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»Prävention ist das A und O«

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Wetzlar. Björn Seipp freut sich, Jasmin Camdzic freut sich, und auch Ben Matschke freut sich. Die Idee, zum Vorbereitungsstart der HSG Wetzlar eine Story mit und über Thomas Reichel zu machen, kommt bei den sportlich Verantwortlichen des Handball-Bundesligisten gut an.

Und auch der Mann, um den es geht, bedankt sich schon kurz nach dem Ortstermin am Mittwochmorgen im Dutenhofener Sports-Plaza für das Interesse an seiner Arbeit. Die seit mehr als eineinhalb Jahren darin besteht, die Profis um Kapitän Maximilian Holst als Athletiktrainer zu betreuen. Eine Aufgabe, die im laufenden Spielbetrieb öffentlich kaum Beachtung findet. Die aber für die Grundlagen, die zu den tollen Erfolgen der Grün-Weißen führen, enorm wichtig ist. Deshalb, aber natürlich auch zur aktuellen Situation wegen Corona, haben wir uns mit dem 29-jährigen Koblenzer, der 2020 in die Fußstapfen von Jonas Rath getreten ist, unterhalten.

Thomas Reichel, wie sind Sie zur HSG Wetzlar gekommen?

Begonnen hat das Ganze mit mir als Athletiktrainer ja beim TV Hüttenberg. Adli Eyjolfsson hat mich damals 2016 geholt. Als ich 2020 mit meinem Doktorvater, Professor Karsten Krüger, aus Hannover zurückkam, haben Jonas Rath und Björn Seipp bei mir angefragt, ob ich im Zuge der angedachten Kooperation zwischen der HSG und der Universität Gießen verfügbar wäre. So hat alles angefangen mit Wetzlar.

Zuerst mit Kai Wandschneider, jetzt mit Ben Matschke als Cheftrainer ...

Schon zu Kai Wandschneider hatte ich einen sehr guten Draht. Ich durfte das machen, was meinem Konzept und der Einstellung gegenüber dem Athletiktraining in der Handball-Bundesliga entspricht. Auch Ben Matschke gibt mir jeden Freiraum. Er ist zudem Sportwissenschaftler, heißt, wir sprechen auf einer noch anderen Ebene. Wie sind die Spieler drauf oder wie intensiv kann er nach einer Athletikeinheit von mir am Morgen dann abends in der Halle mit den Jungs trainieren.

Wieviel Zeit investieren Sie für die HSG?

Neben meiner Doktorarbeit an der Uni, wo ich fest angestellt bin, gebe ich zwei Mal pro Woche Athletiktraining, basierend auf Kraft, Koordination, Beweglichkeit und Ausdauer, sowie im Bereich Regeneration. Dazu Leistungsdiagnostik. Ich muss meine Pläne ja so steuern, dass sie sich an die Belastung in Ben Matschkes Training anpassen. Und vor allem arbeite ich im präventiven Bereich, sprich, um Verletzungen vorzubeugen und den hohen Belastungen in der Wettkampfphase entgegenzuwirken.

Was heißt das genau?

Ich schaue mir die Verletzungsmuster im Handball allgemein, in unserer Mannschaft und von jedem Spieler der HSG individuell an. Dann stimme ich die Übungen darauf ab, um speziell auf Schwachstellen einzugehen und Reize zu setzen. Prävention ist das A und O.

Welche Reize haben Sie schon in der noch jungen Wintervorbereitung gesetzt?

Heute stand am Anfang die Gewebshygiene. Der eine bevorzugt dabei Stabilität, der andere nimmt die Blackroll, dehnt sich oder benutzt das Thera-Band. Dann folgte das offizielle Warmup, das Jonas Rath und ich gemeinsam, basierend auf der DOSB-Athletiktrainerausbildung, entwickelt haben. Ich arbeite dabei mit Mobilisierung, dann Beweglichkeit, sprich Stretching und Stabilisierung. Es folgten sportartspezifische Elemente wie Sprünge. Und an den Geräten hieß es heute Großmuskel-Training. Am Dienstag haben wir eine Ausdauerüberprüfung in Form eines Intervalllaufs gemacht. Zusätzlich Körperfett- und Körpergewichtmessung nach der Gans und der Schokolade über die Feiertage. Das mache ich nur in der Vorbereitung, weil ich den Jungs in der Saison nicht so auf die Socken treten will mit dem einen Kilo hier mehr oder da vielleicht weniger.

Und wie geht’s weiter?

Neben dem gezielten Muskeltraining gibt es am Donnerstag und Samstag zunächst lockere Laufeinheiten. Bedeutet 50 Minuten Ausdauer inklusive Herzfrequenzmessung. Da laufe ich selbst mit, am Anfang vorne, um die Richtung und das Tempo vorzugeben, dann setze ich mich nach hinten ab, um keinen zu verlieren.

Sechs Nationalspieler der HSG sind unterwegs. Dazu kommen die Corona-Nachrichten von der EM. Ist eine Vorbereitung für Sie als Athletiktrainer da nicht doppelt kompliziert?

Klar ist es schwierig. Mit denen, die hier sind, mache ich das Beste draus. Ansonsten horche ich natürlich nach, wie es unseren Nationalspielern und speziell den Infizierten geht. Wenn sie Symptome zeigen, müssen sie Ruhe halten. Wenn nicht, dann bekommen sie ein Heim-Workout. Wir müssen bei Corona-Erkrankungen vorsichtig mit dem Immunsystem umgehen. Die Spieler sollen langsam starten, vor allem, was die Intensität angeht. Und wenn sie zurückkommen, dann werden wir das Blut auf die Entzündungsparameter überprüfen. Da verlasse ich mich in erster Linie auf unsere Mannschaftsärzte Frank Thiel und Marco Kettrukat.

Die HSG eilt von Sieg zu Sieg. Was wäre für Sie als Athletiktrainer eine erfolgreiche Saison?

Mein Ziel ist immer, am Ende der Saison alle Spieler, so gut es geht, verletzungsfrei auf der Platte zu haben. Mein Credo: Die Leistung nicht nur stetig steigern, sondern sie auch halten zu können.

Abschließend: Zu wem haben Sie beim EM-Spiel Deutschland gegen Polen gehalten?

Ich halte zu Deutschland. Wenn ich mit meinen Eltern, die in Polen geboren sind, zusammen vor dem Fernseher sitze, ist es aber immer ein emotionales Erlebnis. Auch am Dienstag. Zumal ich durch meine Hüttenberger Zeit noch eine besondere Beziehung zu Polens Nationalspieler Szymon Sicko habe.

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