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»Radsport besitzt eine Faszination«

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Wetzlar. Er weiß, wovon er spricht. Wer schon einmal eine Etappe bei der Tour de France gewonnen und sich das rot-gepunktete Trikot des Führenden in der Bergwertung überstreifen durfte, wer beim Giro d’Italia für Aufsehen sorgte, wer das Rennen rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt, besser bekannt als »Henninger Turm«, für sich entscheiden konnte und darüber hinaus zweimal Deutscher Meister auf der Straße wurde, der findet in der Radsport-Szene Gehör.

Fabian Wegmann, im Juli für die ARD bei der Frankreich-Rundfahrt drei Wochen lang Co-Kommentator des in Ober-Mörlen im Wetteraukreis lebenden Florian Naß, ist so jemand: Kompetent, sachlich in der Analyse, informativ. Nach seinem Rücktritt vor sechs Jahren ist der 42-Jährige dem Radsport in verschiedenen Funktionen treu geblieben. Er ist als Rennleiter des Sparkassen-Münsterland-Giro in seiner Heimatstadt Münster, für Eschborn-Frankfurt und für die Deutschland Tour tätig. Das Fünf-Etappen-Rennen vom 24. bis zum 28. August macht in diesem Freitag erneut in Marburg Station. Grund genug, sich im Vorfeld mit Fabian Wegmann zu unterhalten.

Fabian, nach 2019 kommt die Deutschland-Tour erneut nach Marburg. Warum?

Ganz einfach: Weil wir an Marburg nur gute Erinnerungen haben und weil im Gegenzug auch die Stadt mit uns gerne zusammengearbeitet hat. Ich denke, die Veranstaltung vor drei Jahren war eine Win-Win-Situation. Außerdem feiert Marburg seinen 800. Geburtstag. Die Stadt hat sich beworben, um ihre Schönheiten noch einmal ins Licht einer breiten Öffentlichkeit zu rücken. Diesem Wunsch haben wir gerne entsprochen.

Sie haben nun Gelegenheit, dafür zu werben, warum die Fans am Freitag an die Strecke kommen sollen.

Das Feld ist hochkarätig besetzt. 14 von 18 World-Tour-Teams haben ihre Fahrer zur Deutschland-Tour entsandt. Zahlreiche Weltklasse-Sprinter werden in Marburg um den Sieg fahren, so etwas bekommen die Radsport-Freunde nicht alle Tage geboten.

Das klingt, als hätte Deutschland nach Jahren der Tristesse wieder Lust auf Profi-Radsport ...

Auf jeden Fall. Eschborn-Frankfurt oder die Tour de France haben gezeigt, dass die Menschen zu Tausenden an die Strecke wollen. Nach Corona haben die Leute Lust, wieder auf die Straße zu gehen. Die Mails, die mich nach solchen Ereignissen erreichen, zeigen mir, dass der Radsport auf einem guten Weg ist.

Wie sauber ist der Radsport inzwischen?

Ich bin nicht so verblendet zu glauben, dass es wie in allen anderen Berufszweigen auch Betrüger gibt. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Aber ich weiß, dass der Radsport im Vergleich zu vielen anderen Sportarten sehr sauber ist. Wir haben intelligente Kontrollen, die konzipiert wurden, weil Sünder ausgepackt und Licht ins Dunkel gebracht haben.

Die Tour hat eine wechselvolle Geschichte. Täuscht es, oder wird sie immer beliebter bei den Top-Leuten?

Die Deutschland-Tour ist eines der wenigen hochkarätigen Rennen in unserem Land. Sie hat nicht nur Tradition, sondern vor allem einen guten Ruf, den wir uns lange und hart erarbeitet haben. Internationale Fahrer schätzen die oft so belächelte deutsche Gründlichkeit. Angefangen von einer sehr guten Unterbringung in Hotels bis hin zu bestens ausgebauten Straßen und Absperrgittern, die die Sicherheit der Profis erhöhen. Radsport besitzt inzwischen wieder eine große Faszination.

Wie anspruchsvoll ist die Streckenführung 2022?

Sehr anspruchsvoll! Einige Etappen sind mit denen der vergangenen Jahre zu vergleichen, die am Samstag von Freiburg hinauf zum Schauinsland hat es jedoch in sich. Ich weiß, wovon ich rede: Ich habe einige Jahre in Freiburg gelebt und bin die über elf Kilometer lange Rampe des Öfteren hinaufgefahren.

Kommen Sie selbst nach Marburg? Und vor allem: Hatten Sie schon Kontakt zum lokalen Ausrichter?

Natürlich komme ich nach Marburg, als Organisator sitze ich ja in einem Auto vor dem Feld. Ich war in den letzten Monaten einige Male in der Stadt und habe mit den lokalen Organisatoren die Streckenführung ausgearbeitet. Ansonsten kümmert sich unsere Projekt-Leiterin Maren Hopf um alles, sie stammt ja schließlich aus Marburg.

Ihr Rücktritt vom Profi-Radsport liegt inzwischen sechs Jahre zurück. Während der drei Wochen Tour de France erwecken Sie den Eindruck, als könnten Sie jede Etappe noch selbst locker fahren ...

In der Tat bin ich viele Strecken abgefahren, aber nicht alle in voller Länge. Oft ist es so, dass ich mich irgendwo zwischendurch absetzen lasse und dann noch eins, zwei Stunden auf dem Rad unterwegs bin. Für mich am Mikrofon ist es wichtig, die Kurven, den Asphalt zu spüren. Nur so kann ich den Fernsehzuschauern vermitteln, warum sich Fahrer an manchen Passagen schwertun und andere nicht.

Haben Sie den Eindruck, dass Sie im Duett mit Florian Naß inzwischen Kult für die deutschen Fernsehzuschauer sind?

Das müssen andere beurteilen. Ich kann nur sagen, dass mir die Übertragungen an der Seite von Flo Naß großen Spaß machen. Und wenn ich dann Zuschriften bekomme und sich Leute für drei unterhaltsame Wochen bedanken, so haben wir vieles richtig gemacht.

Florian Naß, Herbert Watterott oder Jürgen Emig? Bei wem war und ist der Radsport am besten aufgehoben?

Die Welt hat sich gedreht, die Möglichkeiten, die Reporter heute haben, sind andere. Über Jürgen Emig kann ich nicht viel sagen, über Herbert Watterott aber weiß ich, dass er viele Begebenheiten im Kopf hatte. Seine Karteikartensammlung war legendär. Ich denke, er sieht sein Erbe gut verwaltet, er ist mit dem, wie wir es machen, zufrieden.

Fabian Wegmann

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