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»Protestieren und sanktionieren«

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Gießen/Limburg . China, Russland, Ukraine, dazu Sportkreis, Kanzlei, Familie - und wenn möglich zweimal pro Woche Training bei seinem TTC Elz, für den der ehemalige Bundesligaspieler noch immer in der Tischtennis-Verbandsliga an der Platte steht. Mit der zweiten Mannschaft hat er den Titel gewonnen und ihr damit zum Aufstieg in die Hessenliga verholfen.

Mit 6:1-Siegen im hinteren Paarkreuz. Und mit 5:1-Erfolgen im Doppel an der Seite von Piotr Frackowiak und René Loraing.

Die Woche ist eng getaktet für Thomas Weikert, der Anfang Dezember im thüringischen Weimar als Nachfolger von Alfons Hörmann mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gewählt worden war. Inzwischen ist der 60-jährige Rechtsanwalt aus Limburg, der zuvor Präsident des Tischtennis-Weltverbandes ITTF war, seit 100 Tagen im Amt. Es wird also Zeit, Bilanz zu ziehen und sich zu äußern über ...

... Wochen, die nicht ereignisreicher hätten sein können:

»In erster Linie ging es mir darum, durch viele Gespräche verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Ich habe dabei hoch motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennengelernt, die bester Stimmung waren und sich auf eine neue Zeitrechnung gefreut haben. Ich habe mit Verbänden, Landessportbünden, Sponsoren und Politikern wie der neuen Bundesinnenministerin Nancy Faeser geredet. Wir als Präsidium haben einen neuen Vorstandsvorsitzenden und einen Vorstand für Sportentwicklung eingestellt. Im DOSB wird gerade an einem Programm zur Rückgewinnung von Mitgliedern in Sportvereinen gearbeitet, außerdem habe ich den Koalitionsvertrag genau studiert, um nur ein paar Dinge zu nennen. Zudem habe ich mit DOSB-Vizepräsidentin Miriam Welte zusammen die Zeit während der Olympischen Winterspiele in Peking dazu genutzt, um bei den IOC-Mitgliedern dafür Werbung zu machen, dass Deutschland für den Sport weltweit eine bedeutende Rolle spielt. Die letzten Wochen waren schon recht arbeitsintensiv.«

... die Suspendierung russischer und belarussicher Sportlerinnen und Sportler von fast allen internationalen Veranstaltungen:

»Sie ist richtig und alternativlos, auch wenn klar ist, dass mit solchen Maßnahmen nicht immer die Richtigen getroffen werden. Wir machen keine Jagd auf diese Sportler, sie können in unseren nationalen Ligen, in denen sie gültige Arbeitsverträge haben, weiter aktiv sein. Sie müssen aber wissen, dass sie Staaten angehören, die das Völkerrecht massiv verletzt haben. Es wurden Grenzen überschritten, so dass es nicht mehr vertretbar ist, dass Russen und Belarussen überall ungehindert ihrem Sport nachgehen. Der Sport hat jetzt erst einmal das getan, was in seiner Macht steht: Nämlich protestieren und sanktionieren.«

... die Möglichkeiten des DOSB, Sportlern aus der Ukraine zu helfen:

»Der Sport darf sich nicht nur solidarisch erklären, sondern er muss angesichts der humanitären Katastrophe auch unmittelbare Unterstützung leisten. Deshalb haben wir zusammen mit der Stiftung Deutsche Sporthilfe einen Fonds für ukrainische Sportlerinnen und Sportler in Höhe von 100000 Euro aufgelegt, um kurzfristig Hilfe zur Verfügung zu stellen. Der Fonds fördert ab sofort Unterstützungsprojekte für in Not geratene ukrainische Sportler unmittelbar und unbürokratisch. Zudem wurde ein Spendenkonto eingerichtet, auf das jeder einzahlen kann. Die Athleten werden aber auch mittelfristig finanzielle Hilfe benötigen: Etwa bei der Ausrüstung, dem Wiederaufbau der Sportstätten, bei Trainingslageraufenthalten in Deutschland oder bei der Vermittlung von Trainerinnen. Da sind auch unsere Vereine gefordert.«

... die Streichung oder zumindest Aussetzung von Wettbewerben in Russland:

»Ein solcher Schritt ist absolut notwendig. Niemand will mehr in Russland und Belarus irgendetwas veranstalten.«

... ein Umdenken bei der Vergabe künftiger Meisterschaften:

»Da kann ich nur den ehemaligen norwegischen Skifahrer Aksel Lund Svindal zitieren, der mal gesagt hat: »Wenn du keine Lösungen parat hast, dann bis du Teil des Problems.‹ Tatsache ist, dass außer Peking nur noch Almaty in Kasachstan als Ausrichter der Winterspiele zur Wahl stand. München und Garmisch-Partenkirchen haben Nein zu Olympia gesagt, ebenso Oslo und Stockholm, zuvor schon Innsbruck und Sion in der Schweiz. Bei der Vergabe internationaler Sportveranstaltungen hat inzwischen jedoch ein Umdenken eingesetzt. Das IOC hat umgesteuert, die nächsten Olympischen Spiele finden in demokratischen Ländern wie Frankreich, Italien oder den USA statt. Menschenrechte und auch Nachhaltigkeit müssen mehr denn je auf den Prüfstand.«

... die viel zu große Nähe von Sport-Funktionären zu Diktatoren, Kriegstreibern und Autokraten wie Putin, Xi Jinping und Tamim Bin Hamad al-Thani:

»Wir müssen im internationalen Spitzensport den Umgang mit Diktatoren kritisch hinterfragen. Natürlich wissen wir alle, dass beispielsweise die Winterspiele in Peking bestens organisiert waren und die Sportler dies auch zu schätzen wussten. Aber mir fehlt momentan schlicht und einfach die Fantasie zu glauben, dass es bald wieder Fußballspiele in St. Petersburg geben wird.«

... Olympische Winterspiele in Peking, deren Probleme rund um die Themen Menschenrechte und Nachhaltigkeit durch den Krieg in der Ukraine offenbar viel zu schnell in Vergessenheit geraten:

»Klar ist, dass solche Diskussion nicht immer erst 14 Tage vor einer großen Veranstaltung aufkommen dürfen, sie müssen 365 Tage im Jahr geführt werden.«

... die wichtigsten Aufgaben des DOSB-Präsidenten in den kommenden Jahren:

»Zentrale Aufgabe wird, dass wir nach der Pandemie Mitglieder und Ehrenamtliche zurückgewinnen und damit Kinder auch wieder dazu bringen, sich zu bewegen, Sport zu treiben. Außerdem werde ich darauf drängen, dass in den Erhalt und in den Neubau von Sportstätten ebenso wie in Schwimmbäder investiert wird. Im Spitzensport dürfen Trainerinnen und Trainer keine Angst um ihren Job haben und müssen ordentlich bezahlt werden, unabhängig vom olympischen Vier-Jahres-Zyklus. Außerdem muss die Wissenschaft mehr mit ins Boot, um eine hohe Leistungsfähigkeit zu erreichen oder sie zu halten.«

... die Rückkehr Olympischer Spiele nach Deutschland als Gradmesser einer erfolgreichen Arbeit des DOSB-Präsidenten:

»Olympia in Deutschland ist kein Gradmesser meiner Arbeit, sondern ein Ziel. Dazu müssen wir zunächst einmal genau analysieren, was bei den letzten gescheiterten Bewerbungen schief gelaufen ist. Wir müssen Basisarbeit leisten, die ganzen Menschen in Deutschland überzeugen und die Politik, die Wirtschaft und nicht zuletzt die Bevölkerung auf unserer Seite wissen. Erst dann können wir uns über Termine und Orte unterhalten.«

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