kraus: Borussia Fulda - Geschichte und Geschichten eines Traditionsvereins, Parzellers Buchverlag Fulda, 2021, 240 Seiten, 24,90 Euro.

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